Kino Die verlorene Augenbraue

Ein Film als Vorbote und Geheimbotschaft: Was verrät der fünfte Harry-Potter-Streifen »Der Orden des Phönix« über das Ende seines weltberühmten Helden?

Der Zauber wirkt. Und zwar nicht nur beim ersten, sondern auch beim zweiten oder gar dritten Mal – obwohl man doch bereits weiß, was auf einen zukommt, und gewappnet sein müsste gegen alle Zurufe aus der Zaubererwelt. Doch so schnell kann der Leser gar nicht »Expelliarmus!« sagen – Entwaffne, Zauberstab!-, da hat Joanne K. Rowling bereits den ihren gezückt und einen Stupor-Fluch losgelassen: »Rühr dich nicht von der Stelle, sondern lies.« Und brav tun wir das. Für nichts sind sommerliche Regenwochen besser geeignet als zur wiederholten Lektüre der bereits vorliegenden sechs Bände. Bevor in zehn Tagen der siebte und letzte erscheint, kann man so noch einmal auskosten, welchen Weg Harry bis hierher zurückgelegt und wie oft Rowling ihre Leser bisher schon reingelegt hat. Und wie lustig war es, als die ersten Verwandlungszauber von Harry und Ron (nicht aber: von Hermine!) schiefgingen, wenn etwa die Schildkröte, die einst Teekanne gewesen war, noch Dampf auspustete, oder als Ron beim Apparieren (Sich-aus-dem-Stand-woanders-hin-Zaubern) eine Augenbraue verlor. Kleinlich, dass seine Prüfer ihm daraufhin ein »Durchgefallen« attestierten, oder?

Doch selbst der größte Potter-Fan wird, während er bestimmte Bände zu seinen liebsten zählt, nicht umhinkommen, andere als deutlich schwächer einzuschätzen. Und vieles spricht dafür, dass Band fünf um den Orden des Phönix den Rekord des längsten – aber auch des nervigsten hält. Er erzählt nämlich nicht nur davon, wie sich um Dumbledore eine geheime Truppe von Zauberern schart, um sich auf einen Kampf gegen Voldemort vorzubereiten. Sondern das Ganze spielt auch in dem Jahr, in dem Harry während der Sommerferien keinerlei Eulenpost von seinen Freunden erhält und daraufhin eine Empfindlichkeit entwickelt, dass dem Leser fast der Geduldsfaden reißt. Irgendwie versteht man ja, dass sich der kleine Kerl übergangen fühlt; aber kann er sich nicht, bitte, etwas ZUSAMMENREISSEN? Kann er offenbar nicht, und deswegen ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der Harryschen Äußerungen quer durchs Buch in Kapitälchen gedruckt. Hier schreit er Ron, dort Hermine an… Life is unfair!

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Eigentliche Haupt- und Hassfigur dieses Filmes ist Dolores Umbridge

Irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass der Autorin selbst ein wenig das rechte Maß verloren gegangen ist, denn was sie an perfiden Maßnahmen des Zaubereiministeriums ausheckt, geht auf keine Drachenhaut mehr. Mit der superstrengen Professorin Umbridge als Vorhut nistet sich das Ministerium in Hogwarts ein, genehmigt jeden noch so ungerechten, schülerfeindlichen Erlass und enthebt schließlich sogar den guten alten Anarchisten Dumbledore seines Amtes. Absurd ist das, wenngleich sicher redlich und obrigkeitskritisch gemeint.

Überlänge, Übellaunigkeit und Verschwörungstheorie: Das sind also die drei Schwierigkeiten, die der fünfte Band seiner Verfilmung aufbürdet – und was macht der Film daraus? Voller Anerkennung muss man sagen: mehr als das Beste. Mit 138 Minuten ist der Orden des Phönix der bisher kürzeste Potter-Film, und das erreicht er durch so unnachgiebiges wie fantasievolles Raffen. Energisch werden Harrys Pubertätslaunen in ihre Schranken verwiesen, und ein einziges zusätzliches Wort bringt Harrys Beschäftigung mit seinem Vater auf den Punkt. »Gut gemacht!«, ruft Sirius seinem Patensohn Harry im Buch zu, als die beiden gegen Voldemort kämpfen. »Der war gut, James!«, ruft Sirius im Film und verwechselt in seinem Feuereifer Harry offensichtlich mit dessen Vater, seinem alten Schulfreund James – was Harry ambivalente Gefühle beschert.

Seit der Verfilmung des zweiten Potter-Bandes ist es Tradition, dass das Staffelholz der Regie von Film zu Film weitergegeben wird, in diesem Fall an den 1963 geborenen Briten David Yates. Hierzulande kennt ihn kaum jemand, weil er sich in seiner Heimat vor allem mit TV-Produktionen einen Namen gemacht hat. Aber man kann eine eigene Handschrift erkennen. Die Verspieltheit des Potterschen Universums – schwebende Treppenaufgänge, sprechende Gemälde, Zaubertrankmalheurs im Hintergrund – ist deutlich reduziert, statt der kleinteiligen Reize überwiegen die der großflächigen, oft auch gruseligen Leinwand. Dafür kehrt die Verspieltheit im eigentlichen Wortsinn zurück. Yates hat seine Darsteller zu kleinen komischen Einlagen ermutigt, die den etwas behäbigen Humor der bisherigen Potter-Verfilmungen auf Trab bringen: Man beachte Hermines und Grawps Kommunikation per Fahrradklingel, Kater Krummbeins Jagd auf das Langziehohr und die vielen Sandwiches, die Hausmeister Filch grotesk grimassierend verzehren muss.

Die beeindruckendste Leistung aber erbringt der Film auf dem Gebiet seiner heimlichen Haupt- und offiziellen Hassfigur, Professor Dolores Umbridge. Pingelig und verkniffen, machthungrig und intrigant: Die Attribute lassen es schon ahnen, hier vereinen sich alte Jungfer und Iron Lady zu einem neuen Prototypen der Misogynie. Ein Rätsel, warum es männliche Figuren in Film und Text meist schaffen, auch wenn sie hässlich und fies sind, doch Individuen zu bleiben. Die negativ gezeichnete weibliche Figur hingegen rutscht gleich den Abhang zur Xanthippe oder zur Harpie hinab, da ist der Geschlechterkontext immer mit im Spiel.

Von diesem unseligen Phänomen bleiben leider auch die Potter-Bücher nicht verschont, deren Figuren ja oft, fantasygerecht, in die eine oder andere Richtung überzeichnet sind. Nun aber, im Film, ist dieser Bann gebrochen. Umbridges Film-Gesicht gehört der Britin Imelda Staunton, die für ihre Darstellung der Vera Drake in Venedig den Goldenen Löwen erhielt und vor der man nun erneut einen großen Zauberhut ziehen muss. Staunend erleben wir den Auftritt einer ganz neuen, aber überzeugenden Dolores Umbridge: borniert und putzig, und wenn sie ihr Kostümjäckchen zurechtrückt und ein selbstgefälliges Lächeln ihre harten Mundwinkel umspielt, richtig komisch noch dazu. Eine unglaubliche Garderobe komplett in Rosa, Pink und Rosenrot wurde ihr da zurechtgeschneidert, und mit jedem neuen Tweed-Zweiteiler im Himbeerton wächst des Zuschauers Respekt davor, wie konsequent sich diese Dame das Farbspektrum und auch das Reich der Nippes untertan macht.

Doch seien wir ehrlich: Alle Leistungen vor und hinter den Kulissen können nichts daran ändern, dass man sich diesen fünften Film unwillkürlich vor allem unter einem Aspekt ansieht: als heimlichen Vorboten dessen, was im siebten und letzten Band geschehen wird. Was natürlich etwas trügerisch ist. Schließlich haben die meisten Zuschauer längst Band sechs gelesen und wissen, was dazwischen noch alles geschieht. Doch das Wissen, dass Joanne K. Rowling nicht ohne Einfluss auf den Film ist, reizt zur spekulativen Potterei. Die Hinweise, die explizit zu geben sie sich leider konsequent weigert, sind wir versucht, im Film versteckt zu sehen.

Wer sucht, wird an mindestens drei Stellen fündig. Da wäre zum Beispiel die erwähnte Episode von Kater Krummbeins Spiel mit Weasleys Abhörgerät, dem Langziehohr. Eine nette kleine Einlage, zumal für Katzenliebhaber, doch für den Film insgesamt völlig überflüssig. Im dritten Band hat Krummbein mit seiner Abneigung gegen die Ratte Krätze alias Peter Wurmschwanz seinen Charakter bereits bewiesen; wieso ruht er sich seither nicht einfach auf seinem wuscheligen roten Pelz aus – wird er etwa für Späteres noch gebraucht?

Auch die Verzichtbarkeit eines weiteren Geschöpfes zeigt der Film in aller Deutlichkeit und will seine Existenz doch nicht unterschlagen: Aus Osteuropa hat Hagrid den Riesen Grawp mitgebracht. Den er allerdings für nichts benötigt, denn alles, was Grawp kann, können die Zentauren des verbotenen Walds schon lange! Im letzten Band aber, meint manch gewiefter Potterianer, wird der Riese in den Kampf gegen Voldemort ziehen … und zwar Seite an Seite mit den Hauselfen, was dann eine wahrhaft Tolkiensche Truppenaufstellung wäre.

Eine Schildkröte, die den Dampf einer Teekanne ausströmt

Am deutlichsten aber fällt eine Szene ins Auge, die in einem 1000-seitigen Buch ihren Platz haben mag, ihn für den Film aber gut hätte räumen können: Als Professor Umbridge die Wahrsagelehrerin Sybil Trelawney ihres Amtes enthebt, besteht Dumbledore darauf, dass diese weiterhin in Hogwarts wohnen darf. Dabei mag sie keiner, und wahrsagen kann sie auch nicht wirklich; dass sie damals die Prophezeiung über Lord Voldemort und seinen kindlichen Gegenspieler aussprach, hat sie selbst bis heute noch nicht richtig kapiert.

Überhaupt scheint in dieser Prophezeiung der Hund, oder jedenfalls noch so manche Schlange, begraben. In einem etwas verheddert dargebotenen, doch plausiblen Plädoyer gegen den Determinismus hat Dumbledore Harry jüngst erklärt, dass es letztlich die Akteure sind, allen voran Voldemort, die die Prophezeiung erst wahr werden lassen. Das wirft ein interessantes Licht nicht nur auf Tolpatsch Neville – zur selben Zeit geboren wie Harry –, sondern auch auf die Unlogik, die in die Prophezeiung selbst eingelassen ist: »…und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt…« Dieses »denn« ist natürlich Unfug, weil es eine logische Zwangsläufigkeit suggeriert, die streng genommen nicht existiert: Wenn nur einer von zweien überleben darf, könnte auch ein Dritter einen der beiden töten. Hat die konfuse Trelawney dieses »denn« dazugedichtet – oder hat Joanne K. Rowling den Fehlschluss bloß übersehen?

Kürzlich hat ein der Potter-Welt übel gesinnter Hacker behauptet, sich Zugang zu den Computern des Bloomsbury-Verlags verschafft zu haben. Er wisse nun, wer sterbe und wer wen auf den letzten Seiten in welcher Reihenfolge besiege. Es sind aber gar nicht Namen, sondern vielmehr Fragen, die Potter-Fans am meisten umtreiben: Warum kam es so? Wie konnte sich plötzlich dieser als jener entpuppen, und wieso haben wir einen bestimmten Zusammenhang nicht viel früher erkannt? Weil es – neben dem Charme verlorener Augenbrauen und Dampf pustender Schildkröten – vor allem die stets saubere, aber kunstvoll verschleierte Logik ist, dank der Rowlings Zauber so zuverlässig wirkt.

 
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