Willemsen hört Hier brennt Licht

Wynton Kelly, dieser zart beseelte Pianist, ist eine Randfigur des Bebop geblieben, obwohl sein Stil eine Generation von Pianisten prägen half. Mit elf hatte der in Jamaica geborene, nach Brooklyn eingewanderte Kelly professionell zu spielen begonnen, anfangs noch auf Telefonbüchern sitzend, sonst wäre er nicht an die Tastatur gekommen. Früh gelangte er in die beste musikalische Gesellschaft, stand erst im Schatten derer, die er begleitete, Dinah Washington, Lester Young, Dizzy Gillespie, dann in dem von Miles Davis. 1959 löste er in dessen Formation, welche Ehre, Bill Evans ab, und Miles staunte: »Wynton ist wie das Feuer für die Zigarette: Ohne ihn gibt es kein Rauchen.« Im Publikum an jenen legendären New Yorker Abenden: Ava Gardner, Elisabeth Taylor, Marlon Brando, Dennis Hopper.

1963 zog Wynton Kelly weiter, um ein eigenes Trio zu bilden. Er wollte, wie Miles stirnrunzelnd konstatierte, selbst Bandleader sein.

Das war der »junge Veteran«, wie man ihn nannte, bis er im Alter von 39 Jahren an den Folgen eines epileptischen Anfalls starb. Und das war er mit 19 schon gewesen, als er sich in Trio-Formationen über Wasser hielt.

Was er pianistisch konnte, hört man schon auf seinen Complete Blue Note Trio Sessions, dem Werk eines 19-Jährigen. Was etwa macht er aus Good Bye, einem Klassiker aus dem Repertoire des Benny Goodman: eine impressionistische Fantasie, zärtlich, schwerblütig, voller Erinnerung und Assoziationen. Er zeichnet kleine, versponnene Linien zwischen die Akkorde, organisiert ein Crescendo von langer Hand, breitet Klangbilder in der Fläche aus, lässt sie schwirren und zögern. Wynton Kellys Good Bye bleibt unfest bis ins letzte Ritardando, wenn der Abschied mit schweren Akkorden gewiss und unaufschiebbar kommt.

Dieser Pianist gehört immer noch zu den unterschätzten Meistern ihres Fachs. Vielleicht hat man angesichts seiner Herkunft aus dem Rhythm and Blues und angesichts des »Funk«-Stils, den er mit den Jahren entwickelte, überhört, wie zerbrechlich sein Anschlag, wie melancholisch seine Phrasierung, wie originell und verinnerlicht seine Musikalität auch waren, wie er Läufe verschleifen, sich ins Pianissimo, ins beiläufige Spielen verirren, wie er selbst Soli in den Mittelgrund rücken konnte. Das kennzeichnet das Frühwerk, und es charakterisiert das reife Album Kelly Blue (Riverside), wo sich das Gefühl noch immer unfest, fragend und zweifelnd zeigt in diesem Spiel brennt immer Licht. +

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.44
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