Mode Neue Deutsche Meister
Die Bundesrepublik gilt immer noch als modisches Entwicklungsland. Zu Recht? Oder existiert er inzwischen doch, der Modestandort Deutschland? Eine Spurensuche.
Wolfgang Joop hatte kürzlich einen Albtraum. Wenn Wolfgang Joop das Wort „Albtraum“ sagt, mit dieser Betonung auf dem „Alb-“ und dem hinterhergeraunten „-traum“, dann schwingt der Horror noch in seiner Stimme mit. Der Modeschöpfer sitzt auf seiner Terrasse, die Augen mit einer breiten Sonnenbrille abgeschirmt, hinter ihm dunstet der Heilige See in der Sonne über Potsdam. Wenn man Glück hat, kann man hier Joops Nachbarn Günther Jauch mit dem Boot herumschippern sehen, zuletzt sollen sogar Jauch und Thomas Gottschalk gemeinsam auf dem See gesichtet worden sein.
Jetzt gerade aber könnten Jauch, Gottschalk, Blacky Fuchsberger und Frank Elstner Tretboot fahren, dabei laut rufend Joop zuwinken – er würde es nicht bemerken. Zu sehr ist er von der eigenen Geschichte gebannt. Seine Hand umklammert die Gabel, mit der er gerade noch den Obstkuchen bearbeitet hat. Joop träumte, sein Verkaufspersonal hätte ihn betrogen. Hinter seinem Rücken sei eine Kollektion seines Labels Wunderkind entwickelt und in Wien präsentiert worden: gelbe Mäntel im Stil der achtziger Jahre. Und er, Joop, stehe da, hilflos zwischen all den Hässlichkeiten, und könne es sich nicht erklären. Und dann müsse er sich von den Einkäufern der Modeketten anhören, dieser Fummel sei völlig unverkäuflich und er, Joop, leider ruiniert.
Nun ist der Bankrott von Wunderkind nicht abzusehen: Seit der Designer vor vier Jahren die erste Kollektion präsentierte, bekommt er international viel Lob. Als einziger Deutscher neben Karl Lagerfeld ist er bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris präsent. Wunderkind-Kleider sind Couture, ein Kleid kostet um die 2000 Euro.
Wer verstehen möchte, wie das mit der Mode und den Deutschen ist, mit diesen zwei Wörtern, die man ganz dicht nebeneinanderschreiben kann und die doch so viel trennt, der sollte zwei Orte besuchen. Die Terrasse der Villa Wunderkind, wo immer ein Hund zugegen ist, der einem die Schnauze auf den Schoß legt, während Wolfgang Joop seinen Tagalbträumen nachhängt. Und er muss Michael Michalsky aufsuchen. Der ist auch ein Designer in Deutschland, aber in einem anderen Deutschland.
Joops Deutschland ist Potsdam. Für ihn ist die brandenburgische Stadt Rückzugsraum. Gerade hat er seine Wohnung in New York verkauft – jetzt ist er ganz hier. Das Leben als Kosmopolit habe ihm nicht gutgetan, sagt er, nun endlich lebe er auf eigenem Grund und Boden, dort, wo er geboren sei. Er erzählt von den Damen aus Berlin, die nach dem Krieg auf dem großelterlichen Hof Gemüse kauften und dabei ihre sorgsam gepflegten Kleider aus den dreißiger Jahren trugen. Und von den nach Flieder duftenden Russinnen. Und ihren Töchtern, die – „fantastisch übertrieben!“ – immer riesige Schleifen im Haar trugen: „Übertreibung gefällt dem Künstler – und als solcher fühlte ich mich ja als kleiner Junge schon.“
Joop ist einer der größten deutschen Designer und bestimmt der deutscheste: Anders als Karl Lagerfeld hat er sich nie von seiner Heimat losgesagt. Mit JOOP! wollte er in den neunziger Jahren den deutschen Mittelstand „in Kaschmir und Lifestyle hüllen“. Die Marke hat er mittlerweile verkauft, der Mittelstand hüllt sich weiter in Baumwolle und Polyester. Nun soll Wolfgang Joops Marke Wunderkind die Oberschicht „mit Luxus trösten“.
Es ist kein ganz leichtes Verhältnis zwischen dem Designer und Deutschland. „Früher wollte ich gefallen, im Nachhinein hab ich das Gefühl, ich habe mich vielleicht angebiedert.“ Heute sucht Joop die Reibung. In Deutschland verstehe man unter Luxus vor allem feinste Stoffe, für Joop aber sind alle Materialien gleich: Er verarbeitet Fuchspelz, Plastik, Blattgold. Seine Kleider vergleicht er mit surrealistischer Kunst: eine leichte Irritation, eine sanfte Verrückung der Realität. Joop arbeitet wie ein Besessener an seinen Entwürfen, wie an einem Roman oder einer Skulptur, erzählt er, wacht nachts oft auf und macht Notizen und Skizzen. Derzeit experimentiert er mit einem schweren Möbelstoff von Jean Royère, „mit zitternden Händen – ein Meter kostet 300 Euro“.
So weit, dass er auch in Deutschland präsentieren wollte, was aus dem Jean-Royère-Stoff geworden ist, geht die Liebe zum Vaterland nicht: Bei der Berlin Fashion Week, die in den nächsten Tagen quasi vor Joops Haustür stattfindet, wird Wunderkind fehlen. Dabei läuft zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein Spektakel nach dem Vorbild der Mailänder und der Pariser Schauen – mit monumentalem Aufwand. Für vier Tage wird das Brandenburger Tor mit Zelten umschlossen, der Laufsteg führt durch die Säulen. Ein Marsch der Models durch das Berliner Wahrzeichen – die Bilder sollen um die Welt gehen. Wolfgang Joop bleibt zu Hause.
„Ich misstraue forcierten Aktionen, die nicht aus gewachsenen Voraussetzungen entstehen“, meint er. „Plötzlich heißt es: Hoppla, hoppla, jetzt sind wir alle da, der endlose Laufsteg durch Berlin wie bei der Love-Parade.“ Ohne ihn! „Ich weiß um die Fragilität meiner Marke.“ Gerade etwas scheinbar Oberflächliches wie die Mode müsse man mit äußerstem Ernst betreiben, sagt er – sonst mache man sich leicht lächerlich, „kom-plett lächerlich!“
- Datum 21.04.2008 - 08:33 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 12.07.2007 Nr. 29
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Zitat: Wolfgang Joop findet dagegen vor allem einen Berliner Stil herausragend: "Den der Nutten in der Oranienburger Straße, diese Blade Runner-Kampfweiber sind weltweit einmalig, die werden uns erhalten bleiben."
Wie so ein Oranienburger Straßennutten-Stil aussieht, zeigte gestern die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf einem spektakulären Modefoto (Seite 47 in der F.A.S. vom 15.7.2007), aufgenommen in der Berliner U-Bahnstation unter dem Alexanderplatz. Das Bild kann man auch online sehen:
"Underground Catwalk" der Marke "Redcat 7" zur Berliner Fashion-Week
Das macht in der Tat was her, und man hätte sich so ein Foto auch in der ZEIT gewünscht. Oder sind solche Modeaufnahmen etwas zu scharf für die durchschnittliche ZEIT-Leserschaft?
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