Geist minus Subjekt

Daniel Dennett gehört seit Langem zu den bekanntesten, aber auch zu den umstrittensten philosophischen Theoretikern des Bewussteins. Dennett liebt es, altvertraute Intuitionen und Denkgewohnheiten mit raffinierten Gedankenexperimenten und zum Teil brillanten Einfällen zu attackieren, insbesondere, wenn er es mit einem wissenschaftsfeindlichen Traditionalismus zu tun zu haben glaubt. Er selbst vertritt einen unorthodoxen, aber entschiedenen Materialismus, doch eindeutigen Festlegungen wusste er sich stets zu entziehen, indem er seine Position in einprägsamen, aber nicht immer präzisen Bildern umschrieb.

Doch auch radikale Materialisten werden zuweilen von einer gewissen Altersweisheit befallen. Bei Dennett hat dies zur Folge, dass er einige der etwas extravaganten Positionen abmildert, andere mehr oder minder übergeht freilich ohne sich ausdrücklich von ihnen zu distanzieren. Dennett kommt mit seinem neuen Buch Süße Träume auf die Themen von Consciousness Explained zurück, einer Arbeit, die vor eineinhalb Jahrzehnten publiziert wurde. Eigentlicher Anlass, sich noch einmal mit diesem Thema zu beschäftigen, dürften wohl die grundsätzlichen Einwände sein, die mittlerweile gegen seine eigenen Vorschläge erhoben worden sind.

Wirklich beeindrucken lässt sich Dennett durch diese Einwände nicht.

Nach wie vor hält er an seinem materialistischen Credo fest, demzufolge eine Wissenschaft vom Bewusstsein sich ebender Methoden bedienen muss, die sich in anderen Bereichen bewährt haben. Dies bedeutet zunächst einmal, dass eine solche Wissenschaft sich mit öffentlich zu beobachtenden und experimentell nachweisbaren Phänomenen beschäftigt. Bewusstsein wäre nur insofern ein Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, als es sich öffentlich manifestiert, also im Verhalten und in den verbalen Äußerungen bewusster Subjekte.

Wenn es um die Untersuchung von Schmerzen geht, dann muss die Wissenschaft sich an Schmerzäußerungen, Fluchtreaktionen oder die Neigung, ein Schmerzmittel zu nehmen, halten, nicht aber an die nur aus der Perspektive der ersten Person zugänglichen Qualitäten von Schmerzempfindungen.

Doch: Lassen sich Bewusstseinszustände wirklich auf diese Weise erfassen? Gewinnen wir wirklich einen Zugang zum Bewusstsein, wenn wir uns mit dem Verhalten und verbalen Äußerungen beschäftigen? Viele Philosophen sind hier anderer Meinung: Schmerzempfindungen haben eine ganz spezifische Qualität, und die sei eben nur aus der Perspektive der ersten Person zu erfahren. Abgesehen davon könne man Schmerzverhalten zeigen, ohne Schmerzen zu spüren, und Schmerzen spüren, ohne Schmerzverhalten zu zeigen. All dies scheint zu erweisen, dass man sich bei der Untersuchung von Bewusstsein nicht einfach auf Verhaltensbeobachtungen beschränken kann. Es scheint, als wäre Bewusstsein nur aus der Perspektive der ersten Person zu erfassen.

Ich meine, dass Dennett diese Auffassung zu Recht zurückweist, doch seine Argumente lassen leider sehr zu wünschen übrig. So versichert er treuherzig, nicht die Zeit seines Lesers damit verschwenden zu wollen, eine unvernünftige Überzeugung mit vernünftigen Argumenten zu widerlegen. Doch die Zeit hätte ich mir gerne genommen: Wenn die Unvernunft so klar zutage liegt, sollten die vernünftigen Argumente schnell zu ihrem Ziel kommen.

Dennett bleibt also in dieser zentralen Frage den Beweis schuldig.

Geschwächt wird damit seine an sich vernünftige These, Bewusstsein sei kein Sonderfall und die Wissenschaft vom Bewusstsein müsse sich methodisch an die allgemeinen wissenschaftlichen Standards halten.

Aufgabe einer solchen Wissenschaft sei es, die komplexen und unverstandenen Bewusstseinsphänomene auf möglichst einfache neuronale Mechanismen zurückzuführen. Dennett bestreitet nicht, dass dies dem Bewusstsein einen Teil seines besonderen Zaubers nehmen mag. Das aber sei unvermeidlich, wenn man tatsächlich verstehen wolle, wie Bewusstsein entsteht.

Zustimmen kann man Dennett auch in der Behauptung, dass eine angemessene Theorie des Bewusstseins nicht intuitiv plausibel erscheinen muss: Würde man dieses Kriterium ernst nehmen, dann müsste man auch die meisten Theorien der modernen Physik zurückweisen.

Abgesehen davon dürften viele der heute etablierten neurobiologischen Theorien früheren Generationen sehr unplausibel vorkommen: Es wäre historisch naiv, wollten wir ausschließen, dass zukünftige Theorien auch unseren Vorstellungshorizont übersteigen können.

Doch wie ist das merkwürdige Phänomen des Bewusstseins überhaupt zu fassen? Zu diesem Zweck sind schon viele Vergleiche angestellt worden, und alle führten mehr oder minder in die Irre: der Geist als Hauch, als unsterbliche Flüssigkeit, als Maschine, als Computer oder als ein Scheinwerfer, der Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rückt. Dennett fügt diesen Vergleichen einen weiteren hinzu: Bewusstsein als Ruhm. Wie Bewusstsein ist Ruhm keine Substanz, beide sind nicht an besondere Eigenschaften gebunden, doch wer berühmt ist, dessen Wirkungen strahlen weit über ihn hinaus.

Genauso sorgt Bewusstsein dafür, dass seine Inhalte größere Bedeutung für die Überlegungen einer Person gewinnen. Es gibt also eine Reihe von Parallelen. Doch hilft uns der Vergleich wirklich weiter, wenn wir verstehen wollen, was Bewusstsein ist? Liefert er uns Kriterien, um zu entscheiden, ob ein Gedanke oder eine Wahrnehmung als bewusst zählt oder nicht? Wohl kaum!

Man wird Dennett also bei seinem ambitionierten Projekt einer naturalistischen Erklärung des Bewusstseins nicht immer folgen können selbst wenn er einige Extravaganzen früherer Arbeiten vermeidet.

Negativ zu Buche schlagen die vielen Wiederholungen, die man bei der Umarbeitung der ursprünglich separat erschienenen Aufsätze zu einem Buch getrost hätte tilgen können, aber auch die Tendenz zum Selbstzitat: Die Arbeit am Bau des eigenen Denkmals überlässt man besser anderen. Doch das sind Kleinigkeiten. Wer eine zeitgemäße, zuweilen provokative, aber immer intelligent formulierte Fassung einer naturalistischen Theorie des Bewusstseins sucht, der ist mit Dennetts Süßen Träumen gut bedient und das ist schon mal etwas.

Daniel Dennett: Süße Träume

Die Erforschung des Bewußtseins und der Schlaf der Philosophie - a. d.

Engl. v. G. Reuter - Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007 - 216 S., 24,80 Euro

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.53
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