Kapitalfluss Die große Welle
Nie zuvor gab es auf der Welt so viel Kapital wie heute. Aber es konzentriert sich in wenigen Regionen und treibt dort die Kurse in die Höhe. An den armen Erdteilen fließt der mächtige Geldstrom vorbei.
Als die Russen nach Aschheim bei München kamen, haben sie nicht lange gefackelt. 2003 stieg die Anlagegesellschaft von Rustam Aksenenko bei dem wirtschaftlich angeschlagenen Modeunternehmen Escada ein. Ende 2006 hatte der Russe mehr als ein Viertel der Aktien unter seine Kontrolle gebracht, und schon zur Bilanzkonferenz im Frühling 2007 stand der Escada-Vorstandschef Frank Rheinboldt mit verschränkten Armen da und machte überhaupt einen schlechten Eindruck auf den damaligen Berichterstatter des Handelsblatts : »Es scheint, als wolle er möglichst schnell zurück in sein schützendes Büro.« Inzwischen ist Rheinboldt längst draußen, Ende Juni kündigte sein Nachfolger Jean-Marc Loubier die härtere Gangart an, die der Russe sich schon lange gewünscht hatte: Läden schließen, schnell Gewinne anstreben.
Die Russen kommen. Der Kosmetikhersteller Dr. Scheller gehört inzwischen zu mehr als 75 Prozent dem russischen Großaktionär Kalina. Der Fußballclub Schalke 04 hat einen Sponsorenvertrag mit Gasprom geschlossen, selbst am paneuropäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS halten Russen fünf Prozent. Auch die Chinesen kommen. Die Inder. Die Taiwaner. Und die Araber. Erst vergangene Woche gab die Dubai Investment Corporation bekannt, dass man drei Prozent von EADS kaufe.
Wenn man zu solchen Firmenkäufen auch noch den Immobilienerwerb, den Kauf von Schuldscheinen und Staatsanleihen addiert, dann haben Anleger aus Schwellen- und Entwicklungsländern im Jahr 2006 die stolze Summe von 640 Milliarden Dollar in der Welt angelegt – netto wohlgemerkt, nach der Aufrechnung aller Abflüsse und Zuflüsse. Zehn Jahre zuvor waren die Vorzeichen noch anders. Da legten Investoren aus aller Welt unterm Strich 80 Milliarden Dollar in den ärmeren Ländern an.
Seit etwa 1999 haben ärmere Länder in nie dagewesener Menge Geld in reiche Länder transferiert, was der Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Roach, kürzlich »eine der außergewöhnlichsten Entwicklungen in der modernen Wirtschaftsgeschichte« nannte. Doch die einkaufswütigen Kapitalanleger aus den Schwellenländern sind nur ein Teil in einem noch größeren Puzzle – der globalen Geldschwemme. Die Weltwirtschaft kann sich gegenwärtig vor günstigen Finanzierungsmöglichkeiten kaum noch retten – vor Kapital, dessen Eigner nach attraktiven Renditen Ausschau halten und keine Grenzen kennen. Nie wurden mehr Finanzmittel von Land zu Land verschoben, nie wurden mehr Firmen unterschiedlicher Herkunft zusammengelegt – und nie war es einfacher, für solche Transaktionen an Kredite zu gelangen.
Woher das viele Geld kommt, ist am einfachsten für die Länder zu beantworten, die kostbare Rohstoffe exportieren. Die Golfstaaten, Russland, Venezuela und einige afrikanische Länder profitieren von den Rekordpreisen für Öl, Brasilien verdient Devisen durch den Export von Sojabohnen und seltenen Metallen.
Dann ist da die große Gruppe erfolgreicher Schwellenländer, die immer noch unter dem Schock der Asien- und Russlandkrise in den späten 1990er Jahren steht. In Ländern wie Thailand oder Südkorea wird verhältnismäßig viel gespart und wenig investiert, aus Angst vor einem neuen Finanzkrach geben weder die Regierungen noch die Unternehmen genug Geld aus. So bleibt auch dort viel Kapital übrig.
Vor allem gibt es aber China, das als Werkbank der Welt die Exportüberschüsse schneller einsammelt, als es sie ausgeben kann. Außerdem gehört das Riesenreich zu jenen Ländern, wo die Menschen zunehmend privat fürs Alter vorsorgen müssen – Schwellenländer ohne großes staatliches Rentensystem sind davon genauso betroffen wie alternde europäische Gesellschaften mit ihren hohen Ansprüchen an den Lebensstandard. So häufen sich Jahr für Jahr Geldsummen bei Lebensversicherungen, Pensionsfonds und Investmentfonds, die Rendite bringen sollen. »In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Volumen in den weltweiten Investitionsfonds verdreifacht«, jubelt Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank. Es stieg von 6.000 Milliarden Dollar auf 20.000 Milliarden Dollar.
Die Zentralbanken nährten die große Geldschwemme. Die Notenbanken Chinas, Russlands oder Brasiliens haben in den vergangenen Jahren gewaltige Devisenreserven angehäuft, indem sie heimischen Unternehmen die Dollar, Euro oder Yen aus ihren Exportgeschäften abkauften und auf die hohe Kante legten. Seit dem Jahr 2000 sind die Devisenreserven weltweit von rund 2.000 Milliarden auf zuletzt 5.100 Milliarden Dollar angeschwollen – allen voran beim Spitzenreiter China, der 1.200 Milliarden hortet.
Die Zentralbanker wollten damit sicherstellen, dass sie im Falle künftiger Finanzmarktkrisen ein Polster haben. Nur dann nämlich müssen sie sich nicht auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) mit seinen ungeliebten Empfehlungen verlassen. Doch inzwischen sind die Summen so groß geworden, dass etliche Länder schon Staatsfonds auflegen, die Profit erwirtschaften sollen – und gegen die in Berlin gerade ein Abwehrwall geplant wird (siehe Seite 23).
Tatsächlich spart die Welt als Ganze heute nicht mehr als früher: Nach Angaben des IWF wurden 2006 knapp 23 Prozent des Weltsozialprodukts nicht verbraucht, so viel wie auch im Jahr 1990. Doch die Verteilung hat sich geändert. Die Schwellenländer haben zunehmend gespart, während sich manche Industrieländer, allen voran die USA, höher verschuldeten. 1996 brachten Industrieländer 78 Prozent der weltweiten Ersparnisse auf, 2006 waren es nur noch 65 Prozent. Das spiegelt sich in den nationalen Sparraten wider: In den USA werden heute noch knapp 14 Prozent des Volkseinkommens gespart, in Europa sind es 21 Prozent, aber in den Schwellenländern Asiens im Schnitt 42 Prozent. Das zeigt, woher der Milliardenstrom kommt.
Zu dieser »Ersparnisschwemme«, wie der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke das Phänomen nennt, kommt das Geld, das zusätzlich an den Finanzmärkten geschaffen wird. Etwa die sogenannten carry trades : Gewiefte Spekulanten leihen sich in Währungen mit niedrigen Zinsen wie dem japanischen Yen billig Geld aus und legen es dort an, wo die Renditeerwartungen gerade besonders hoch sind. Ganze Handelssäle voller Hedgefonds-Manager und Börsenhändler verbringen mit diesem Geschäft derzeit ihre Tage.
Auch dort, wo die Zinsen etwas höher sind, vergeben Banken heutzutage viel bereitwilliger Kredit als noch vor wenigen Jahren. Der Grund: Sie fühlen sich sicherer. Mit neuen Finanzmarktinstrumenten, den Derivaten, können sie Kreditrisiken weiterverkaufen, und Hedgefonds oder Pensionsfonds nehmen sie auch bereitwillig ab. Auf diese Weise gelangen auch die Private-Equity-Firmen zu den riesigen Krediten, die sie brauchen, um ein Großunternehmen nach dem anderen zu übernehmen. Im ersten Halbjahr dominierten sie weltweit das Geschäft mit den Firmenübernahmen. Viele Akteure, ein Motiv: Alle sind durch die Renditen vergangener Jahre gierig nach Profit geworden.
Kann eine solche Flut von Kapital im Kapitalismus zum Problem werden? Oder stimmt immer noch der alte Satz, dass die heutigen Ersparnisse das Wachstum von morgen sind?
- Datum 14.07.2007 - 09:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Schade das in diesem Artikel nur undifferenziert von >>Investitionen<< die Rede ist, wäre es nicht angebracht sauber zwischen Anlagen in Geld und Geldäquivalenten in der Finanzwirtschaft und Investitionen in der Realwirtschaft zu differenzieren? Erste Kategorie ist Glücksspiel, nur in der Realwirtschaft werden Werte geschaffen, Geld arbeitet nicht.
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