In ihrer Küche steht gebeugt eine winzige alte Dame und bereitet Blumenkohl zu, setzt auf jede Blume ein Löffelchen in Butter gebräunter Brösel. Es ist Markttag in Freiburg, der Kohl ist der erste des Jahres, »gestern hat er noch in einem Garten gestanden«. Die weiße Schürze legt sie ab, als sie sich zu Tisch setzt, auf dem steht ein drittes Gedeck, da steht immer eins mehr, als Menschen erwartet werden, man weiß nie, wer noch kommt, »und dann soll keine Unruhe entstehen«.

Eine zarte Greisin, das weiße Haar hochgesteckt, darunter ein feines, schönes Vogelgesichtchen, das vor allem aus taghellen Augen besteht: Das ist Swetlana Geier, 84 Jahre alt, die vielfach preisgekrönte Übersetzerin, die zuletzt Tausende Seiten Dostojewskij aus dem Russischen neu ins Deutsche gebracht hat, über fast sechzehn hoch konzentrierte Jahre hinweg. Ein fast unheimlich klarer geistiger Mensch, der die Journalisten das Fürchten gelehrt hat. In Leipzig, wo sie im März den Buchpreis erhielt, hat sie denen vor laufenden Kameras einfach gesagt, es gäbe auch dumme Fragen.

Kann sie dem öffentlichen Interesse, dem Lob der Kritiker überhaupt trauen? Kann mit ihr nur sprechen, wer in der russischen Literatur und Sprache zu Hause ist wie sie selbst? »Eine Frage stellt man aus Hunger und Durst nach einer Antwort«, sagt Swetlana Geier, die Stimme ist leise, der Ton bestimmt. Fragen entstehen aus Lektüren, meint sie, aus Texten. Ihre Leser und Kritiker können fast alle kein Russisch, was können sie da von der Qualität der Übersetzungen Geiers wissen? »In einer gelungenen Übersetzung fühlt man sich wohl«, nun ist diese Stimme ganz weich, »der muss kein Leser misstrauen.«

Das hört man doch, ob in einer Übersetzung etwas nicht stimmt

Sie selbst kann kein Griechisch, aber ob bei einer Platon-Übersetzung »die Tür nicht recht zugeht«, das merke sie. Das höre man doch, ob etwas nicht stimmt. Dann zitiert sie übergangslos Verse von Goethe, Wandrers Nachtlied, und die klassische Ruhe klingt wie ein Ausatmen durch ihre Laute: »Warte nur, balde / Ruhest du auch«. Geier gleitet hinüber in die russische Übersetzung des Gedichts durch Lermontow, mit geschlossenen Augen trägt sie es vor, bis zum letzten, fast stimmlosen Konsonanten. Schlagartig ist sie wieder präsent: »Das ist nicht mehr Goethes Gedicht, es ist ein romantisches draus geworden. Hören Sie?« Übersetzen heißt für sie, zwei Sprachen einander durch Interpretation ähnlich zu machen, aber es gibt Grenzen, selbst bei Lermontow. Und dann erst Puschkin, »objektiv unübersetzbar«, wieder zitiert sie Verse über Verse. »Das ist Russisch.«

Swetlana Geier ist Russin, seit 1944 lebt sie im badischen Günterstal nahe Freiburg, wo sie noch im Krieg Germanistik zu studieren begann. Irgendwann im Gespräch, nach den Verlusten befragt, sagt Geier, wo sie sei, sei Russland. Schon als Kind zweier russischer Eltern, im Kiew der Vorkriegszeit, hat sie mit einer Privatlehrerin so Deutsch gelernt, dass das Deutsche, wie sie es ausdrückt, »zum Glück« keine Fremdsprache ist. Weswegen es nicht ganz zutrifft, zu sagen, sie sei fast die Einzige, die aus der Muttersprache in eine fremde übersetze. Das Deutsche empfindet sie nicht als solche.