In Erwartung der sogenannten Sommerpause, in der die Berliner Republik und die TV-Eliten für ein paar Erdentage im Stand-by-Modus mit den Zehen im Sand wackeln, erlauben wir uns die schüchterne Frage nach der Sommerlektüre. Was eigentlich liest der Mensch, wenn er sich für ein paar Tage im Jahr nicht mehr glühend für die Probleme des Emissionshandels, die Latexhandschuhe bayerischer Landrätinnen oder die Konjunktivschwäche der deutschen Nachwuchsliteratur interessieren muss? Mit anderen Worten, was liest der Mensch, wenn er mal Zeit hat für ein richtiges Buch?

Diese Frage führt tief hinab in den Keller unserer Desorientiertheit auf einem Buchmarkt der millionenfachen Überproduktion, durch den kein Sterblicher mehr in seiner kurzen Lebensspanne hindurchfinden kann. Sie streift dabei auch einen Notausgang aus der Überforderung, den selbst lesebegeisterte Fachkräfte des Literaturbetriebs inzwischen gelegentlich benutzen: das meinungsstarke Nichtlesen. Elke Heidenreich beispielsweise bekannte sich in der Zeitschrift Cicero ungeniert dazu, die Bücher Martin Walsers nicht zu schätzen, obwohl sie seit Dorle und Wolf aus dem Jahr 1987 keines davon mehr gelesen habe, und ergänzte diese souveräne Mitteilung in der Zeitschrift Bunte dahin gehend, dass sie die Bücher zwar einerseits alle gelesen, andererseits aber alle aus der Hand gelegt habe. Ein offenbar zeitgemäßes Leseverhalten, das von Pierre Bayard, Autor des Buches Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat (erscheint im September im Verlag Antje Kunstmann), eines geistreichen Plädoyers für das Überfliegen der Bücher, größte Unterstützung erfährt. Alles lesen ist unmöglich. Und verwirrt nur. Wer alles gelesen haben will, macht sich nur Stress.

Im Urlaub will man keinen Stress. Süffelt man sich deswegen im Strandkorb lieber hingebungsvoll durch die neueste Prinzessinnenbiografie? Hängt man mal richtig ab mit dem himmelblauen Sommersonnen-Programm des Mare Verlags? Oder sollte man nicht doch endlich nachholen, was man im Philosophischen Seminar auf Nimmerwiedersehen liegen ließ? Schellings Philosophie der Offenbarung zum Beispiel, Leibniz’ Monadologie oder Richard Rortys Spiegel der Natur? Und was ist mit den Grundsatzbüchern zu den Fragen: Warum schweigt das Universum? Was kommt nach dem Tod? Warum hält die Liebe nie, was sie verspricht? Wann, wenn nicht in den tariflich vereinbarten Urlaubstagen, passen solche Bücher in ein Angestelltenleben?

Wie immer man sich zwischen Halblesen, Wellness-Lesen und Endlich-mal-richtig-Lesen entscheidet, sicher ist dreierlei: Diese Tage kommen nicht wieder. Es geht alles so schnell dahin. Und der Ulysses und der Fluss ohne Ufer werden in diesem Jahr wie in jedem Jahr trotzdem wieder gut erholt und ungelesen aus den Ferien zurückkommen. Iris Radisch