Meine Texte handeln nur scheinbar von mir, in Wirklichkeit handeln sie von der condition humaine. Wie jeder Mensch bekomme ich Briefe, die ich zu spät oder gar nicht beantworte, aus Überforderung. Diese Briefe sind entweder lobend, oder sie kritisieren etwas. Eine kleine Minderheit, weniger als ein Prozent, besteht aus Beschimpfungen.

Solche Briefe kommen oft aus Berlin, ich weiß nicht, warum. In den Briefen steht, dass ich dumm sei, ahnungslos, hirnlos, ein Schwätzer, Schwachkopf, Dünnbrettbohrer und dergleichen. Die Autoren sind in der Regel Männer. Habe ich denn nicht immer Verständnis für die Männer gehabt und die Sache der Männer, so gut ich konnte, vertreten? Anlass für solche Briefe ist entweder, dass ich eine Meinung geäußert habe, die der Verfasser des Briefes nicht teilt, oder aber, dass ich einen sachlichen Fehler gemacht habe. Es ist mir ein psychologisches Rätsel, wieso man über Fehler in der Zeitung ernsthaft wütend werden kann. Sogar Einstein hat sich manchmal verrechnet. Gottes Schöpfung ist fehlerhaft – ist Gott deswegen ein Schwachkopf?

Wirklich dramatisch sind Fehler, die Piloten, Staatsoberhäupter und Kernkraftwerkskonstrukteure machen. Für diese drei Berufe bin ich halt ungeeignet. Früher habe ich solche Briefe, wenn ich glaubte, auf sie reagieren zu müssen, in der Tonlage „eisige Höflichkeit“ beantwortet. Seit etwa einem Jahr habe ich ein neues Prinzip: Ich schreibe jeder Person in genau der Tonlage, die sie selber angeschlagen hat, dabei verschärfe ich die Tonlage meistens noch ein wenig. Nicht nur, dass ich den Netten nett antworte, den Frechen frech, den Ironischen ironisch, nein, ich antworte jetzt auch den Unverschämten unverschämt.

Es ist mir ein psychologisches Rätsel, wieso einer glauben kann, der Besitz einer Meinung sowie der Kauf einer Zeitung entbänden ihn von den Regeln der Zivilisation. Wenn mich also ein Briefschreiber durch seinen Ton dazu auffordert, die Zone der Zivilisation zu verlassen, dann mache ich gerne davon Gebrauch.

Ich gehe manchmal auf ein Niveau, von dem ich nicht ahnte, dass ich es besitze. Jemandem, der – per Du! – schrieb, ich sei ein „schwachköpfiger Schwätzer, der sinnfrei Pirouetten dreht“, erwiderte ich: „Und Du bist einfach nur ein Arschloch. Und ein Faschist. Dass Du schlecht riechst, weißt Du selber.“ Ich rede sonst nie wie Klaus Kinski. Ein Leser, der äußerte, ich solle „die Fresse halten“, bekam postwendend als Antwort: „Sie haben Gehirn und Seele eines Dobermanns. Wenn Sie Hautausschlag kriegten, wäre es mir sehr recht.“

Inzwischen habe ich geradezu Freude am Verfassen solcher Antworten. Ich kann meine Aggressionen ausleben. Ich muss vor Beleidigungsklagen keine Angst haben. Ich antworte ja nur. Ich setze lediglich auf stilbewusste, das Besondere im Wesen meines Gegenübers respektierende Weise einen Dialog fort.

Nun das Erstaunliche. Früher, als ich eisig-korrekt antwortete, kam fast nie ein weiterer Brief. Nun aber, da ich Unflat auskippe, antwortet fast jeder, und zwar höflich, oft sogar nett. Die Beschimpfer lenken ein, werden sachlich, laden manchmal sogar zu einem gemeinsamen Bier ein. Habe ich sie eingeschüchtert, beschämt, umgedreht? Glauben sie, in mir eine verwandte Seele zu erkennen? Ist dies ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der Reaganschen Politik der Härte gegenüber der Sowjetunion? Was sagt dies aus über die condition humaine? Fragen, die ich, um nicht ins Schwätzen zu geraten, heute einmal bewusst im Raum stehen lasse.

Zu hören unter www.zeit.de/audio