Diskrete Minensucher
Dunkel ragt die schwarze Glasfassade über den Vorplatz an der 55. Straße in Manhattan. Die Lobby des Büroturms, in cremefarbenem Marmor gehalten, wird von einer uniformierten Rezeptionistin gehütet. Auf die Frage, ob dies der Sitz von Debevoise & - Plimpton sei, fragt sie nur streng zurück: »Haben Sie einen Termin?« Ohne Termin darf sie niemanden hinauflassen.
Wer hinter die Fassade der New Yorker Anwaltskanzlei schauen will, tut sich schwer. Auch die telefonische Anfrage, mit einem der Anwälte sprechen zu dürfen, bleibt zunächst ohne Antwort, und so müssen andere ein Bild von der Firma zeichnen. » Derart renommierte Kanzleien geben sich immer recht zugeknöpft«, tröstet David Lat, Betreiber von Above the Law.com, einem Online-Nachrichtendienst für Juristen.
Lange war Debevoise & - Plimpton vor allem eine Anlaufstelle für US-Unternehmen und Behörden, doch inzwischen hat die Kanzlei auch in Übersee prominente Kunden. Zum Beispiel Siemens in Deutschland. Der Münchner Konzern hat die Anwälte für eine interne Untersuchung seiner Korruptionsaffäre angeheuert. Siemens ist an der New Yorker Börse gelistet, daher hat sich auch die US-Börsenaufsicht SEC eingeschaltet.
Und selbst das US-Justizministerium hat Interesse an dem Fall. Da ist es gut, erfahrene amerikanische Rechtsbeistände an seiner Seite zu haben.
Dass Siemens Debevoise & - Plimpton gewählt hat, überrascht Insider nicht. Zwar ist die Firma keineswegs die größte Wirtschaftskanzlei.
Betrachtet man den Umsatz, belegt sie Platz 38 auf der Liste der 100 führenden Anwaltsfirmen, die der US-Branchendienst The American Lawyer jährlich zusammenstellt. Die Mandantenliste liest sich allerdings wie das Whos who der amerikanischen Großkonzerne: American Airlines, CNN, Coca-Cola, ExxonMobil, General Electric, die Bekleidungskette Gap, der Versicherer Metlife, die Investmentbank Goldman Sachs, der Musikkonzern Universal Music oder das Onlineportal Yahoo, die New York Times und der weltgrößte Spielzeughersteller Hasbro.
Die Anwälte haben sich zudem im Sport und Entertainmentbereich einen Namen gemacht und vertraten bereits die National Football League sowie die US-Eishockeyliga National Hockey League. Auch international wenden sich Aufsichtsräte in Not inzwischen gerne an die Anwälte der Traditionsfirma, die Niederlassungen in Paris, Moskau, Hongkong, Shanghai und seit dem Jahr 2001 auch in Frankfurt unterhält. Zu den Klienten zählten unter anderem die russische Airline Aeroflot, der französische Assekuranzkonzern Axa, DaimlerChrysler, der Schweizer Pharmahersteller Novartis und der japanische Unterhaltungsriese Sony.
Seit Jahrzehnten ist die Kanzlei mit Regierung und Justiz eng verbunden
Diese hochkarätige Kundenkartei ist der Lohn für jahrzehntelange Arbeit. Gegründet wurde die Kanzlei im Jahr 1931 von Eli Whitney Debevoise und William E. Stevenson mitten in der Depressionszeit.
Debevoise beriet dann Anfang der fünfziger Jahre den Hohen Kommissar der US-Amerikaner in Deutschland. So wurde der ranghöchste Vertreter der Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Francis Plimpton, dessen Name im Jahr 1981 den von Stevenson ersetzte, war in den sechziger Jahren stellvertretender Gesandter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen. Schon früh hatte die Firma also gute Kontakte zu Regierung und Justiz, die später bei der Vertretung von Wirtschaftsinteressen von Vorteil waren.
Der Nachwuchs von Debevoise & - Plimpton wird handverlesen und fast ausschließlich aus den Klassenbesten der Elite-Unis Harvard, Yale, New York University und Columbia rekrutiert. Die Junganwälte waren vor einigen Jahren nicht immer glücklich mit dem Arbeitsklima. » Es gibt hier auf den ganzen zwölf Stockwerken keine einzige gesunde Pflanze mehr«, hinterließ ein Mitarbeiter auf einer Internetkarriereseite. Die Tätigkeit für Juniorkräfte ist meist kein Zuckerschlecken. Gerade bei langwierigen internen Untersuchungen wie im Fall Siemens müssen sie auf der Suche nach Beweisen oft monatelang unzählige Kiste mit Dokumente durchsehen oder besser gesagt, auf der Suche nach Entlastungsmaterial. » Das kann tödlich langweilig sein«, weiß David Lat, der die Kanzlei schon seit Jahren beobachtet.
Im Fall Merck etwa recherchierte Debevoise & - Plimpton rund 20 Monate lang. Der US-Pharmakonzern beauftragte die New Yorker Anwälte, den Verkaufsstopp des umstrittenen Schmerzmittels Vioxx zu untersuchen, nachdem eine Studie auf möglicherweise tödliche Nebenwirkungen hingewiesen hatte. Merck sah sich plötzlich Zehntausenden Klagen von Patienten gegenüber. Eine bedrohliche Situation für das Unternehmen.
Den heiklen Auftrag übernahm John S. Martin, einst ein Bundesrichter, bevor er bei Debevoise & - Plimpton anheuerte. Im vergangenen September legte er dann einen Bericht vor, der 180 Seiten nebst 20 Anhängen mit 1500 Seiten Beweismaterial umfasste. Die Anwälte vernahmen 150 Zeugen und rechneten 53000 Stunden ab. Martins Schluss: Die Merck-Manager hätten »angemessene Schritte« eingeleitet, um das Risiko von Vioxx zu prüfen. Dafür erhielt die Kanzlei nach Angaben der New York Times über 20 Millionen Dollar.
Das Ergebnis »war keine große Überraschung«, spottet Chris Seeger, einer der Anwälte, der Vioxx-Patienten und deren Angehörige vertritt.
»Ich habe es noch nie erlebt, dass bei einer solchen internen Untersuchung ein negatives Ergebnis für das Unternehmen herauskam.«
Für den New Yorker Schadensersatzspezialisten sind solche Unterfangen nichts weiter als »millionenteure Persilscheine für den Aufsichtsrat«.
Damit könnten die Kontrolleure klagenden Aktionären gegenüber nachweisen, dass sie ihren Job gemacht hätten. Ein wichtiger Faktor sei dabei, dass sich der zuständige Anwalt einst als Strafverfolger oder Richter einen Namen gemacht habe wie im Fall Merck. Der Pharmakonzern hat von den Fällen, die bisher entschieden wurden, neun gewonnen und fünf verloren. Brancheninsider David Lat verteidigt demgegenüber seine ehemaligen Kollegen: »Die Kanzleien haben auch einen Ruf bei den Behörden zu verlieren. Wie sieht das denn aus, wenn die Staatsanwälte oder SEC-Ermittler plötzlich eindeutige Gegenbeweise ausgraben?« Deshalb werde eine solche Untersuchung sehr gründlich ausfallen.
Der Mann, der das Korruptionsgewirr bei Siemens im Auftrag des Aufsichtsrats begutachten soll, heißt Bruce Yannett. Auch er hat wie Exbundesrichter Martin die Seiten gewechselt. Als Fachgebiet Yannetts nennt die Internetseite von Debevoise & - Plimpton: Wirtschaftskriminalität/Interne Untersuchungen. Mit brisanten Geldströmen ist Yannett gut vertraut. Ende der achtziger Jahre gehörte er zu dem Juristenteam, das die Iran-Contra-Affäre der Reagan-Regierung untersuchen sollte. Dabei ging es um Gelder aus geheimen Waffenverkäufen, die die US-Regierung heimlich an die rechtsgerichteten Contras in Nicaragua weitergeleitet hatte. Später, als stellvertretender Staatsanwalt, ermittelte er in Sachen internationaler Terrorismus, Bestechung und Geldwäsche. Als junger Anwalt war Yannett bereits vor seinem Job bei der Regierung für Debevoise & - Plimpton tätig. 1992 kehrte er dorthin zurück.
Der nahtlose Wechsel zwischen Strafverfolgung und Unternehmensverteidigung ist in den USA anders als in Deutschland keineswegs die Ausnahme. Auf diese Weise sichern sich die Kanzleien intimste Kenntnisse über die inneren Vorgänge und die Strategien der öffentlichen Strafverfolger und Ermittler. Sie wissen um deren Denkweise. Und Debevoise & - Plimpton hat diese Strategie zur Perfektion getrieben.
So hat sich die Kanzlei vor fünf Jahren einen absoluten Juristen-Superstar gesichert: Mary Jo White hat die sogenannte Drehtür wie das Pendeln zwischen öffentlichem Amt und privatem Job in den USA genannt wird gleich mehrmals durchlaufen. Wie Yannett hat auch sie als junge Anwältin in den siebziger Jahren bereits für Debevoise & - Plimpton gearbeitet, bevor sie erstmals zur Staatsanwaltschaft wechselte. In den achtziger Jahren arbeitete sie erneut für die Traditionskanzlei. Dann war sie neun Jahre lang leitende Bundesstaatsanwältin in New York, zu deren Zuständigkeitsbereich auch die Wall Street zählte. Sie war die erste Frau in der 200jährigen Geschichte der Strafverfolgungsbehörde, die diesen Posten innehatte.
Sie ermittelte unter anderem gegen die Terrorattentäter des ersten Anschlags auf das World Trade Center sowie gegen die Mafia und deren Versuche, ihren Einfluss und ihre Geschäfte auf die Börse auszudehnen.
Seit dem Jahr 2002 ist White die Leiterin der Abteilung für Streitsachen bei Debevoise & - Plimpton. Das Anliegen des Mandanten Siemens fällt in ihr Spezialgebiet interne Untersuchungen und Verteidigung von Unternehmen gegen Vorwürfe von Regierungsinstitutionen oder der US-Börsenaufsicht. » Mary Jo White ist sicher eine der besten Strafverfolger gewesen«, sagt Thane Rosenbaum, Professor an der Fordham University Law School.
Gegenüber der Presse betreibt die Kanzlei gründliche Abschottung
Seit Rosenbaum sein Buch Der Mythos einer moralischen Justiz geschrieben hat, gilt er unter seinesgleichen als Nestbeschmutzer.
Unter anderem kritisiert er darin genau diese Drehtür zwischen öffentlicher Strafverfolgung und privater Interessenverteidigung. Zur Ausbildung an den Eliteuniversitäten gehöre, dass die angehenden Juristen ohne Unterschied für beide Seiten argumentieren können.
Rosenbaum fürchtet, dass die Drehtür letztlich das Ansehen und das Vertrauen in die Justiz unterhöhlt. Für Siemens sei das Wechselspiel jedoch kein Problem. Im Gegenteil, es ist ja genau dieses Wissen, auf das Siemens setzt, um den Schaden der Korruptionsaffäre so klein wie möglich zu halten.
Spät am Abend klingelt dann doch noch das Telefon. Eine freundliche Dame stellt sich als Pressesprecherin von Debevoise & - Plimpton vor.
»Bitte wenden Sie sich bei allen Anfragen an die Siemens-Pressestelle in München.« Auch bei Fragen zu ihrer Kanzlei? Unbeirrt liest sie die Münchner Nummer vor, bevor sie mit einem herzlich-bestimmten »Vielen Dank!« auflegt.
Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/siemens-affaere
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.29
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