Langsame Menschen stehen oft daneben. Vom Helden aus Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit heißt es: »John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte.« Immerhin durfte er die Schnur halten, darin war er gut wie kein anderer. Andere Langsame ziehen sich noch weiter zurück vom Spiel – und vom Leben. Und bleiben Zuschauer. Wie Lizzy: »Ich schaue in den Himmel, beobachte die Kinder und wie sie spielen. Das macht mich ruhig. Das kenne ich.« Die andern nennen sie Dizzy. Weil ihr die Welt oft ein wenig ins Taumeln gerät, hält sie sich raus aus dem Leben – und wartet. Das kann sie gut: warten, schauen und träumen. Lizzys Standpunkt ändert sich, als Abigail in den Ort kommt, sich neben Lizzy stellt und ebenfalls zuschaut beim Spiel der Kinder. Aber Abigail ist keine Zuschauerin. Sie nennt sich Big – und so ist sie, groß, distanzlos und kalt. Sie mischt sich ein ins Spiel und vor allem in Lizzys Leben: erkundet ihr Kinderzimmer, bringt ihre Unordnung durcheinander, zwingt ihr Nähe auf und schließlich auch die Rache an den Jungen für die Demütigungen, die sie Lizzy – in den Augen Bigs – zugefügt haben.

Dass Big wirklich böse ist und die Rache weit über einen Streich hinausgeht, macht die Niederländerin Mireille Geus von Anfang an klar. Anders als in Virenzo und ich, ihrem Debütroman, der eine Freundschaft zum Thema hat, die ihren Namen verdient, kann der Leser in Big, 2006 mit dem Goldenen Griffel ausgezeichnet, nicht mit Trost rechnen.

»Bestimmt hundert Mal habe ich alles, was damals passiert ist, in meinem Kopf abspielen lassen. Wie in einem Film, oder etwas im Fernsehen. Genau so werde ich es jetzt auch erzählen«, sagt Lizzy im Vorspann. Im folgenden Rückblick wird die Geschichte dieser Beziehung von der ersten Begegnung an aufgerollt, immer wieder unterbrochen von der Schilderung des Polizeiverhörs, dem sich Lizzy unterziehen muss. Geschickt steuert die Autorin den Leseprozess und macht so spürbar, wovon sie erzählt: Vom unterschiedlichen Umgang der Menschen mit Nähe und Distanz. Je näher – vor allem körperlich – ihr Big kommt, je nachdrücklicher diese die Ausschließlichkeit der »Freundschaft« betont, umso wehrloser wird Lizzy, umso schwieriger wird es für den Leser, sich von ihr zu distanzieren, und umso weniger fragen wir uns, wie die Heldin ihrer »Freundin« und dem Drama hätte entkommen können. Es ist wie in einer antiken Tragödie.

Big ist ein schmaler Roman mit großer Wucht und Geschlossenheit, trotz der verschachtelten Erzählweise. Wie ein mit der Handkamera gedrehter Film vermittelt er eine manchmal taumelnde, aber immer klarsichtige und intime Nahaufnahme eines Mädchens, das uns während der Lektüre vergessen lässt, darüber nachzudenken, ob sie behindert ist, und wenn ja, in welcher Form, wie alt die Kinder sind oder welche pädagogischen Schlüsse zu ziehen sind. Nur durch ihre Augen sehen wir den Ort, nehmen wir die boshaften Kinder, die liebevolle Mutter, eine neue Lehrerin wahr und vor allem und immer ausschließlicher Big. Von der wir lange nicht wissen, was sie antreibt. Und auch nicht wissen müssen. Dass die Autorin schließlich einen Erklärungszusammenhang andeutet über den alleinerziehenden Vater, der arbeitslos ist und trinkt, ist so unnötig wie inkonsequent. Geus hätte sie einfach Big sein lassen sollen.

Am Ende, ein Jahr danach, ist dann wirklich alles vorbei. Die Erzählerin will Big nicht mehr sehen. Sie sagt Nein und macht einen Punkt. Das ist etwas, was sie jetzt besser kann. Langsam ist sie immer noch. Aber sie ist näher an die Spielenden herangerückt. Und schließlich ist auch Nadolnys John Franklin in seiner Langsamkeit zum großen Entdecker geworden. (Ab 10 Jahren) Franz Lettner