Koffer Man trägt wieder Nylon

Vom Polycarbonatkoffer bis zur Multiwheel-Tasche: Neue Trends auf dem Gepäckmarkt

Vierfach doppelbereift, kugelgelagert, geländetauglich. Hochglänzende, ultraleichte Polycarbonatschale. Innenversenkbares, teleskopierbares Griffsystem. Ablagefächer für Brille und Handy und hoch innovatives Verschlusssystem sagt man da eigentlich noch »Koffer«? Sagt man eigentlich nicht. Insider sagen »Case«.

Koffer hatte man geerbt, sie wurden einmal im Jahr vom Dachboden geholt, vollgestopft, dann setzte man sich drauf und presste, bis die Verschlüsse zuschnappen konnten, und los gings in den Urlaub. Mit dem Auto oder der Eisenbahn. Der Case dagegen ist der Mobilcontainer der Dauernd-unterwegs-Gesellschaft. Er muss Gesetze beachten, Komfortansprüchen gerecht werden, sicher, haltbar und leicht sein, den Besitzer schmücken und ihn trösten in der Fremde. Der Case ist ein (und oft der einzige) Reisebegleiter, und nur darin erinnert er noch an seinen Urahn: den Schrankkoffer.

Die Schale.

Reisen heißt heute Fliegen, und wer fliegt, geizt mit jedem Gramm. 20 bis 25 Kilo Frachtgewicht sind normalerweise das Limit. Die leichtesten derzeit erhältlichen Koffer hat soeben Samsonite eingeführt: Ein Verbundmaterial aus verklebtem Spezialgewebe namens CURV verspricht ein im Kofferleichtbau unerreicht gutes Verhältnis von Stoßfestigkeit zu Gewicht. 500 Euro oder mehr kostet ein solches High-End-Modell in der Version Upright oder Spinner (Standcase mit zwei oder vier Rollen).

Verbreiteter ist das ein wenig wabbelige, ebenfalls teure Polycarbonat, das von einem tiefer gelegten Reißverschluss zusammengehalten wird. Wiegt schon ein Alukoffer nur etwa 5 Kilogramm, so kommt der Polycarbonatkoffer auf 3 Kilo. Da vor allem die Zuladung zählt, sind Polycarbonatkoffer derzeit der Renner. Das Material, aus dem Flugzeugscheiben und CDs sind, ist nicht nur leicht, sondern auch robust. Von den härtesten Prüfungen seines Koffers bekommt der Reisende ja gar nichts mit: Wenn das gute Stück beim Einchecken hinter Gummilippen verschwunden ist, wird es geworfen, gescheuert, stürzt gelegentlich metertief auf Betonböden, wird im Flugzeugbauch bis nahe null gekühlt und wieder aufgetaut. Herkömmliche Hartschalenkoffer, etwa aus Polypropylen, können da verspröden. Stürzen sie, besteht Bruchgefahr. Ein Schalenbruch aber, so der Kofferexperte Marcus Thiemann vom Hamburger Fachhändler Leder Israel, »bedeutet immer Exitus«. Da die Umladezeit immer kürzer und hektischer wird, wächst die Gefahr für die Koffer. Reparieren lässt sich nur Alu. Polycarbonat dagegen gibt nach und kommt von allein oder mit etwas Hilfe wieder in Form. Der Nachteil: Auf so einem Koffer kann man nicht sitzen.

Das gilt auch für die klassische Weichware aus Nylon. Nylonkoffer sind eine Zeitlang aus der Mode gekommen, denn weder sie noch ihr Inhalt sind ausreichend geschützt. Gefährdet sind besonders die Reißverschlüsse. Sind die kaputt gescheuert, hat man meist Sperrmüll, denn das Einnähen eines neuen ist schwierig und teuer. Doch entgegen allen Prognosen behaupten sich die Nylonkoffer auf dem Gepäckmarkt.

Sie haben zum Beispiel den Vorteil, dass man allerlei Taschen und Fächer aufnähen kann. Sie sind stauchbar, also kofferraumtauglich.

Sogenanntes ballistisches Nylon, aus dem auch schusswaffensichere Westen bestehen, ist sogar hinreichend abriebfest. Oft gibt es bei den weichen Koffern Erweiterungsmöglichkeiten und Dehnungsfalten, damit die ungebügelte Wäsche und die Mitbringsel bei der Rückreise verstaubar sind. Außerdem wirkt der Textilkoffer »jünger«. Noch jünger muten nur die immer beliebter werdenden geräderten Sporttaschen an.

Die Bereifung.

1972 wurde der Trolley erfunden, der Zweirad-Kleinkoffer. Alle Welt spottete, es galt als unmännlich, sein Gepäck nicht zu tragen. Heute verkauft die Branche über 90 Prozent der Koffer mit Rollen. Anfangs erkannte man das Herannahen von Trolley-Ziehern noch am Quietschen der Rollen. Mittlerweile sind leicht laufende, kugelgelagerte Inlineskate-Rollen Stand der Technik. Auch bei großen Koffern, was aber immer wieder zu Ärger in den engen Gängen der Eisenbahn führt.

Darum kommen jetzt immer mehr Koffer auf vier Rädern angerollt, sogenannte Multiwheel-Koffer oder Spinner, die exaktes Manövrieren in alle Richtungen erlauben. Der letzte Schrei ist Doppelbereifung, also insgesamt acht Räder, was auf schlechtem Untergrund hilfreich sein soll. Für den harten Einsatz im Gelände bieten sich darüber hinaus Stoßdämpfer an. Leider sind die Kofferrollen die ersten Bauteile, die bei einem Sturz abbrechen.

Das Griffsystem.

Einen Rollkoffer am Riemen zu führen sieht albern aus und führt bei Kurvenlage zu heiklen Situationen. Zwei Alternativen bieten sich an: das Doppelgestänge und die Monotube. Letztere nimmt, im Kofferinneren montiert, weniger Raum ein und sieht oft schicker aus. Ans Doppelgestänge kann man dafür kleineres Gepäck wie Handytaschen und Beauty-Cases hängen.

Das Design.

Koffer sind schwarz, das kommt einem Naturgesetz gleich. Insbesondere der Geschäftsreisende ist konservativ. Schwarz passt zu allem. Als andere »seriöse« Farbe gilt allenfalls Silber, das an Aluminium erinnert. Designer bieten zwar immer wieder eine extravagante Optik an, doch erfolgreich sind sie damit nicht. Leopardenfell-Look, knallrote Lackierung, aufgemalte Rippen oder gar aufgeklebter Industriefilz (Bree) ist lustig, dürfte aber nur Reisende interessieren, die am Gepäckband ihren Koffer rasch ausfindig machen wollen. Oder Kinder. Selbst was bei den Handtaschen zum Megatrend wurde Lkw-Plane , findet kaum Abnehmer. Zu schwer! Aus demselben Grund ist das edelste und traditionsreichste Koffermaterial praktisch vom Markt verschwunden, das Leder. Eine eigenständige Formensprache hat der deutsche Hersteller Rimowa entwickelt, der durch seine Alukoffer bekannt wurde. Die Oberfläche war aus Festigkeitsgründen stets gerippt. Diese Rippen wurden zum geschützten Markenzeichen und werden heute, technisch unbegründet, auch in die Polycarbonatschalen gepresst.

Die Gimmicks.

Schwarze Koffer auf Rollen sehen mehr oder weniger verwechselbar aus.

Alleinstellungsmerkmale sind pfiffige Kleinigkeiten oder nette Ideen.

So bieten einige Hersteller schicke transparente Täschchen an, die dem Flugreisenden ersparen, seine Kosmetika bei der Gepäckkontrolle in einen billigen Plastikbeutel zu stopfen. Ein Anbieter stellt sogar ein Döschen zur Verfügung für den Fall, dass im Tiegel 20 Gramm zu viel von der teuren Creme sein sollten.

Über ein Spezialkofferschloss wird sich besonders der Amerikareisende freuen. Amerikanische Zöllner stehen in dem Ruf, verschlossene Koffer ohne Rücksicht auf Verluste aufzubrechen. Ein sogenanntes TSA-System (gemeinsam mit der amerikanischen Luftverkehrsbehörde Transportation Security Administration entwickelt) bietet Abhilfe: Alle Zöllner haben eine Art Generalschlüssel, mit dem die speziell gekennzeichneten TSA-Schlösser gewaltfrei zu öffnen sind.

Viel Erfindergeist verwenden die Hersteller auch auf das Problem, wie man möglichst knitterfrei sein Sakko transportiert. Dabei kommen dann Faltanleitungen, kleine Bügel und Innenraumteiler heraus. Für Pedanten gibt es reine Anzugkoffer auf Rädern. Und weil man immer allerlei Kleinigkeiten nebenbei zu transportieren hat, gibt es an vielen Koffern den Quick-Hook-Riemen, mit dem man Köfferchen und andere Kleinigkeiten am Koffer fixieren kann.

Die Zukunft.

Selbstverständlich werden in Zukunft auch die Koffer »intelligent« sein. Wissenschaftler an der Universität Linz haben ein Modell entwickelt, das seinen Inhalt kennt und auf Vollständigkeit überprüfen kann. Die Daten lassen sich übers Internet abfragen. Auch seinen Standort und sein Ziel kann ein solches Gepäckstück angeben. Noch weiter geht der kanadische Designer und Architekt Peter Yeadon: Sein Robokoffer begleitet den Menschen eigenständig und hört aufs Wort.

 
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