Die große Unbekannte

Kein Schild an der Tür, das auf den Verlag oder auf seine Besitzerin verweist. Aufs Läuten der Klingel hin bellen zwei Hunde, laut, wütend.

Wenige Augenblicke später sind Schritte zu hören. Wir sind in einer ruhigen Straße in Berlin-Dahlem. Hier steht die kleine Villa, in der sich regelmäßig Günter Grass, Christa Wolf und George Tabori treffen.

Um nur die bekanntesten, die langjährigen und engen Freunde des Hauses zu nennen. Sie stoßen hier gerne auf ein neues Buch an, eine Theateraufführung, eine Verfilmung. Hat jemand Geburtstag, leidet unter Geldsorgen oder einer Scheidung, lässt er sich hier feiern oder aber trösten: Grass fand hier Halt, als sich die Medien seiner Vergangenheit bei der Waffen-SS annahmen - Christa Wolf, als sie sich nach der Wende heftiger Kritik wegen ihres angeblich systemtreuen Lebens in der DDR ausgesetzt sah. Die Verstorbenen: Günter Gaus, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, war treuer Besucher in der Schweinfurthstraße, der französische Dramatiker Jean Anouilh, vor 50 Jahren einer der meistgespielten Autoren in Deutschland, war dem Haus verbunden. Hinter dieser Tür liefen die Fäden der Literatur, des Theaters, bisweilen auch der Kulturpolitik zusammen.

Sie tun es noch immer. Dank der Hausherrin, der mittlerweile 85 Jahre alten Verlegerin Dr. Maria Müller-Sommer, kurz: Maria Sommer. Fernab der Medienöffentlichkeit stiftete sie Arbeitsbeziehungen, Freundschaften, manchmal auch Abneigungen. Derart verborgen, dass keine Literaturgeschichte, kein Lexikon ihren Namen kennt. Einst nannte man solche Orte bürgerliche Salons: intime Mikrokosmen, private, ständeübergreifende Rückzugsräume für Lesungen, Diskussionen und Musik. Von der Welt abgeschieden, war man ihr dadurch überhaupt erst zugewandt.

Frau Sommer ist gleich so weit, sagt Mitarbeiter Bernd Schmidt im hellen Sommeranzug, ein Nicken, man tritt hinein in einen dunklen Flur. Kurz darauf wird die Tür zum Wohnzimmer geöffnet: Manuskripte, die sich an den Wänden emporstapeln. Auf Stühlen und samtbespannten, schweren Sesseln liegen Bücher übereinander, bilden Türme. Dunkle Biedermeiermöbel vervollständigen das wie in Bernstein konservierte Reich, in das, aufgrund einer vor dem Haus wachsenden Magnolie, nur abgemildertes Licht fällt.

Maria Sommer steht im Hintergrund. Fast übersieht man sie, so sehr ist sie Teil des Ensembles. An ihrer Seite die beiden Hunde: ein großer Schäferhund, der den Besucher mit aufgestellten Ohren anblickt, und ein kleiner, unruhiger Mischling. Frau Sommer bedeutet, Platz zu nehmen. Auf dem Sessel dort in der Ecke könne man es sich bequem machen. Maria Sommer öffnet die kleine Luke des Speiseaufzugs, der in die Wand eingelassen ist und Speisen aus der Küche im Souterrain heraufbefördert. Sie entnimmt ihm ein Tablett, auf dem eine Kaffeekanne, ein Stövchen, zwei Tassen und Gebäck platziert sind, stellt das Tablett auf den Tisch, gießt dann den Kaffee in die Tassen.

Jede Bewegung elegant berechnet, damenhaft korrekt und gleichzeitig so beiläufig und selbstverständlich, dass man nur ahnt, wie sehr die Leichtigkeit der Gesten beharrlicher Übung abgerungen wurde. Ja, ein preußisches Mädchen sei sie. Doch wenn sie ihre Arbeit hier einmal zusammenfassen dürfe, nun, sie sei eigentlich eine Puffmutter.

Puffmutter? Ja, ich habe dafür gesorgt, dass die richtigen Leute zusammen ins Bett kommen.

Maria Sommer ist eine der erfolgreichsten Bühnenverlegerinnen dieses Landes. In ihrem Haus, das zugleich der Sitz des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs ist, werden keine Bücher druckreif gemacht, sondern Theaterstücke, Radiomanuskripte oder Drehbücher lektoriert, Übersetzungen veranlasst. Wer Bücher von Günter Grass oder Christa Wolf verfilmen, George Tabori oder zahlreiche andere zeitgenössische Autoren aufführen möchte, kommt um Maria Sommer nicht herum. Sie verfügt über die Aufführungsrechte der Werke, vermittelt sie an Theater, ringt mit den Regisseuren um eine Bühnenfassung, um jedes Wort, das im Text gestrichen oder hinzugefügt werden soll. Maria Sommer hat den Verlag nach dem Zweiten Weltkrieg mit finanzieller Hilfe von Freunden dem Verleger Joseph Caspar Witsch abgekauft, der in ihm keine Zukunft mehr sah. Der Erfolg stellte sich mit der Gegenwartsdramatik aus Frankreich ein, mit Autoren wie Giraudoux und Anouilh, die in den fünfziger Jahren die deutschen Spielpläne dominierten und deren Aufführungsrechte sich Maria Sommer gesichert hatte.

Ihre Autoren hat Maria Sommer tatsächlich immer wieder verkuppelt. Mit Regisseuren, mit anderen Autoren, mit Intendanten. Das erzählt sie, erzählt sie gerne, zurückhaltend, doch eindringlich pointiert. Erzählt etwa, wie sie die Beziehung zwischen Tabori und Deutschland zuwege brachte. George Tabori, heute 93 Jahre alt Autor, Regisseur am Berliner Ensemble, dienstältester Theatermann der Welt ist Maria Sommers Entdeckung. Sie las Ende der sechziger Jahre eine amerikanische Kritik über die New Yorker Uraufführung seiner Kannibalen. Konnte man so etwas auch in Deutschland zeigen? Ein Stück, das von Kannibalismus unter Juden im KZ handelt? Maria Sommer sprach mit dem Berliner Schillertheater, das eine Aufführung wagte. Die wurde gefeiert. Doch war der Autor damals noch ein Unbekannter und musste sich weiterhin an kleinen Bühnen die Erfolge ertrotzen. Irgendwann würde sich der ganz große Durchbruch einstellen, trotz des schon damals fortgeschrittenen Alters Taboris, glaubte seine Verlegerin. Es vergingen Jahre, bis Tabori Maria Sommer die Geschichte seiner Mutter erzählte.

Sie wurde während der Nazizeit in Ungarn verhaftet und sollte in ein Vernichtungslager gebracht werden auf abenteuerliche Weise gelang ihr die Flucht. Sollte er aus dieser Geschichte ein Theaterstück machen, fragte er seine Verlegerin. Ja, unbedingt. So entstand mit Mutters Courage eines der meistgespielten Stücke der Gegenwart.

Tabori gehe es schlecht, berichtet Maria Sommer, sie sitze häufig an seinem Bett in diesen Tagen. Für sein neues Stück Gesegnete Mahlzeit, derzeit am Berliner Ensemble zu sehen, musste schließlich der Chefdramaturg Hermann Beil die Regie übernehmen. Tabori sei kaum noch ansprechbar, nur mühsam zu verstehen. Doch manchmal gebe es diese wachen Momente, den alten Zauber. Sie habe ihm kürzlich am Krankenbett erzählt, dass sie in ihrem Haus gestolpert sei und sich eine leichte Kopfverletzung zugezogen habe. Fall nicht hin, habe Tabori da gesagt. Und wenn du fällst, dann nicht runter, sondern rauf.

Maria Sommer ist old school, meint Hermann Beil, auf die Verlegerin angesprochen. Es ist ein Lob, es soll so viel heißen wie aufrichtig, sagt er, mit Qualitätssinn, solide, hilfsbereit, geduldig, bescheiden, auch fleißig und dienend. Kurzum: Sie sei bürgerlich aber im guten Sinne. Beil erzählt von Begegnungen in ihrem Verlag: Maria Sommer esse mit ihren sieben Mitarbeitern täglich zu Mittag. Immer drei Gänge. Er selbst sei manchmal Gast. Sehr festlich, das alles. Und ganz zweckfrei. Es könne, wenn er da sei, der Plan für eine Aufführung geschmiedet werden oder eben nicht.

Sei es der Theaterwissenschaftler Ivan Nagel, der Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm oder der Schriftsteller Christoph Hein sie berichten von den immer gleichen Erfahrungen: Maria Sommer vergebe manchmal begehrte Stücke an weniger renommierte Theater, wenn das Aufführungskonzept sie besonders überzeuge. Zunächst zu ihrem eigenen ökonomischen Nachteil. Sie unterstütze einen Autor, der sie begeistere, beharrlich, auch bei lang anhaltenden Misserfolgen.

Erfolgreiche Autoren wiederum binde sie nie durch langfristige Verträge, sie dürften auch wieder abspringen. Doch sie wechselten den Verlag gerade deshalb so gut wie nie. Auch der emotionalen Bindung wegen, die Maria Sommer erzeuge: Unausgeglichenheiten aller Art, bis hin zu Ehekrisen, würden Autoren an sie herantragen. Ein paradoxes Erfolgsrezept. Getragen von einer Unvernunft, die die wahre Vernunft sei - von einer Ökonomie, die nur auf langen Umwegen zu Reichtum führe.

Sie hat diese Arbeitsweise in die Gegenwart gerettet. Ihre jüngste Entdeckung ist der 42 Jahre alte Dramatiker Kai Hensel, dessen Einpersonenstück Klamms Krieg vor kurzem das meistgespielte Stück im deutschsprachigen Raum war. Das alte Spiel: Jahrelang wollte kein Theater das Drama aufführen. Maria Sommer war einmal mehr die Hebamme einer schweren Geburt.

Hensel erzählt, dass Stückeschreiber zunehmend zu Erfüllungsgehilfen von Theatern degradiert würden, dass sie zumeist erhebliche inhaltliche Vorgaben berücksichtigen müssten. Maria Sommer aber denke noch immer vom Autor aus, vom Werk, ganz dem Wort verpflichtet.

Deshalb sei sie als Verlegerin auch heute begehrt. Da sie dem Zeitgeist widerstrebe.

Maria Sommer war insbesondere in der Gründerzeit der Republik eine Frau inmitten einer Männerwelt. Aber das Schlagwort emanzipiert ist mir bei meiner Arbeit nie in den Sinn gekommen, sagt sie. Ihren männlichen Kollegen sicherlich schon. Es kam vor, dass sie Aufführungen (die Proben waren bereits angelaufen) verhinderte, da Regisseure aus ihrer Sicht zu starke Eingriffe in den Text vorgenommen hatten. Und es gibt Regisseure, mit denen sie gar nicht erst zusammenarbeitet. Aber ich würde niemals verraten, wen ich nicht schätze, sagt sie und lächelt freundlich.

Überhaupt muss man sich Maria Sommer als eine ausgesprochen durchsetzungsfähige Frau vorstellen. Über Jahrzehnte war sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der VG Wort, die die Eigentumsrechte von Autoren wahrnimmt und dafür sorgt, dass diese für die Zweitverwertung ihrer Werke einen finanziellen Ausgleich erhalten.

Ferdinand Melichar vom derzeitigen Vorstand erinnert sich daran, dass Maria Sommers Wahl in den siebziger Jahren umstritten war. Eine Verlegerin an der Spitze dieser Organisation, das war damals ein Novum. Sie hat sich in einer Kampfabstimmung durchgesetzt. Und so brauchte es eine kleine Weile, bis die Mitglieder registrierten, dass die neue Vorsitzende tatsächlich auch die Interessen der Autoren zu wahren suchte.

Eigentlich lag mir diese Vereinstätigkeit ja gar nicht, sagt Maria Sommer. Warum haben Sie es dann gemacht? Aus Pflichtgefühl.

Unwahrscheinlich war einst der Erfolg von Tabori. Unwahrscheinlich der von Grass. Die Gruppe 47 tagte 1956 in Niederpöcking am Starnberger See. Maria Sommer war dabei. Sie mochte das Schaulaufen der jungen Literaten und Kritiker um Hans Werner Richter nicht. Dieses Ritual, dass der Vortragende, einer Folterung gleich, während der anschließenden Diskussion nichts sagen durfte Maria Sommer verzieht das Gesicht. Doch da war dieser junge Mann mit dem Schnauzbart, so munter, so geistreich. Er las aus dem heute vergessenen Theaterstück Onkel, Onkel. Da war er noch unbekannt, die Blechtrommel war noch nicht erschienen. Abends dann das Fest der Literaten. Grass wollte mit ihr tanzen, sie ließ es geschehen. Er war ein bisschen lebhaft, und ich war ein preußisches Mädchen und machte einen steifen Hals. Da habe Günter Grass gesagt: Liebe Maria Sommer. Diesen Verlag mögen Sie führen, diesen Tanz führe ich. Von da an sei sie ihm restlos verfallen gewesen. Bis heute.

Günter Grass. Wir treffen uns in seinem Büro in Lübeck, einem kleinen Dachgeschoss in einem Altbau. Die Decke wird von blau gestrichenen Holzbalken getragen. An den Wänden: Grasssche Zeichnungen. Die Sujets: Fische und Gemüse. Grass, ganz tief in seinem Sessel, taxiert den Besucher ein wenig misstrauisch durch seine schmale Hornbrille, stopft sich langsam die Pfeife, trinkt Tee, räuspert sich, blickt kurz aus dem Fenster: Regen. Dann spricht Grass. Und gerät, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, häufigen Schweigesequenzen, schließlich in plauderhaftes Erinnern. Maria Sommer, ja, der Tanz mit ihr, wunderbar.

Und wen er alles getroffen habe in ihrem Haus, kennen oder lieben gelernt: Schauspieler, Regisseure, George Tabori natürlich. Tabori, den Mann mit der mächtigen Mähne, hätten die Grass-Kinder damals für den lieben Gott gehalten. Grass lacht. Wann mag das gewesen sein?

Anfang der siebziger Jahre? Ja, so um den Dreh. Ah, die Maria. Der Name geraunt, es klingt anerkennend. Große Verlegerin, immer mit Liebe zum Text, die Abrechnungen und Überweisungen stets pünktlich. Grass hat mit Maria Sommer einen Vertrag über seine Bühnenwerke abgeschlossen. Sie war es auch, die ihn mit Volker Schlöndorff zusammengebracht hat. So entstand die Verfilmung der Blechtrommel.

Puffmutter Grass lacht, ja, da sei was dran. Die Lesungen in ihrem Haus: legendär. Auch er habe manchmal in der Schweinfurthstraße aus seinem Werk gelesen. Dann sei gegessen worden. Und getrunken.

Kleine Pause. Grass zündet sich, nunmehr fertig gestopft, die Pfeife an. Wieder eine Erinnerung: wie Maria Sommer ihn einst dazu brachte, endlich das Drama Die Plebejer proben den Aufstand fertigzustellen.

Grass fand hierfür lange keine Zeit, machte Wahlkampf für die SPD. Da lud Maria Sommer die bekanntesten Regisseure und Schauspieler des Landes in ihr Haus ein. Und bestellte Grass dazu. Er gehorchte, gesellte sich zum Kreis, hörte sich Kritik über sein Manuskript an, verwarf Szenen, schrieb neue. So wurde aus einem unfertigen ein fertiges Drama. Es handelt vom 17. Juni 1953, vom Arbeiteraufstand in der DDR. Doch den Regisseur, der im Mittelpunkt des Stückes steht, interessieren ästhetische Probleme mehr als der Kampf der Arbeiter.

Mit der Figur war Brecht gemeint, die Plebejer wurden erstmals 1966 am Westberliner Schillertheater gegeben, und das in Ost und West geteilte Land hatte seinen Skandal. Brecht, den Säulenheiligen, derart anzugreifen! Da schrieb Helene Weigel zornige Briefe, die Brecht-Witwe suchte Aufführungen von Stücken ihres verstorbenen Gatten im Westen von nun an zu verhindern. Die sechziger Jahre, damals, als jedes Räuspern politisch war! Große Zeit für Kunst! Große Zeit für Grass!

Eine junge Schriftstellerin aus dem Osten, Christa Wolf, war auch ziemlich empört, ahnte schon vor der Uraufführung sehr richtig, dass Grass ein Antikommunist sei.

Es gibt leichtere Anekdoten von Grass und Sommer. Der Gedichtband mit Zeichnungen namens Letzte Tänze ist ihr gewidmet. Ein ziemlich erotisches, bisweilen schlüpfriges Alterswerk, das um Lenden und zarte Hüften kreist. Maria Sommer, sagt Grass, ist doch eine sehr attraktive Frau! Wir lernten uns beim Tanz kennen, haben aber nie wieder danach getanzt. Auch deshalb die Widmung. Schweigen. Es gibt ja viele ungelebte Lieben.

Grass erzählt, dass Maria Sommer ihm eine große Stütze gewesen sei, als diese Pressekampagne und Hassorgie über ihn hereingebrochen sei. Die SS-Sache. Grass wischt sie mit der Hand weg. Der böse Traum.

Immer dieses Thema, es lässt ihn nicht los, er sagt die bekannten Sätze: dass eine literarische Form für das Geständnis habe gefunden werden müssen. So etwas müsse reifen, deshalb so spät. Maria Sommer, selbst überrascht vom Geständnis, habe sofort zu ihm gehalten, absolut loyal. Wir sind gebrannte Kinder, sagt Grass.

1936 ist Maria Sommer 14 Jahre alt und BDM-Jungmädelschaftsführerin.

Bei den Olympischen Spielen tanzt sie unter Albert Speers Lichtdom.

Speer beleuchtet seinem Führer abends den Himmel mit Flakscheinwerfern, unzählige Mädchen schreiten ins Stadion, vereinen sich, von den Rängen aus gesehen, zu einem tanzenden Ornament der Masse.

Zwei Jahre später die Reichskristallnacht, Pogrome gegen Juden. Da liegt Maria Sommer mit einer Grippe im Bett. Ihre Mutter kommt von draußen, berichtet Gesehenes: die Brutalität der Straße. Da ist Maria Sommer empört: Wenn das nur der Führer wüsste! Ein Satz, den viele Zeitgenossen sich erinnern einst gedacht zu haben.

Der Vater ist schöngeistiger Stadtbaumeister in Berlin-Schöneberg, die Mutter kunstliebende Hausfrau. Von ihren Eltern lernt Maria Sommer, Barock von Rokoko zu unterscheiden, das Theater Schillers, Goethes und Kleists zu lieben. Sie besucht die Bühnen der Reichshauptstadt: Gustaf Gründgens Preußisches Staatstheater, Heinz Hilperts Deutsches Theater. Kein Stück, das ihr entgeht. Die emigrierten Gegenwartsautoren sind nicht im Repertoire. Weder im Kanon des Elternhauses noch auf den deutschen Bühnen. Als wären sie nie auf der Welt gewesen. Maria Sommer studiert und promoviert: mit einer Arbeit über Theaterzensur im 19. Jahrhundert. Der Dekan der Philosophischen Fakultät ist finster entschlossen, die Doktorurkunden am 20. April 1945 im Rahmen einer pompösen Feier zu überreichen, am Geburtstag des Führers. Doch da steht die Sowjetarmee bereits unmittelbar vor Berlin, und schwere Bombenangriffe plagen die Stadt. Brennende Straßen, Soldaten, Leichen. Man entscheidet sich, derart bedrängt, für eine eher schmuckfreie Aushändigung der Dokumente. In irgendeinem Sekretariat.

Kein Tag vergehe im Alter, an dem sie nicht an ihre Jugend im Nationalsozialismus denke. Das erzählt Maria Sommer während einer zweiten Begegnung. Sie sitzt in einem Sessel auf ihrer Terrasse. Ihr schließt sich ein kleiner Garten an. Er wird von einem Blutahorn dominiert, der blühend Schatten spendet. Zampano, der Schäferhund, wedelt mit dem Schwanz. Maria Sommer trägt ein gelbes Jackett, ein Seidentuch flattert um ihren Hals. Doch kühler als gedacht. Woher kommt das Gewissen? Ist es anerzogen? Oder gibt es ein Gewissen ganz aus sich selbst heraus? Fragen, die sie bedrängen. Und keine Antworten. Nur eine, die sie sich selbst gibt: Jeder ist schuldig, der nicht im Widerstand war. Und der SS-Skandal von Grass? Sie habe Grass gefragt, warum er die Angelegenheit überhaupt publik gemacht habe. Dass er nicht von der Welt gehen wolle, bevor seine Kinder und Enkel nicht vollständig im Bilde seien, habe Grass da geantwortet.

Ihren Verlag leitet Maria Sommer gemeinsam mit Bernd Schmidt, 49, der sich hinzusetzt. Hin und wieder tauschen die beiden vertraute Blicke aus. Seit 22 Jahren arbeiten sie bereits zusammen.

1970 starb Maria Sommers Mann, ein Arzt. Er habe sie geerdet, einst, erzählt Maria Sommer. Er sei ein Gegengift zur Theaterwelt gewesen, die sie völlig einzunehmen gedroht habe. Seit seinem Tod ist der Verlag ihre Familie. Schmidt erzählt, dass Maria Sommer immer auf den Beinen sei, sie arbeite täglich, von morgens sieben bis nachts um halb zwei, redigiere und telefoniere. Immer schaffend. Maria Sommer nickt.

Die Verlegerin fürchtet ein Missverständnis, das sich aus den Gesprächen ergeben könnte. Denn viel war die Rede von ihrer Arbeit mit Autoren, von einer Frau, die umgeben ist von berühmten Schriftstellern, selbst aber im Hintergrund agiert, als Gastgeberin, als Förderin, als Geschäftsfrau. Denken Sie aber nicht, sagt sie, und es klingt ein wenig streng, ich sei von naiver Gutmütigkeit. Ihr eigentlicher Antrieb speise sich aus einem nur schwer zu erklärenden Ich kann halt nicht anders. Einem Impuls, der mit preußischem Pflichtgefühl nicht gänzlich umrissen ist, der sich nämlich paart mit einer beinahe entrückten Erkenntnislust an Literatur. Manchmal, im Erzählfluss, fällt ihr unvermittelt ein Zitat ein, eine Wendung aus Dramen der deutschen Klassik.

Schließlich erzählt Schmidt vom 85. Geburtstag Maria Sommers, den man kürzlich zu feiern die Gelegenheit gehabt habe. Die Verlegerin hatte den Tag auf das Sorgfältigste vorbereitet und nur die engsten Vertrauten geladen: Günter Grass und Christa Wolf samt Ehepartnern sowie Bernd Schmidt. Die Gesellschaft hatte sich am frühen Nachmittag in einem Landschaftsgarten in Potsdam zu einem ausgedehnten Spaziergang eingefunden. Dann fuhr man in das nahe gelegene Hotel Bayerisches Haus, das einst König Friedrich Wilhelm IV. mit sehr viel Holz für seine bayerische Gattin erbauen ließ, da diese Heimweh hatte.

Hier nun sollte zunächst eine kleine Lesung der Dichter stattfinden, für 17 Uhr veranschlagt, deren Beginn sich allerdings um eine halbe Stunde verzögerte, da man sich auf dem Weg ins Hotel verfahren hatte.

Grass las Gedichte, Christa Wolf aus einem bislang unveröffentlichten Manuskript. Es folgte das Sieben-Gänge-Menü im Kerzenschein: Spargelvariationen. Auch zum Nachtisch: Spargel. Karamellisiert, auf Speiseeis. Diverse Rotweine rundeten den Abend ab. Am nächsten Morgen stärkten sich die Gäste mit einem ausgedehnten Frühstück, mussten aber die Gesellschaft Maria Sommers frühzeitig entbehren, da diese der Generalprobe zu Taboris Stück Gesegnete Mahlzeit beiwohnen wollte und als Erste abfuhr.

Christa Wolf war Maria Sommer bereits vor der Wende verbunden, die Aufführungs- und Filmrechte hat die Dichterin ihr dann Anfang der neunziger Jahre übertragen. Und Maria Sommer hat zu ihrer Freundschaft mit Günter Grass beigetragen. Einst standen sie sich reserviert gegenüber. Christa Wolf erschien dieser Grass suspekt, durch und durch ein Sozialdemokrat, für den Sozialismus nicht zu gebrauchen. Grass konnte wiederum nicht verstehen, weshalb Wolf, die über Jahrzehnte bespitzelt wurde, es so lange in der DDR ausgehalten hatte. Doch als Christa Wolf nach der Wende mit ihrer, wie sich schnell herausstellen sollte, harmlosen Tätigkeit für die Stasi konfrontiert wurde, verteidigte Grass sie, kritisierte die Medien, die eine Kampagne angezettelt hätten. Als Grass mit seiner SS-Vergangenheit konfrontiert wurde, verteidigte Christa Wolf ihn wiederum. Maria Sommer hat also zwei in Ost und West wirkmächtige, von der deutschen Geschichte aber in Mitleidenschaft gezogene Dichter zusammengebracht. Unter ihrer Regie vernarben die Wunden der Vergangenheit.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.M38
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