Interview Ich zähle mich zum FußvolkSeite 5/5
ZEIT: Ist der Richard Ford, zu dem Sie damals wurden, noch derselbe, der Sie heute sind?
Ford: Eine interessante Frage, die ich nicht mit Sicherheit beantworten kann. Unsere gesamte Kultur beruht auf der griechischen Vorstellung von Charakter, auf der Kontinuität des Lebens, der Entwicklung einer Seele, eines beständigen, essenziellen Ichs. Andererseits besteht eines der verheißungsvollsten Versprechen der amerikanischen Kultur in der Möglichkeit zur Selbsterneuerung, zur Selbsterfindung. Dieser Widerspruch hat mich immer beschäftigt. Inzwischen neige ich dazu, zu glauben, dass wir, abgesehen von oberflächlichen Ähnlichkeiten, in unterschiedlichen Stadien unseres Lebens tatsächlich ziemlich verschiedene Menschen sind.
ZEIT: Was hat es zu bedeuten, dass Sie nach dem jüngsten Buch Ihren langjährigen Schreibort, Ihr Bootshaus, geräumt haben?
Ford: Ich weiß es nicht. Gestern brachte ich zum ersten Mal seit zehn Monaten wieder einen Satz zu Papier. In der Küche unseres Gästehauses. Wenn ich etwas fertig geschrieben habe, glaube ich immer, ich würde nie wieder etwas schreiben können. Ich meine vergessen zu haben, wie man es macht. Es ist, als müsste ich es neu lernen.
ZEIT: Das zeugt nicht gerade von großem schriftstellerischem Selbstvertrauen.
Ford: Meine Existenz als Schriftsteller scheint mir auch nach vierzig Jahren noch eine ziemlich exzentrische und unmögliche Angelegenheit zu sein. Ich halte meine Fähigkeiten für keineswegs überdurchschnittlich. Ich zähle mich zum Fußvolk. Doch die Kunst bringt manchmal gewöhnlichstes menschliches Material dazu, Ungewöhnliches zu produzieren.
ZEIT: Kokettieren Sie jetzt nicht ein bisschen?
Ford: Nein. Hätte meine Frau mich nicht ermuntert und bestärkt und fortwährend unterstützt, wäre ich bestimmt nicht Schriftsteller geworden. Zumindest wäre ich es nicht lange geblieben.
ZEIT: Da Sie nun aber Schriftsteller sind: Wie stellen Sie sich Ihr literarisches Vermächtnis vor?
Ford:
Ich schreibe für die Menschen, die heute am Leben sind. Über das, was nach meinem Abgang geschieht, mache ich mir keine Gedanken.
Das Gespräch führte
Sacha Verna
- Datum 20.07.2007 - 13:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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