Kroatien Des Kaisers neue Promenade
Der kroatische Badeort Opatija besinnt sich auf seine glanzvolle Zeit. Am Lungomare möchte der Gast wieder einen Sonnenschirm tragen.
Opatija stürzt den Besucher in große Verwirrung. Von Jasminduft betört, kurvt er von der Schnellstraße nach Rijeka drei Schwünge hinab, fährt die palmenbestandene Ulica Maršala Tita, die Tito-Straße, entlang und staunt über die Mischung von habsburgischer Villenpracht und mediterraner Frische – in Mint, Terracotta, Ocker und Gelb. Hat er in dem Städtchen an der kroatischen Adriaküste endlich einen jener »klimatischen Curorte« aus der goldenen Ära um 1900 gefunden, der seinen Zauber bewahrt hat, der nicht ewig gestrig oder muffig oder morbide geworden ist wie die meisten? Wie gerne möchte man glauben, dass die vom Mangel gezügelte Bauwut im Kommunismus das Erbe Österreich-Ungarns bewahrt hat und dass der 1991 eingekehrte Kapitalismus noch zu jung ist, um es mit neureichem Schein überzogen zu haben.
Bei 31 Grad schwitzend, gleichwohl gemessenen Schrittes, spaziert der Besucher durch Opatijas Straßen. Viele sind es ja nicht. Er fühlt sich sogar bemüßigt, einen Walzer zu pfeifen. Die Parks und Gartenanlagen sind von penibler Hand gepflegt, Marmorspringbrunnen und Bronzestatuen haben ihren berechtigten Stolz. Zypressen stehen stramm, und Pinienkronen wippen zart. Herrlich könnte alles sein.
Ein Herr mit Schnäuzer hält einen Vortrag über Nutzen und Nachteil des Briefs
Aber wie unsicher wird man beim näheren Hinschauen. Der Putz der Villen bröckelt. Oben, unterm Dach, wo sich der Backstein zeigt. Na ja, das kann passieren. Vorm weißen Vorhang ist Fensterglas kaputt. Ach! Und da schon wieder. Kann es sein, dass manche Villen verwaist sind? Der Lack ist gesprungen, die Fensterläden sind gebrochen, die Geländer rosten. Aus der Villa Amalia stapft badetuchumschlungen eine deutschsprachige Urlauberfamilie samt aufgeblasenem Plastikdelfin. Der enttäuschte Liebhaber registriert die Fast-Food-Shops, Flipflop-Boutiquen, Bild- Zeitungsständer, das billige Parfüm.
Allmählich trennt er sich vom ersten Eindruck und sucht nach anderen Spuren: denen der verflossenen Größe alten Stils, und er entdeckt die Villa Angiolina, inmitten eines gepflegten Parks mit Bananenstauden, Kamelien, hellrotem Oleander, Yuccapalmen, Akazien, Büsten und einem Musikpavillon. Die Villa ist aufs Feinste herausgeputzt, lachsfarben gestrichen, die Geländer sind schneeweiß. Die Flügeltüren stehen offen. Drinnen ist bestuhlt für dreißig Gäste. Gekommen sind vier. Ein weißhaariger Herr ergreift das Wort. Er ist Vorsitzender der Philatelisten im Lions Club Opatija und stellt die neue Briefmarke vor. Ein anderer Herr mit grauem Schnäuzer hält einen Vortrag über Nutzen und Nachteil des Briefs in heutigen Zeiten. Es stellt sich heraus, dass es Stadtrat Urban ist, den jeder kennt. Er spricht deutsch wie die meisten hier, und er spricht es sehr gut. »Opatija ist eine Nummer zu groß für seine Bevölkerung und seine Touristen«, sagt er und lädt den Besucher zum Gespräch am nächsten Tag. Er betreibt ein ehrgeiziges Projekt namens Opatijas Renaissance, das an die goldene Zeit anschließen will, als Prinzessinnen auf der Promenade stolzierten und Nachmittagskonzerten lauschten.
Heute sitzt auf den Bänken vor der Villa Angiolina opatijanische Minirock-Jeunesse und qualmt. Ein paar Schritte entfernt, am kleinen Fischerhafen, bedient ein schlaksiger Alter mit zwei sehr gemütlichen Fingern sein auf den Knien liegendes Keyboard. »Que sera, sera…« Ein paar Kuna hat er schon verdient. In gewisser Weise bietet er das Sinnbild Opatijas: die lustlose Imitation eines lang verhallten Originals, das wiederzuerkennen nostalgische Besucher aber immer noch so dankbar sind, dass sie ab und an eine Münze springen lassen.
Der Strandweg beginnt, fugenlos geschmiegt an den Fels, dem er aus dem Leib geschlagen wurde, im Fischerdorf Volosko und schlängelt sich zwölf Kilometer nach Süden. Nach einem Drittel breitet er sich zur »Promenade« aus, dient als Lungomare zur sechs Kilometer langen Selbstinszenierung Opatijas, engt sich am Stadtausgang wieder ein und läuft als »Südstrandweg« an den Motorjachten der Marina von Ičići vorbei über Ika fort bis in den Hafen von Lovran. Soweit zu sehen, hat jede der Jugendstilvillen ihren eigenen Zugang zum Meer, mal Wendeltreppe, mal Trampelpfad. Das kroatische Gesetz sieht vor, dass die gesamte Küste des Landes sechs Meter landwärts dem Volk gehört; private Inbesitznahme natürlicher Schönheit ist ausgeschlossen. Früher hieß der Weg Friedrich-Schüler-Promenade; unter den Italienern Regina-Elena-Promenade; nach 1945, zur Ehrung eines kroatischen Lokalpolitikers, Matko-Laginja-Weg und seit 1996, mit dem erklärten Willen zum historischen Salto, Obalno Šetalište Franza Josefa, Kaiser-Franz-Josef-Promenade.
Beim neuen Luxusresort Miramar am Nordrand Opatijas steigt der Besucher zehn Stufen hinab, und wieder flammt sie auf, seine Leidenschaft fürs Verflossene. Er träumt von schwindsüchtigen habsburgischen Gräfinnen, die einst hier ihre Leiden kurierten, und grüßt im Überschwang entgegenkommende Österreicher in abgeschnittenen Jeans und bauchfreien Tops, die davon reichlich überrascht sind. Der Weg ist im Schnitt eins fünfzig bis zwei Meter breit und besteht aus betonverfugten Kalksteinplatten unterschiedlicher Größe. In Richtung Meer verlaufen Balustraden mit Messinghandläufen, die das Original um 1890 nachahmen. Bänke mit dunkelbraunen Holzlatten stehen dort, wo der romantische Sinn sie erwartet; adrett arrangierte Buchtungen empfehlen sich als Schmuseecken. Wenn die Wellen an den zahllosen Felsbrocken und -bröckchen zerschellen, stürzen tausend Tropfen auf die Promenade, über die sich die Bäume aus dem Fels heraus zu einem Blätterdach krümmen. Vor hundert Jahren wandelten hier österreichisch-ungarische Baronessen, in schneeweiße Kleider mit Rüschen und Draperien gesteckt, zugeknöpft bis zum Kinn, das Korsett eng geschnürt, auf dem Kopf ein mächtiger Hut, in der behandschuhten Hand den Sonnenschirm. An ihrer Seite gingen unglücklich verliebte Herzöge, deren Stöcke auf den Promenadenstein klackten, die Zylinder, Vatermörder, frackähnliche Röcke, Schnurrbärte und noblen Stolz trugen. Heute liegt ein korpulenter Einheimischer rücklings auf einem Mäuerchen und schnarcht mit großer Nonchalance, die breiten Beine aufgestellt.
Müde wirkt die Stadt nie. Vergnügungswillige Jugend tobt allerorten, jeder verfügbare Felsvorsprung ist mit Handtüchern oder Plastikliegen belegt. Hier und da sitzen junge Angler und warten auf einen Seehecht. Vom Verdacht weinerlicher Nostalgie ist Opatija freizusprechen.
Nachts tauchen Girlies per Kopfsprung ins lichtlose Wasser
Der neue Tag beginnt, wie der letzte aufgehört hat: mit 31 Grad und dem Jubelschrei über die magische Schönheit der Bucht. Stadtrat Urban ist ein pünktlicher Mensch. Warum schwitzt der Mann nicht? Die Sonne sticht, das Meer funkelt, Mauersegler sturzfliegen, ein Motorboot rauscht in Richtung der Insel Krk, Gischt sprüht, Wellen schlagen an den Fels, zwei Italienerinnen fotografieren einander im plötzlich einsetzenden Regen.
»Wir wollen Qualitäts- statt Massentourismus«, sagt Stadtrat Urban. Er sitzt im berühmten Hotel Kvarner in einem rot gepolsterten Sessel und wischt sich nach jedem Schluck Cappuccino den Schaum vom Bart. Ihm, dem Lokal- und überhaupt Patrioten, dem parteilosen Mann von der Bürgerliste, ist seine geliebte Stadt zu billig. Wenn er Vergleiche zieht, dann mit Monaco und Baden-Baden. Für den gehobenen Gast, sagte er, müsste das Hotelzimmer 300 Euro kosten.
Und was hätte Opatija dem gehobenen Gast zu bieten? Nun ja, da streicht sich Urban die grauen vollen Haare nach hinten. »Sehen Sie sich im Kvarner um, es symbolisiert exakt unser Problem«, sagt er, klappt das quäkende Handy auf und beginnt Gewichtiges zu verhandeln. In der Tat: Der prominente Hotelpalast an der Promenade, am 27. März 1884 nach nur zehn Monaten Bauzeit mit dem elegantesten Spiegelsaal weit und breit eröffnet, ist nur noch die müde Behauptung seiner ballrauschenden Vergangenheit. Trotz seiner originalen Kristalllüster, seiner Wandleuchten, Kordelvorhänge und Orchesterbühnen hat das Haus nicht einmal mehr die Kraft zur Melancholie. Pilze und Flechten kriechen die Außenwände hinauf, der rote Teppich ist abgewetzt. Um den zu kleinen Pool schlurfen Touristen in Plastikschlappen. Im Bridgesaal herrscht Düsternis. Das legendäre Kvarner atmet den Charme eines sozialistischen Erholungsheims, und noch immer ist es Staatsbesitz.
Als am Samstagabend die Kapelle auf der Hotelterrasse An der blauen Donau walzert und sich erst drei, dann acht, dann zwölf ältere Paare dazu drehen, lehnt am Geländer der Promenade ein Mann im Trainingsanzug mit einer Brille, deren fingerdicke Gläser seine braunen Augen noch größer erscheinen lassen. Er heißt Drago und war früher Psychiater. Drago erzählt von den geheimnisvollen Energien in der Kvarnerbucht, die Herzinfarkt-Patienten nach kurzer Zeit schon wieder zu alter Kraft kommen ließen. Später, als es Nacht wird, tauchen Girlies per Kopfsprung ins lichtlose Schwarz der Adria, und die Kapelle spielt Hello, Mary Lou.
Am Sonntagmorgen ist der Besucher noch immer verwirrt. Er spürt seine Zuneigung zu Opatija stetig wachsen, zum rührenden Glauben an eine Zukunft der Vergangenheit, zu den Lokalpatrioten, die am lautesten auf die Gegenwart ihrer Stadt schimpfen. Aber sie wollen einen Adel zurückholen, den es vielleicht nur noch in ihren Träumen gibt. Promenieren, das war die Kunst der stilvollen Zeitverschwendung. Wer kann und will sich das heute noch leisten?
Dann aber, fast am Ende der Promenade, kurz vor dem Hafen des kleinen Ortes Lovran, hinter einer jener häufigen, überraschenden Biegungen, steht in sattestem Ginstergelb die Villa Astra. Sie erhebt sich über ihrer eigenen kleinen Bucht wie eine Verheißung. Hier wird es wirklich mondän.
Vjekoslav Martinko winkt, er lächelt gern, ein herzlicher Mensch in Jeans und Hemd. Vor gut zehn Jahren hat er das 1905 gebaute Haus vom privatisierungswilligen Staat Kroatien gekauft, für ein Fünftel seines heutigen Wertes. Den venezianisch-gotischen Blumenstil des Art nouveau haben die Restauratoren erhalten. Während des Kommunismus wohnten hier Arbeiterfamilien, während des jugoslawischen Bürgerkriegs Flüchtlinge. Martinko, der ehemalige Ingenieur, hat ebenso energische Pläne. »Meine Utopie ist, den europäischen Geist der Zusammenkunft über alle Schichten und Kulturen hinweg zu reanimieren.« Und weil das in ein paar Worten nicht erklärt ist, lädt er zum philosophischen Dinner auf die Terrasse. Tradition allein, sagt er, sei eine verstaubte Angelegenheit, Moderne allein geistloser Kapitalismus. Beim abschließenden Kirschstrudel wird klar, was Herr Martinko will: die Verzahnung von einst und jetzt im Zeichen spiritueller Erweiterung. Und anders als mancher in Opatija wartet er nicht auf den Großinvestoren, der alles richten soll. Er beginnt mit dem eigenen Haus. Als am Nachmittag die aparte Wissenschaftlerin Daria und der Kunst sammelnde Exmanager Riccardo hereinschauen, nimmt die Vision Gestalt an: die Villa Astra als ein Salon des 21. Jahrhunderts. Als Ort des Rückzugs, der Meditation, des Genusses mit Regentropfenmassage, Kvarnerbucht-Scampi und Akkordeonjazz.
An diesem Abend, im friedlich-satten, fruchtig-süßen 18-Uhr-Licht, weiß der Promenadenflaneur, dass er wiederkommen wird. Allmählich versinkt die Sonne, und ein rubinroter Vollmond schleicht herauf. Er wirft einen tieforangen Kegel aufs Wasser, während in der Lounge-Bar Tantra neben der Villa Angiolina die weichen Klänge eines Chill-out-Albums davonwehen in den immer heftigeren Böen eines Sommergewitters, das sehr wohl seine Blitze schleudert, auf jeden Donner aber taktvoll verzichtet.
Information

Anreise:
Mit dem Auto über München, Salzburg, Kärnten nach Slowenien. Gute Autobahnen mit Maut (eine Strecke insgesamt etwa 40 Euro). Oder mit TUIfly (
www.tuifly.com
) nach Rijeka
Unterkunft:
Schön gelegen, tadellos renoviert ist die Villa Astra in Lovran, Tel. 00385-51/294400,
www.lovranske-vile.com
; sechs Zimmer von 180 bis 300 Euro.
Das erste Haus in Opatija ist die Ferienanlage Adria-Relax-Resort Miramar mit über 100 Zimmern. Pool, Yogawochen, Wellnessangebot, Tel. 00385-51/280000,
www.hotel-miramar.info
, DZ ab 60 Euro
Restaurant:
Le Mandrac in Volosko. Sehr gute Küche, vor allem Fisch; Retro-Atmosphäre, Jazzmusik, junges Bürgertum, Tel. 00385-51/701357,
www.lemandrac.com
Auskunft:
Kroatische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/2385350,
www.kroatien.hr
- Datum 13.07.2009 - 15:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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