Interview

Ich zähle mich zum Fußvolk

Ein Gespräch mit Richard Ford über seinen neuen Roman, die Ignoranz amerikanischer Leser, das Aussterben der Ehe in der Literatur und die Mühsal des Schreibens

DIE ZEIT: Was für einen Wagen fahren Sie?

Richard Ford: Einen Chevrolet-Kleintransporter. Kein sehr grünes Gefährt. Aber ich brauche Vierradantrieb, um auf ungeteertem Gelände voranzukommen.

ZEIT: Ihr Protagonist Frank Bascombe verbringt in Ihrer Bascombe-Trilogie Die Lage des Landes viel Zeit hinter dem Steuer seines Suburban. Glauben Sie, dass man ist, was man fährt?

Ford: Nein. Sonst wäre ich ein Republikaner, ein knallharter Bursche und ein Malocher. Kein Eindruck könnte falscher sein. Frank hat sich ganz bewusst und früh für ein Leben in der Vorstadt entschieden.

ZEIT: Er mag und verteidigt den suburbanen Lebensstil gegen all jene, die seit Jahren die Vervorstädterung Amerikas beklagen.

Ford: Kritik ist die bequemste Art, sich der Verantwortung dafür zu entziehen, wie die Welt um uns herum aussieht. Warum gibt es die Vorstädte denn? Doch nur, weil wir sie gewollt und gebaut haben. Und sie offenbar immer noch wollen und bauen. Uns ist in diesem Land das affirmative Vokabular abhandengekommen. Kunst, die sich für ein affirmatives Vokabular entscheidet, stellt einen ersten Schritt hin zur Übernahme von Verantwortung dar.

ZEIT: Auch in einem politischen Sinn?

Ford: Unbedingt. Gute Kunst ist immer politisch.

ZEIT:Die Lage des Landes spielt während des Wahldebakels von Bush vs. Gore im Jahr 2000 – ein politischer Roman also?

Ford: Auf jeden Fall. Interessanterweise hat keiner meiner amerikanischen Rezensenten darüber ein Wort verloren. Die Leute in diesem Land wollen keine Politik in Form von Kunst. Kunst hat ausschließlich dem Vergnügen zu dienen. Die Leute wollen überhaupt keine Politik.

ZEIT: Früher hieß es immer: Auch das Private ist politisch. Für jemanden, der privat seit vierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet ist, haben Sie überraschend viel über unglückliche Ehen geschrieben. Wie kommt das?

Ford: Wir leben in einer Kultur der unglücklichen Ehen. Ich hingegen wuchs in einer sehr glücklichen Familie auf – es gab nur uns drei: meine Mutter, meinen Vater und mich. Meine Eltern waren einander innigst zugetan. Deshalb wurde das Erfinden unglücklicher Ehen für mich zu einer Art Teufelsbeschwörung. Eine beängstigende und doch fruchtbare Quelle für Dramen.

ZEIT: Wie hielten Sie es während der vierzig Jahre Ihrer Ehe mit der Treue?

Ford:(scharf) Wie soll ich es damit gehalten haben?

ZEIT: : Die meisten Ehen, die Sie in Ihren Kurzgeschichten beschreiben, scheitern an der Untreue.

Ford: Mein Versuch, den Vorhang zu lüften vor dem, was wir traditionellerweise unter dem Begriff »Ehebruch« subsumieren, ist ein Versuch, auf viel subtilere menschliche Verhaltensweisen hinzuweisen: auf die Unfähigkeit, standhaft zu sein, auf einen Mangel an Aufrichtigkeit und Fantasie. Vor diesen Übeln ist keine Ehe gefeit. Auch meine war es nie. Tolstoj sagte, alle glücklichen Ehen glichen sich. Nein! Glückliche Ehen gleichen sich überhaupt nicht. Die meisten Ehen scheitern nicht am Ehebruch, sondern an einem Mangel an Fantasie.

ZEIT: Ist die Institution der Ehe inzwischen nicht ein bisschen altmodisch?

Ford: Sie haben recht. In der zeitgenössischen Literatur findet man nicht mehr viele verheiratete Paare. Weil die Autoren selber nicht verheiratet sind und auch gar nicht heiraten wollen. Nicht dass ich das verurteile. Ich habe kein persönliches Interesse daran, die Institution der Ehe zu retten. Aber ich bin der Ansicht, dass die Ehe die einzige Institution ist, die dem Menschen die Möglichkeit bietet, einen anderen Menschen im Innersten kennenzulernen.

ZEIT: Im Augenblick sehen viele Amerikaner die Institution der Ehe nicht nur durch den Zeitgeist, sondern auch durch die mancherorts legale Schließung gleichgeschlechtlicher Ehen bedroht.

Ford: Kompletter Schwachsinn. Fragen Sie irgendjemanden, der verheiratet ist: Tom und Bob werden morgen heiraten – fühlst du dich deinem Mann deshalb weniger verbunden? Oder deiner Frau? Findest du, dass deine Lebensqualität gesunken ist, weil Tom und Bob zwei Straßen weiter geheiratet haben? Bringen Sie mir jemanden, der so etwas allen Ernstes behauptet. Den Widerstand in diesem Land gegen gleichgeschlechtliche Ehen nähren viele Lager. Die organisierte Religion zum Beispiel. Je schwächer organisierte Religionen werden, desto lautstärker werden ihre Verfechter. Besonders die katholische Kirche. Dann gibt es die praktischen Aspekte. Sollten homosexuelle Paare künftig die gleichen Rechte genießen wie heterosexuelle Ehepartner, wird die Wirtschaft kräftig zur Kasse gebeten. Doch anstatt über solche Dinge zu reden, argumentieren die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe lieber mit dem Willen Gottes.

ZEIT: Als würden sie den kennen.

Ford: Als gäbe es einen Gott. Wenn wirklich jemand dort oben im Himmel säße und auf uns herabschaute, würde er oder sie uns bestimmt nicht in dem Schlamassel hocken lassen, das wir angerichtet haben. Er hätte uns das Schlamassel gar nicht erst anrichten lassen.

ZEIT: Wann sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Ford: Ich habe mich vor langer Zeit mit dem freien Willen ausgesöhnt. Ich verdanke mein Glück genauso wie mein Unglück allein den Entscheidungen, die ich im Lauf meines Lebens getroffen habe. Den guten wie den schlechten. Und mit den Folgen dieser Entscheidungen muss ich leben.

ZEIT: Frank Bascombe sieht sich zu Beginn Ihres neuen Romans mit der Frage konfrontiert: Bin ich bereit zu sterben? Seine Antwort ist: Nein. Haben Sie sich diese Frage ebenfalls gestellt?

Ford: Ja. Aus vielen konventionellen Gründen. Ich bin 63 Jahre alt und nicht hundertprozentig gesund. Aber eigentlich hat mich die Vorstellung des Todes mein ganzes Leben lang begleitet.

ZEIT: Wieso?

Ford: Mein Vater starb in meinen Armen, als ich sechzehn war, was meine Mutter und mich eng zusammenschweißte. Weil ich früh einen großen Verlust erlitten habe, tendieren meine Beziehungen zu Menschen, die ich liebe, dazu, sehr intensiv zu sein – aus Angst, ich könnte diese geliebten Menschen plötzlich verlieren. Dann gibt es natürlich auch das Bewusstsein, dass mein Leben endlich ist. Außerdem erkrankte ich schwer, als ich zwanzig Jahre alt war. Ich werde nie vergessen, wie der Arzt zu mir sagte: Du bist sehr krank, aber ich glaube nicht, dass du sterben wirst. Damals traf mich allein die Vorstellung, dass ich sterben könnte, noch wie ein Schock. Der Schrecken hat sich verloren.

ZEIT: Das heißt, Sie haben keine Angst mehr vor dem Tod?

Ford: Ich bin bereit zu sterben, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich sähe meinem Ende völlig gelassen entgegen. Ich glaube, niemand tut das.

ZEIT: Weshalb soll man sich vor dem Nichts fürchten?

Ford: Wir sind so sehr mit etwas beschäftigt, dass es uns kaum möglich ist, uns dieses Nichts vorzustellen. Dazu müssten wir gewissermaßen aus uns selber heraustreten…

ZEIT: …fast schon ein bisschen tot sein…

Ford: …ja, fast. Jedenfalls ist es äußerst schwierig für Lebende, dieses »Nichts« zu durchdenken. Okay, ich schlafe also ein und erwache nicht mehr. Was tue ich dann? Nun, eben nichts. Für immer.

ZEIT: Ist Ihnen der Tod je als wünschenswerte Alternative erschienen?

Ford: Nein. Natürlich gibt es Momente, in denen man denkt, ach, wär ich doch tot. Aber das ist meistens billiges Geschwätz. In Wahrheit bringt man es nicht fertig, sich tatsächlich eine Schlinge um den Hals zu legen oder den Kopf in den Ofen zu stecken oder sich die Pulsadern aufzuschneiden. Mir jedenfalls war Selbstmord immer zu umständlich.

ZEIT: Wer sein Leben satthat, muss es nicht unbedingt mit dem Tod vertauschen, er kann auch versuchen, seine Identität zu wechseln. Hat Sie das nie verlockt?

Ford: Ich habe etwas in dieser Art versucht, als ich in den frühen sechziger Jahren Mississippi verließ, um an einer Universität in Michigan zu studieren. Ich wollte meine Vergangenheit hinter mir lassen und ebenso all die Leute, die mich als den kannten, der ich damals war.

ZEIT: Weshalb hielten Sie das für nötig?

Ford: Ich wollte frei und ungehemmt leben können. Bis zu einem gewissen Grad unternimmt doch jeder Mensch einmal einen solchen Schritt. Man will nicht endlos die Überreste der Kindheit und Jugend mit sich herumtragen.

ZEIT: Ist der Richard Ford, zu dem Sie damals wurden, noch derselbe, der Sie heute sind?

Ford: Eine interessante Frage, die ich nicht mit Sicherheit beantworten kann. Unsere gesamte Kultur beruht auf der griechischen Vorstellung von Charakter, auf der Kontinuität des Lebens, der Entwicklung einer Seele, eines beständigen, essenziellen Ichs. Andererseits besteht eines der verheißungsvollsten Versprechen der amerikanischen Kultur in der Möglichkeit zur Selbsterneuerung, zur Selbsterfindung. Dieser Widerspruch hat mich immer beschäftigt. Inzwischen neige ich dazu, zu glauben, dass wir, abgesehen von oberflächlichen Ähnlichkeiten, in unterschiedlichen Stadien unseres Lebens tatsächlich ziemlich verschiedene Menschen sind.

ZEIT: Was hat es zu bedeuten, dass Sie nach dem jüngsten Buch Ihren langjährigen Schreibort, Ihr Bootshaus, geräumt haben?

Ford: Ich weiß es nicht. Gestern brachte ich zum ersten Mal seit zehn Monaten wieder einen Satz zu Papier. In der Küche unseres Gästehauses. Wenn ich etwas fertig geschrieben habe, glaube ich immer, ich würde nie wieder etwas schreiben können. Ich meine vergessen zu haben, wie man es macht. Es ist, als müsste ich es neu lernen.

ZEIT: Das zeugt nicht gerade von großem schriftstellerischem Selbstvertrauen.

Ford: Meine Existenz als Schriftsteller scheint mir auch nach vierzig Jahren noch eine ziemlich exzentrische und unmögliche Angelegenheit zu sein. Ich halte meine Fähigkeiten für keineswegs überdurchschnittlich. Ich zähle mich zum Fußvolk. Doch die Kunst bringt manchmal gewöhnlichstes menschliches Material dazu, Ungewöhnliches zu produzieren.

ZEIT: Kokettieren Sie jetzt nicht ein bisschen?

Ford: Nein. Hätte meine Frau mich nicht ermuntert und bestärkt und fortwährend unterstützt, wäre ich bestimmt nicht Schriftsteller geworden. Zumindest wäre ich es nicht lange geblieben.

ZEIT: Da Sie nun aber Schriftsteller sind: Wie stellen Sie sich Ihr literarisches Vermächtnis vor?

Ford: Ich schreibe für die Menschen, die heute am Leben sind. Über das, was nach meinem Abgang geschieht, mache ich mir keine Gedanken.

Das Gespräch führte Sacha Verna

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    • Von Sacha Verna
    • Datum 20.7.2007 - 11:32 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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    • Schlagworte Literatur | Schriftsteller
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