Musiktheater Manchmal hasse ich diesen Beruf!Seite 5/5

Kasarova: Es ist fast 20 Jahre her, dass ich aus Bulgarien in den Westen kam, und ich weiß noch, wie sehr ich mich gewundert habe, dass hier keineswegs alles so perfekt war, so ehrlich und frei, wie ich dachte. Ich habe in Bulgarien eine hervorragende Ausbildung genossen. Ich weiß, was Disziplin heißt, auch weil ich im Kommunismus aufgewachsen bin, mit steter Angst. Wenn es wirklich darauf ankommt, kann ich mich sehr gut zusammenreißen. Und ich habe aus der Musik bestimmt mehr Lebenserfahrung gewonnen als andere. Die Musik selbst aber ist heilig. Sie bleibt immer heil. Das ist es, was für mich zählt. Wenn ich singe, bestehle ich niemanden, ich tue niemandem weh, ich mache niemanden krank. Dafür liebe ich meinen Beruf. Die Musik spricht von unserer Sensibilität, von Dingen, die mit Worten nicht zu sagen sind. Singen, ja, ist wie Weinen.

ZEIT: Sie kennen Adornos Satz, die Musik sei eine Hure?

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Kasarova: Aber ich entscheide doch immer noch selbst, ob ich ihr Zuhälter sein will oder nicht! Schauen Sie, ich kenne Kollegen, die joggen vor jedem Auftritt hinter der Bühne. Die haben so viel Angst vor ihren hohen Tönen, dass sie nichts anderes als diese Töne trainieren. Das nenne ich Prostitution. Und wissen Sie was: Die PR-Maschinisten sind die Ersten, die diese Leute, solche »Stars«, fallen lassen und ihrer überdrüssig werden. Wie die Medien. Das geht so schnell. Vielleicht braucht man als junger Künstler zu lange, um diese Mechanismen zu durchschauen. Vielleicht sollte man von Anfang an konfliktfreudiger sein, streitlustiger, selbstbewusster. Ich war das nicht. Ich kann das nicht, dafür bin ich viel zu harmoniebedürftig. Aber ich lebe, und ich bin auch da. Und ich weiß, dass ich diesen ganzen Affenzirkus nicht brauche. Der macht mich auf Dauer nur traurig.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

 
Leser-Kommentare
  1. Liege ich da falsch, oder wird da nicht eine Entwicklung beschrieben, die es überall gilt - nicht nur in dr Musik, Film, Literatur....
    Vordergründungkeit versus Ernsthaftigkeit,
    weniger Interesse an der Sache als an der Außenwirkung
    die eigenen Person als Produkt vermarkten
    Selbstdarstellung wird eher belohnt als Profil
    das gilt doch auch für Politik und Medien, aber auch in anderen Arbeitsbereichen - fachliches, die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand weicht oberflächlichem 'Punkten' und kurzzeitigen Erfolgen.
    Narzißmus hat ja schon länger Konjunktur, aber eben auch einen Preis - Ausverkauf von Qualität.

  2. Es ist sehr bemerkenswert, dass Frau Kasarova der Öffentlichkeit die Realität im " Opernzirkus" als Betroffene schildert. Sie trifft dabei sehr meine eigene Wahrnehmung.Manche Operninzenierung ist kaum erträglich. Schlimmer noch: Anneliese Rothenberger hat vor vielen Jahren in einem Interview die Unfähigkeit mancher Dirigenten und Regieseure gegeißelt. Ein  Lernprozess scheint aber nicht stattgefunden zu haben. Leider. Auch, dass Opernsängerinnen und - Sänger regelrecht verheizt werden, ist bekannt.Ansonsten beschreibt sie nach meiner Erfahrung sehr korrekt den künsgtlerischen Verfall eines ganzen Genres! Damit liegt die Entwicklung im Mai-Stream der Zeit.Das, was Frau Kasarova schildert, ist leider die Blaupause zu Vorgängen in Politik, Wirtschaft und Gemeinwesen. Die Kutur, so scheint mir, bleibt vollständig auf der Strecke. Man schaue sich nur viele kulturelle Darbietungen an: Man gewinnt den Eindruck, dass einige Figuren eher zum Psyschater gehen sollten, als anderen Leuten ihren Schwachsinn aufzuoktruieren !

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