Lieber Herr Schmidt

Lieber Herr Schmidt, nichts macht Sie immer wieder so verdrossen wie Talkshows.

Richtig ist, dass ich Talkshows nicht sonderlich nützlich finde.

Insbesondere die politischen Talkshows haben inzwischen das Parlament und die Parlamentsdebatte in den zweiten oder dritten Rang versetzt - im ersten Rang für einen aufstrebenden Politiker steht heute die Talkshow.

Ist das die Schuld der Talkshows?

Zum größten Teil liegt dies am Geltungsbedürfnis von solchen Politikern, die keine Bücher schreiben, die zu lesen sich lohnt, die keine Debattenreden halten, die zu verfolgen sich lohnt. Sie gehen lieber in die Talkshows, wo sie einen Gedanken höchstens drei bis vier Minuten am Stück entwickeln können und dann kommt der andere dran.

Aber was kann das Fernsehen dafür, dass die Debatten im Bundestag so langweilig geworden sind?

Es ist mir nicht klar, ob die Debatten im Parlament wirklich langweilig geworden sind. Das Fernsehen hat das Interesse an Personen außerordentlich gefördert. Es geht darum, ob Hemd und Schlips zum Anzug passen. Bei den Frauen geht es darum, ob die Frisur zum Gesicht passt. Das sachliche Gewicht eines Arguments tritt dahinter zurück.

Das war früher anders.

Sie glauben im Ernst, dass die Menschen ohne Fernsehen schlauer waren?

Nein, Sie waren genauso verführbar. Wahrscheinlich ist die Verflachung der politischen Kultur durch die elektronischen Medien zwangsläufig, und man muss sie ertragen. Vielleicht kann man aber dagegen Kräfte mobilisieren.

Aber wie?

Wir müssen dem Publikum einen Überblick verschaffen über Probleme und nicht nur Nachrichten über den jüngsten Streit, den jüngsten Mord oder das jüngste Attentat. Ich habe gestern Abend, weil ich zu müde war zum Schlafen, eine halbe Stunde vor der Glotze gesessen und zweimal rauf- und runtergezappt. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Schießereien, Morde und Autocrashs ich insgesamt erlebt habe.

Schauen Sie selbst Privatfernsehen?

Jedenfalls nicht bewusst. Mir kommt es auch vor, als ob sich in Deutschland die ARD und das ZDF längst den Erwartungen des Publikums angepasst haben, die im Wesentlichen von den privaten Fernsehanstalten gefördert und provoziert worden sind.

Vor zwei Jahren haben Sie in der FAZ Politiker dazu aufgerufen, die Talkshows Wichtigtuern zu überlassen. Heißt das etwa, dass im Parlament keine Wichtigtuer sitzen?

Im Parlament sitzen natürlich auch manche Wichtigtuer. Eine der Antriebskräfte, sich in der Politik zu tummeln, ist ja das eigene Geltungsbedürfnis. Das ist durchaus legitim, und es ist menschlich.

Aber es ist nicht unbedingt wünschenswert.

Gibt es einen bestimmten Politikertypus, der Ihnen im Fernsehen besonders auf die Nerven fällt?

Bangemann, Hausmann, Möllemann, Westerwelle - die ganze Reihe führender FDP-Politiker der letzten Jahrzehnte.

Warum gehen Sie selbst in Fernsehtalkshows, wenn Sie das Fernsehen so sehr kritisieren?

Ich war noch nicht in einer Talkshow.

Sie waren zusammen mit Richard von Weizsäcker gerade bei Maischberger, davor bei Beckmann!

Das waren keine Talkshows. Ich habe nichts gegen Interviews zwischen zwei oder drei Personen, egal, ob das im Fernsehen oder in der Zeitung geschieht.

Frau Maischberger hat ihre Show nur für Sie zu einem Interview umgestaltet, die Quote war gewaltig. Freut Sie das?

Ganz freiwillig wäre ich da nicht hingegangen. Aber Frau Maischberger kann sehr einnehmend sein.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.M62
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