Vor fünf Jahren trat in der amerikanischen Krebsstatistik eine merkwürdige Veränderung auf: Bis dato war die Zahl der Brustkrebskranken Jahr für Jahr um 0,5 Prozent gestiegen. Doch plötzlich, zwischen 2002 und 2003, rutschten die Zahlen schlagartig nach unten. Das gleiche Phänomen zeigt sich auch in Deutschland: Im selben Zeitraum verzeichneten die beiden deutschen Krebsregister im Saarland und in Schleswig-Holstein einen abrupten Rückgang. Danach blieben die Diagnosezahlen konstant.

Die Lösung dieses Rätsels präsentierten US-Forscher um Donald Berry erst vor drei Monaten im New England Journal of Medicine . Offenbar hatte eine beliebte medizinische Maßnahme der neunziger Jahre den Frauen zuvor ein zusätzliches Krebsrisiko aufgebürdet: Massenhaft waren Frauen nach der Menopause mit Hormonpräparaten behandelt worden – vor allem wegen Beschwerden in den Wechseljahren, aber auch um eine Osteoporose zu bessern oder der Knochenerweichung vorzubeugen. Schon damals schwelte der Verdacht, dass die Hormongabe dem Brustkrebs Vorschub leisten könnte. Sowohl die Pharmaindustrie als auch die gynäkologischen Fachgesellschaften stritten dies jedoch mit Nachdruck ab. Erst als der Bericht der Women’s Health Initiative klare Indizien für ein erhöhtes Krebsrisiko geliefert hatte, fiel die Zahl der Hormonverordnungen drastisch, in den Vereinigten Staaten um 20 Millionen – ein Minus von fast 40 Prozent –, in Deutschland um ein Drittel.

Inzwischen kann die krebsfördernde Wirkung der Hormonersatztherapie praktisch als bewiesen gelten, folgern die US-Mediziner: Bei Frauen über 50 habe man fast 12 Prozent weniger Neuerkrankungen registriert, seit seltener Hormone verschrieben werden. Bei jüngeren Frauen dagegen, die praktisch nie mit Hormonen behandelt werden, änderte sich die Zahl der Erkrankungen kaum. Bei hormonsensitiven Brustkrebsfällen fiel der Rückgang mit rund 15 Prozent sogar noch drastischer aus, während Hormon-unempfindliche Krebse nur geringfügig abnahmen. Alle anderen denkbaren Ursachen für den plötzlichen Wandel seien mittlerweile ausgeschlossen.

Einen ähnlich hohen Rückgang dokumentierten auch die deutschen Krebsregister, sagt der Lübecker Onkologe Jürgen Dunst. Noch seien die deutschen Zahlen nicht eingehend analysiert, aber kaum jemand habe Zweifel, dass die nun zurückhaltende Verordnungspolitik der Frauenärzte auch in Deutschland den Wandel bewirkt habe, versichert der Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: »Die Assoziation ist schon außerordentlich beeindruckend.» Allerdings wird vermutet, dass die Hormonpräparate nur dann wirklich zur Krebsentstehung beitragen, wenn sie länger als zehn Jahre eingenommen werden. Vor allem dürften sie bereits vorhandene kleine Geschwüre zu größerem Wachstum anspornen.

Bei der deutschen gynäkologischen Fachgesellschaft brütet man derweil über neuen Richtlinien für den Einsatz von Hormonen nach den Wechseljahren. Klar scheint aber, dass die Präparate künftig nur nach sorgfältiger Risikoabwägung verordnet werden sollen, und wenn, dann nur für einen begrenzten Zeitraum.