Pakistan Die reine falsche Lehre

In Pakistan genießen die Religionsschulen mehr Ansehen als der Staat. Mit der Erstürmung der Roten Moschee eskaliert der Konflikt.

Islamabad
Manchmal muss man Gott dankbar dafür sein, dass es Bürokraten gibt. Selbst wenn um sie herum das Chaos ausbricht, sitzen sie seelenruhig in ihren Büros, verschanzt hinter Aktenbergen und reden von Ordnung. Das ist ihre spezifische, sehr beruhigende Lebenskunst. Wakil Ahmad Khan beherrscht sie vollkommen.

»Die Brüder Ghazi? Die Rote Moschee in Islamabad? Ach, machen Sie sich keine Sorgen, das sind Extremisten, Außenseiter, eine Minderheit!«

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Das sagte er ein paar Wochen, bevor die pakistanische Armee das Gotteshaus stürmte, um dem Treiben der Brüder Ghazi ein blutiges Ende zu setzen. Die Ghazis hatten in der Roten Moschee die Scharia eingeführt, Tausende Schüler und Schülerinnen fanatisiert und »Tugendbrigaden« durch die Straßen Islamabads geschickt. War Pakistan auf dem Weg zur Talibanisierung? Wakil Ahmad Khan konnte über solche Fragen nur den Kopf schütteln. Übertriebene Ängste, verzerrt, ohne jede Grundlage. Jetzt, da die Moschee nach tagelanger Belagerung erstürmt ist und wahrscheinlich Hunderte von Menschen ums Leben gekommen sind, würde Wakil Ahmad Khan nicht anders urteilen. Alles nicht so schlimm.

»Die Frage ist, ob wir mehr Terroristen töten, als die Medressen hervorbringen«

Wakil Ahmad Khan hat eine gewisse Autorität in diesen Fragen. Als Staatssekretär im Religionsministerium ist er zuständig für die Reformen der Religionsschulen. Präsident Pervez Musharraf persönlich hat ihn im August 2001 eingesetzt. Die Regierung wollte demnach schon eine Reform, als der Westen die Religionsschulen noch nicht als Brutstätten des Terrors betrachtete. Nach dem 11. September sind die Medressen im Ausland zu einem Synonym für Terror geworden. Berühmt wurde der Ausspruch des ehemaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld: »Die Frage ist, ob wir mehr Terroristen töten, als die Medressen hervorbringen.«

Das war eine bösartige Verzerrung, vor allem aber eine Verkennung des Problems. Medressen sind keine Trainingslager für Terroristen, es sind in erster Linie Schulen, reformbedürftige Schulen. Als Wakil Ahmad Kahn sein Amt übernahm, musste er von ganz vorn anfangen. Niemand wusste, wie viele Koranschulen es im Land eigentlich gab. 17000 hat er bisher gezählt. Schon diese scheinbar einfache Arbeit stellte ihn vor immense Probleme. »Die Medressen sind älter als Pakistan, viel älter. Sie sind finanziell unabhängig und genießen in der Bevölkerung große Anerkennung. Sie haben mehr Glaubwürdigkeit als der Staat.« Und dieser Staat wollte nun Einblick in ihre Bücher nehmen, ihnen Lehrpläne vorschreiben! Nach dem 11. September machten die USA die Reform der Koranschulen zu einer zentralen Forderung an ihren Bündnispartner. »Aber warum sollten sich die Medressen darauf einlassen?«, fragt Wakil Ahmad Khan, »sie sind völlig eigenständig. Es braucht Argumente, keine Drohungen.«

Mohammed Imran kann einige Argumente für eine bessere Kooperation von Staat und Medressen liefern. Er wünscht sich eine gute Schule für seine Tochter. Er selbst arbeitet als kleiner Beamter im Energieministerium. Nichts Besonderes, aber immerhin hat er, aus einer armen Familie stammend, sich hochgearbeitet. Es reicht für eine bescheidene Wohnung in einem bescheidenen Viertel Islamabads.

Eines hat er gelernt: »Bildung ist für uns das Wichtigste.« So einfach das klingt, so schwierig ist es in Pakistan zu verwirklichen. Die staatlichen Schulen sind ein Desaster, die privaten für jemanden wie Mohammed Imran zu teuer. Er schickte seine Tochter in die Jamia Hafza, eine der Religionsschulen der radikalen Brüder Ghazi. »Es gibt keine moralische Erziehung an den anderen Schulen«, sagt Mohammed Imran, »den Kindern werden dort keine Werte vermittelt.« Der Wunsch, seiner Tochter einen inneren Kompass mitzugeben, macht ihn jedoch nicht blind für die Defizite der Religionsschulen. »Dort gibt es keine wissenschaftliche Erziehung. Das brauchte es aber. Der Staat und die Medressen müssten zusammenarbeiten zum Wohle der Kinder.«

Mohammed Imran ist überzeugter pakistanischer Patriot. Staat und Religion sind in seinen Augen Zwillinge. Er ist Anhänger des 1988 ums Leben gekommenen Diktators Sia al-Haq, den er für den idealen Herrscher hält, weil er die eiserne Hand des Militärs mit der Frömmigkeit des Gläubigen verbunden habe. Sia al-Haq war der Mann, der während seiner mehr als zehnjährigen Herrschaft Pakistan islamisierte, die Medressen begünstigte, religiöse Parteien förderte und die demokratischen unterdrückte.

Doch die Allianz von Militär und Islamisten ist zerbrochen, das hat Mohammed Imran am eigenen Leib erfahren. Seine Tochter lernt heute in der Schule, dass Pervez Musharraf, der jetzige Präsidentengeneral, Pakistan verrate und ein Büttel der USA sei. Das predigten die Brüder Ghazi. Und natürlich glaubten es viele, denn die Ghazis genossen großes Ansehen. Es lässt sich leicht vorstellen, wie Mohammed Imran gelitten hat, als die Armee die Moschee eroberte, als handle es sich um Feindesland. Ein eindeutigeres Bild für das Ende der Beziehung zwischen Staat und Religion kann es nicht geben. Jedenfalls für ihn, der den Islam in den Händen der radikalen Brüder Ghazis gut vertreten sah.

In dem Viertel namens G 6, rund um die Rote Moschee, wohnen viele Männer, kleine Regierungsangestellte, die denken wie Mohammed Imran. Das G 6 ist vor allem von Beamten bewohnt, die in den siebziger Jahren hierher zogen. Damals wurde die Hauptstadt gerade gebaut, und noch misstrauten viele Pakistaner dieser Stadt. Sie hielten sie für eine Kopfgeburt der Regierenden und nicht für einen Ort, an dem es sich angenehm leben ließe. Es kamen die Beamten der Regierung, fromme Männer, die einem auf religiösem Fundament gebauten Staat dienen wollten. Doch auch sie haben mit ansehen müssen, wie die Distanz zwischen Staat und Religion vor allem nach dem 11. September wuchs.

Wer in einer Moschee predigt, macht sich schnell als Terrorist verdächtig

Aziz u-Rehman, Freitagsprediger einer kleinen Moschee in G 6, kennt das Problem aus nächster Nähe. In seinem Alltag vermittelt er dauernd zwischen den Geboten Gottes, den Bedürfnissen der Menschen und den Forderungen des Staates. Es ist ein Leben der unmöglichen Kompromisse. »Ich muss die Wahrheit sagen. Aber wenn ich die Wahrheit sage, kommt die Regierung zu mir und fragt: Was redest du denn da?« Da passiert es schon mal, dass er verdächtigt wird, einer terroristischen Vereinigung anzugehören. Er wird dann eine Nacht lang auf der Polizeistation verhört. Die Anschuldigungen haben sich immer als haltlos erwiesen. Aziz u-Rehman hat seine vier Töchter zu den Ghazis geschickt. »Dort sollen sie lernen, was Halal und was Haram ist, was in den Augen Allahs gut ist und was schlecht!« Als die Krise um die Rote Moschee ausbrach, hat er die Töchter nicht mehr in die Schule gelassen. Er ahnte vielleicht, was geschehen würde.

»Am Ende ist es doch ganz einfach!«, sagt der nüchterne Beamte Wakil Ahmad Khan, »auch die Ghazis hätten den Eltern der Schüler auf eine Frage antworten müssen: Wird das, was ihr da lehrt, ihnen helfen, eine Arbeit zu finden, eine Perspektive?« Nun haben die Brüder Ghazi viele, sehr viele Schüler in den Tod geführt.

 
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