Musiktheater Manchmal hasse ich diesen Beruf!
Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova hat die Nase voll vom internationalen Starsängerzirkus. Ein Gespräch über den Niedergang der Gesangskultur, die Macht der Image-Strategen und die wahre Erotik auf der Opernbühne
Eine Solisten-Garderobe im Zürcher Opernhaus. Waschbecken, ein kleiner Flügel, an der Wand eine breite Spiegelfront. Es riecht nach Mottenkiste. Vesselina Kasarova setzt sich in die Mitte des Raumes.
DIE ZEIT: Frau Kasarova, würden Sie Ihren Beruf noch einmal ergreifen?
Vesselina Kasarova: Nein, ich glaube nicht.
ZEIT: Tatsächlich? Sie könnten also auf die künstlerische Erfüllung, den Ruhm, das Reisen, das Geld und all das verzichten? Opernsänger sind heute so populär wie Popstars. Dank der medialen Vermarktung erreichen sie Menschen, die früher nie mit Gesang oder Oper in Berührung gekommen wären.
Kasarova: Ich kenne keinen Sänger, der gerne in einem Fußballstadion singt. Außerdem ist die Gesamtsituation viel komplizierter. Der Niedergang der Gesangskultur, der seit Langem beklagt wird, erklärt sich nicht allein dadurch, dass die Stars immer geltungssüchtiger werden und das Publikum immer unwissender. Das mag alles eine Rolle spielen, und natürlich sind Open-Air-Events wie Oper für alle in München oder Berlin zuallerletzt dazu da, das stilistische Niveau zu heben oder die öffentliche Wahrnehmung zu schulen. Wobei ich die Breitenwirkung solcher Veranstaltungen gar nicht in Abrede stellen möchte. Nein, der professionelle Apparat selbst ist marode, das finde ich das Furchtbare. Ich habe mit so vielen Leuten zu tun gehabt, deren musikalische Bildung sich auf ein paar Monate Blockflötenunterricht beschränkte. Ich habe mich gegen die Politik von Plattenfirmen und gegen CD-Cover gewehrt, auf denen ich nicht wiederzuerkennen war. Ich kenne Intendanten, die keine Ahnung von ihrem Metier haben. Und ich halte es für einen Skandal, wenn eine seriöse Fernsehanstalt ein Porträt über mich drehen möchte, in dem ich erstens kochen muss, was ich nie tue, und ich zweitens zu Hause unter bulgarischen Waisenkindern Geschenke verteilen soll! Bulgarien ist doch kein Entwicklungsland.
ZEIT: Das Porträt fand so nicht statt?
Kasarova: Das Porträt fand so nicht statt. Aber das hat Kraft gekostet.
ZEIT: Demnach scheinen Sie sich erfolgreich durchzusetzen gegen die wachsende Inkompetenz, gegen den Druck des Sich-verkaufen-Müssens um jeden Preis.
Kasarova: Ich hatte viel Glück. Deshalb sage ich ja, dass ich nicht noch einmal Opernsängerin werden würde. Ich führe viele Selbstgespräche, ich liege abends im Bett und analysiere. Und ich zweifle oft, ob ich dieses Glück noch einmal haben würde. Zur richtigen Zeit die richtigen Menschen zu treffen. Das waren wenige in meinem beruflichen Leben, aber sie waren wichtig, und ich habe ihnen sehr gut zugehört. Zum Beispiel Edita Gruberova. Was konnte ich von ihr alles lernen! Diese Klugheit im Umgang mit dem Material, diese Ökonomie, wie sie sich eine Partie einteilt bis ganz zum Schluss! Das optimale Ausschöpfen der eigenen Mittel! Überhaupt: ihre Gedanken. Sie singt, und sie denkt, das ist es. Sie nimmt sich Zeit, auch auf der Bühne. Sonst bleibt man bloß wild, chaotisch. Und das rächt sich.
ZEIT: Megastars wie Anna Netrebko oder Rolando Villazón wirken aber nicht gerade chaotisch. Man hat den Eindruck, dass sie sehr genau wissen, was sie wollen. Ist nicht vielmehr der Drill, die Hyperprofessionalität das Problem, diese Bereitschaft, dem Markt alles zu geben – auf Kosten der eigenen Persönlichkeit und der Seele?
- Datum 13.07.2007 - 08:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Liege ich da falsch, oder wird da nicht eine Entwicklung beschrieben, die es überall gilt - nicht nur in dr Musik, Film, Literatur....
Vordergründungkeit versus Ernsthaftigkeit,
weniger Interesse an der Sache als an der Außenwirkung
die eigenen Person als Produkt vermarkten
Selbstdarstellung wird eher belohnt als Profil
das gilt doch auch für Politik und Medien, aber auch in anderen Arbeitsbereichen - fachliches, die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand weicht oberflächlichem 'Punkten' und kurzzeitigen Erfolgen.
Narzißmus hat ja schon länger Konjunktur, aber eben auch einen Preis - Ausverkauf von Qualität.
Es ist sehr bemerkenswert, dass Frau Kasarova der Öffentlichkeit die Realität im " Opernzirkus" als Betroffene schildert. Sie trifft dabei sehr meine eigene Wahrnehmung.Manche Operninzenierung ist kaum erträglich. Schlimmer noch: Anneliese Rothenberger hat vor vielen Jahren in einem Interview die Unfähigkeit mancher Dirigenten und Regieseure gegeißelt. Ein Lernprozess scheint aber nicht stattgefunden zu haben. Leider. Auch, dass Opernsängerinnen und - Sänger regelrecht verheizt werden, ist bekannt.Ansonsten beschreibt sie nach meiner Erfahrung sehr korrekt den künsgtlerischen Verfall eines ganzen Genres! Damit liegt die Entwicklung im Mai-Stream der Zeit.Das, was Frau Kasarova schildert, ist leider die Blaupause zu Vorgängen in Politik, Wirtschaft und Gemeinwesen. Die Kutur, so scheint mir, bleibt vollständig auf der Strecke. Man schaue sich nur viele kulturelle Darbietungen an: Man gewinnt den Eindruck, dass einige Figuren eher zum Psyschater gehen sollten, als anderen Leuten ihren Schwachsinn aufzuoktruieren !
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