BERUF Mehr Arbeit für alle
Peter Rother erinnert sich noch gut an die schwärzesten Tage seiner Zeit beim Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB). Als »Kriegsgewinnler der Arbeitslosigkeit« seien die Weiterbildungsträger beschimpft worden, als sich die Hartz-Kommission daranmachte, die Arbeitsvermittlung in Deutschland umzukrempeln. Ihre Schulungen seien nichts weiter als Beschäftigungsprogramme für Weiterbilder, schönten die Statistik und hielten die Arbeitslosen von der Jobsuche ab.
Tatsächlich hatte sich eine große Koalition aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften mit der Arbeitslosigkeit lange Jahre ganz gut eingerichtet: Durch viele und langjährige Maßnahmen wurde die Quote gedrückt, und die großen Bildungswerke der Gewerkschaften waren immer ausgebucht.
Die Hartz-Reform erwischte die Branche kalt: Seit Januar 2003 bekommt nur noch einen Bildungsgutschein, wer mindestens eine 70-Prozent-Chance auf Vermittlung hat. Innerhalb von zwei Jahren ging die Teilnehmerzahl an geförderten Weiterbildungsprogrammen um mehr als die Hälfte zurück (siehe Grafik). » Die Erträge sind geradezu eingebrochen«, sagt Rother. Bald standen die Mitarbeiter, die zuvor Arbeitslose für einen neuen Job trainiert hatten, selbst auf der Straße.
Fünf Jahre später finden sich die Weiterbildungsträger in einer neuen Rolle wieder, die ihnen sicher besser gefällt: als Profiteure des Aufschwungs. Von 20 führenden Anbietern beruflicher Weiterbildung, die das Marktforschungsunternehmen Lünendonk in einer Stichprobe untersucht hat, konnten 15 im vergangenen Jahr ihren Umsatz steigern.
»Der Weiterbildungsmarkt fasst wieder Tritt«, resümiert die Studie.
Seit die Unternehmen wieder Fachkräfte suchen, gibt auch die Arbeitsagentur wieder mehr Geld für Weiterbildung aus (siehe Grafik).
Die neue Devise der BASpitze lautet: Nur wenn Arbeitsplätze da sind, lohnt es sich, die Menschen gezielt für diese Arbeit weiterzuqualifizieren. Jetzt ist die Zeit gekommen.
Die Form der Angebote hat sich indes radikal gewandelt. » Das ist keine Modeerscheinung«, sagt Nils Birschmann von SRH, einem der umsatzstärksten Unternehmen der Branche, »das ist ein grundlegender Systemwandel.« Vor allem langjährige Umschulungen mit einem neuen Berufsabschluss waren zu teuer und wenig effektiv. Am Ende hatten die Teilnehmer nur Zeit verloren - den Job, für den sie qualifiziert wurden, hatte längst ein anderer. Komplette Umschulungen bezahlt die Bundesagentur daher so gut wie gar nicht mehr. Stattdessen sollen Arbeitssuchende in kompakten Kursen ihre bisherige Ausbildung ergänzen, um auf neue Aufgaben vorbereitet zu sein. So lernen etwa Informatiker, Videospiele zu programmieren, um dann als Game-Designer in einem wachsenden Markt Fuß zu fassen.
Um sich auf die neuen Anforderungen einzustellen, mussten die Bildungsträger ihre Strukturen anpassen. Große Bildungszentren wurden geschlossen. Der SRH-Konzern etwa widmete das Wohnheim, in dem bisher die Lehrgangsteilnehmer untergebracht waren, kurzerhand um. Jetzt wohnen dort Heidelberger Studenten. Ihre Kurse veranstalten die SRH-Mitarbeiter heute in gemieteten Räumen am Wohnort der Kunden. Die Curricula wurden in kleine Happen zerteilt, der Stoff wird jetzt in Modulen angeboten jeder soll möglichst genau das lernen, was ihm fehlt. Dafür bieten die Bildungsträger wiederum eine neue Dienstleistung an, das sogenannte Profiling: Sie analysieren, was ein Arbeitsloser braucht, um auf Bedürfnisse der Unternehmen in seiner Region zu passen.
Die Mitarbeiter hätten zunächst selbst eine Weiterbildung gebraucht, um auf die neuen Anforderungen vorbereitet zu werden, sagt der SRH-Sprecher Birschmann. » Das ist, als würden Sie einem Mathelehrer sagen: Du gehst jetzt ein halbes Jahr in diese Schule und unterrichtest nur Algebra. Danach gehst du drei Monate in eine andere Schule und unterrichtest nur Integralrechnung.«
Die geförderte Weiterbildung trägt aber nur einen kleinen Teil zur Erholung der Branche bei. Noch wichtiger ist die Nachfrage nach Weiterbildung im Betrieb. » Die entscheidenden Impulse kommen heute aus den Unternehmen«, sagt Thomas Lünendonk, Inhaber des gleichnamigen Marktforschungsunternehmens. » Die haben Schwierigkeiten, gute Leute zu bekommen, also müssen sie diejenigen, die schon für sie arbeiten, fortbilden.«
Die Weiterbildung ist also beides zugleich: Profiteur und Schmiermittel des Aufschwungs.
Längst haben die Anbieter eine neue Gruppe ins Auge gefasst: die Selbstzahler. Wer weder von der Bundesagentur noch von seinem Arbeitgeber gefördert wird, könnte in die eigene Tasche greifen, um seine Karrierechancen zu verbessern, hoffen die Bildungsträger.
Bislang sind diese Klienten noch eine Minderheit ohne Bedeutung auf dem Markt. Doch das könnte sich bald ändern, glaubt Nils Birschmann.
»Die Bereitschaft der Menschen, in ihre eigene Zukunft zu investieren, wächst.«
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.70
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