Es kann ein ganzes Wochenende dauern, eine Diplomarbeit zu »durchgoogeln«. Stefan Weber tut das immer wieder. Bezahlt wird er dafür nicht. »Immer noch nicht«, sagt er. Der 36-jährige Salzburger mit den großen Geheimratsecken und den freundlichen Augen steht in dem Acht-Quadratmeter-Büro seiner Wohnung nahe dem Salzburger Bahnhof. In den dunklen Regalen hinter der Tür stapeln sich die Bücher bis zur Decke. Weber setzt sich an seinen Computer und startet die Suchmaschine Google, um zu zeigen, wie die Suche nach wissenschaftlichen Plagiaten funktioniert. »Männer gelten als aggressiv, dominant, selbstbehauptend und emotional kontrolliert«, heißt es in einer Diplomarbeit, die auf Webers Schreibtisch liegt. Er tippt einige der Adjektive in das Suchfeld und drückt »Enter«. Das erste Suchergebnis ist ein Online-Personalbeurteilungstest; die Formulierung findet sich fast wörtlich wieder. Auch die nächsten Sätze der Diplomarbeit stammen eindeutig von der Website.

»So einfach kann das gehen«, sagt Weber und grinst verschmitzt. In jener Diplomarbeit der Universität Klagenfurt hat der Salzburger Medienwissenschaftler im vergangenen Jahr mehr als zwanzig nicht ausgewiesene Internetquellen entdeckt. Fast die Hälfte des gesamten Textes der Arbeit, sagt Weber, habe die Studentin unverblümt abgeschrieben. Die Autorin wurde ihren Titel los, und Weber hatte wieder einmal seinen Ruf als unerbittlicher »Plagiatsjäger« in Österreich zementiert.

Mit seiner Detektivarbeit hat sich Weber an Österreichs Universitäten viele Feinde gemacht. Zwar lobt man allerorts den »hochintelligenten Kollegen«, doch hinter vorgehaltener Hand wird gelästert: »selbst ernannter Rächer«, »mediengeiler Django« oder gar »ein Fall für die Psychotherapie«. Offen sagt das niemand, denn der Geschmähte könnte ja auf die Idee kommen, ein wenig in den Abschlussarbeiten der Kritiker zu schnüffeln.

»Ich habe mit der Zeit eine Spürnase entwickelt«, sagt der selbstbewusste Privatdetektiv, der Journalisten in der noblen Lounge des Salzburger Sheraton-Hotels bei Tee und Torte empfängt. Wenige Minuten Lektüre in einem wissenschaftlichen Text genügten ihm schon, um Lunte zu riechen, meint Weber. Googeln allein reiche selten, »die meisten meiner Recherchen beginnen aber so«, sagt er.

Nur in seltenen Fällen kupfern Plagiatoren bloß eine einzige Quelle ab. Häufiger ist die Technik, die Weber »shake and paste« nennt: Ein Text wird aus mehreren Online- und Offlinequellen zusammengestoppelt und da und dort ein wenig umformuliert. Wenn sich Webers Verdacht nach den ersten Internetrecherchen erhärtet, macht er sich auf den Weg in die Fachbibliotheken. Und sitzt dann stundenlang auf seinem Balkon und vergleicht die Quellen mit der verdächtigen Arbeit.

Begonnen hat er diesen Kreuzzug vor fünf Jahren. In einem Antrag für ein renommiertes Forschungsstipendium erkannte er zentrale Thesen seiner eigenen Dissertation (Die Dualisierung des Erkennens) wieder. Webers Beschwerde stieß auf Unverständnis. »Die Forscherin musste nur den Antrag neu formulieren und hat das Stipendium erhalten.« Ärger blitzt bei der Erzählung in seinen Augen auf. Drei Jahre später entdeckte er sich ein zweites Mal als Plagiatsopfer – diesmal in weit größerem Ausmaß. Ein Tübinger Theologe hatte 110 Seiten aus Webers Arbeit nahezu wörtlich seiner eigenen Dissertation einverleibt. Die Uni Tübingen reagierte rasch: Dem Plagiator wurde der Titel aberkannt (das Magazin ZEIT Wissen hat diesen Fall in seiner Ausgabe 5/2005 dokumentiert).

Wenn der Salzburger die Liste mit den 45 Plagiatsfällen vorlegt, die er insgesamt dokumentiert hat, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier führe ein Waidmann stolz seine Trophäen vor. Die meisten davon konnte er in Österreich sammeln, doch auch zwölf deutsche und eine Schweizer Arbeit sind dabei. Neun Plagiatoren verloren wegen seiner Entdeckungen ihre wissenschaftlichen Titel.

Fälle, die ihm besonders krass erscheinen, spielt Weber gleich den Medien zu, ohne zuvor mit den betroffenen Universitäten Kontakt aufzunehmen. Den Zeitungen liefert er in vorformulierten Pressetexten knackige Zitate wie »Micky-Maus-Forschung«, die dankbar übernommen werden. Weber weiß, wie Medien funktionieren.

Gelernt hat er das unter anderem bei der Kronen Zeitung. Als 21-jähriger Publizistikstudent hatte er ein halbes Jahr lang als Lokalreporter für die Boulevardzeitung gearbeitet. Er führte ein detailfreudiges Tagebuch über den redaktionellen Alltag: wie freimütige Informanten mit positiven Erwähnungen »belohnt« würden, wie Kampagnen für oder gegen gewisse Politiker von der Chefredaktion »verordnet« und wie Storys so »konstruiert« würden, dass eine gewünschte Tendenz ablesbar wird. Anschließend verfasste er eine Diplomarbeit mit dem Titel Die Wirklichkeit der »Kronen Zeitung« und veröffentlichte seine Studie später als Buch. »Ich war also schon damals ein Verräter«, sagt Weber und lacht.

Zwischen eindeutigen Plagiaten, bei denen ganze Arbeiten als die eigenen ausgegeben werden, und solchen, in denen nur ein paar Sätze schlampig zitiert werden, erstreckt sich ein großer Graubereich. Zu dem gehört der Fall, mit dem der Plagiatsjäger in den vergangenen Monaten in Österreich für Furore sorgte: Er warf dem Wissenschaftsminister Johannes Hahn vor, in seiner Dissertation im Jahr 1987 »seitenweise abgeschrieben« zu haben. Hahn habe viele seiner Zitate nicht als solche ausgewiesen – niemand könne bei der Lektüre also wissen, was vom Doktoranden selbst stamme und was er wörtlich abgeschrieben habe. Zunächst wollte Weber die Arbeit nicht als »Plagiat« bezeichnen. Doch seit die Universität Wien bekannt gab, Hahns Zitierweise sei eben »leserfreundlicher« und deshalb in Ordnung, wirft Weber nun auch dem Minister ein »intentionales oder nicht-intentionales Plagiat« vor. Insgesamt 18 »problematische Textübernahmen« will er in der Minister-Dissertation inzwischen gefunden haben.

Hahn beruft sich auf eine vor Jahrzehnten angeblich gängige Zitierpraxis. Der Plagiatsjäger wolle ihn nur »anpatzen«. Denn erst nachdem das Wissenschaftsministerium seinen Forschungsantrag über »akademische Integrität« abgelehnt hatte, schwärzte Weber das Opus des Ministers an. »Okay, man kann sagen, es war Rache«, räumt Weber ein. »Minuspunkt für mich.« In der Sache fühlt er sich allerdings weiterhin im Recht: Die Art, wie der Minister mit fremden Texten umgehe, »wird gemeinhin als Plagiat bezeichnet – auch schon in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts«.

In seinem kürzlich veröffentlichten Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom schildert Weber ausführlich seine Tätigkeit als Plagiatsjäger und zeichnet das kulturpessimistische Schreckensbild einer »Textkultur ohne Hirn«. Wenn er sich erst einmal in Fahrt geredet hat, dann landet er schnell bei der »systematischen Verblödung« der Studenten an den Massenuniversitäten. »Früher hätte es das nicht gegeben«, sagt er oft – ungewöhnlich für einen 36-Jährigen. Seine Lehrversuche an Universitäten endeten meist in einem handfesten Krach. »Mitten im Semester hat er uns informiert, aufgrund der eklatanten Dummheit der Studenten nicht weiterarbeiten zu können«, erzählt Rudi Renger, Professor an der Uni Salzburg, wo Weber vergangenes Jahr einen Lehrauftrag hatte. »Ich kann nicht mit Leuten arbeiten, die von dem, was sie tun, keine Ahnung haben«, sagt der Lehrabbrecher. Ähnlich war es ihm bereits 2002 in Klagenfurt ergangen. Für die Vermittlung von Wissen sei er eben »ungeeignet«, gibt er zu.

Jüngst kritisierte auch Webers Doktorvater seinen ehemaligen Studenten: Da setze sich einer selbst auf die Richterbank und schade damit seinem an sich berechtigten Anliegen. »Natürlich setze ich mich auf die Richterbank«, sagt Weber. Das müsse er aber tun, solange es keine wirklich unabhängige Instanz gebe, die Plagiatsvorwürfe systematisch überprüfe. In einer solchen überregionalen Plagiats-Ombudsstelle könnte sich Weber seine eigene berufliche Zukunft gut vorstellen. Demnächst wird der Plagiatsjäger aus privaten Gründen nach Dresden ziehen. Schon spekuliert er über eine mögliche Kooperation mit deutschen Plagiatsexperten. Vielleicht werde er auch eines Tages eine Professur annehmen, sagt Weber – und schmunzelt, denn die Lehrstühle, die ihm vorschweben, müssten noch geschaffen werden: »Plagiatsforschung« etwa oder »Searchiology«.