Kuwait Madame und die Männer
Bei ihrem Amtseid vor zwei Jahren wurde sie niedergeschrien. Inzwischen hat sie sich Respekt verschafft: Kuwaits erste Ministerin Von Birgit Svensson
Kuwait-Stadt
Drei Ereignisse haben Nahostexperten lange Zeit für undenkbar gehalten: den syrischen Abzug aus dem Libanon, den Abschwur des libyschen Staatschefs Gadhafi vom Terrorismus – und dass in Kuwait eine Frau mitregieren würde. Doch dann ist selbst das Unwahrscheinliche wahr geworden: Am 19. Juni 2005 wurde Masouma al-Mubarak als erste Ministerin in der Geschichte Kuwaits vereidigt. »Ich muss es schaffen«, sagt sie mit klarer, kämpferischer Stimme. »Es gibt so viele, die mich scheitern sehen wollen.«
Pünktlich um 7.30 Uhr sitzt die kleine, leicht rundliche Frau im bordeauxroten Hosenanzug in ihrem Büro in Kuwait-Stadt. »Madame« arbeite hart und leiste viele Überstunden, sagt eine ihrer Mitarbeiterinnen. »Wir Frauen müssen besser sein als die Männer, um die nötige Anerkennung zu bekommen«, entgegnet die Ministerin. Als der Herrscher von Kuwait vor zwei Jahren entschied, Madame Masouma ins Kabinett zu holen, wusste sie, dass sie es nicht leicht haben würde. Nach nur einem Jahr wurde sie vom Planungsministerium versetzt und zur Kommunikationsministerin gemacht. Den Wechsel empfand sie als Bestrafung; Masouma fürchtete, nun deutlich weniger Kompetenzen zu haben.
Kurz vor ihrer Ernennung war das Parlament gewählt worden, und zum ersten Mal hatten auch Frauen das Stimmrecht. Doch nicht eine einzige Abgeordnete schaffte den Sprung ins Parlament, obwohl Frauen die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen. Dies zeige, wie konservativ die Gesellschaft noch sei, sagt Masouma. Die Ministerin deutet demonstrativ auf das große Foto an der Wand ihres Arbeitszimmers, auf dem eine verzweifelte Frau mit weißem Kopftuch sich die Ohren zuhält, um das Geschrei im Parlament zu dämpfen. »Die Abgeordneten haben gegen mich angebrüllt, damit ich meinen Schwur nicht aufsagen konnte. Einen Augenblick habe ich gedacht, was soll ich eigentlich hier?« Schon sechs Jahre zuvor hatte die kuwaitische Herrscherfamilie der Al Sabah das Wahlrecht für Frauen einführen wollen und war an den männlichen Abgeordneten gescheitert. Als diese dann endlich im Mai 2005 ihren Widerstand aufgaben, nahm der Emir eine Frau in seine Regierung auf.
Zwei der Schreihälse von damals sitzen nun vor Masoumas Schreibtisch. In lange Dischdaschas, die traditionellen arabischen Männergewänder, gekleidet und mit rotweißen Tüchern auf dem Kopf, wollen sie den Gesundheitsminister aus dem Amt jagen. Ein Misstrauensantrag wurde im Parlament eingebracht, doch nur zehn der insgesamt 50 Parlamentarier unterschrieben. Jetzt werden Mehrheiten gesucht. »Das ist Politik«, kommentiert die Kommunikationsministerin den Besuch ihrer ehemaligen Widersacher. In Kuwait gibt es keine Parteien. Die Abgeordneten werden als Einzelpersonen gewählt und schließen sich dann zu Blöcken oder Gruppierungen zusammen. Doch anders als in vielen anderen arabischen Staaten hat das Parlament in Kuwait durchaus realen politischen Einfluss, auch wenn das System noch nicht mit einer Demokratie westlichen Zuschnitts verglichen werden kann.
Scheich Achmed Abdullah al-Achmed Al Sabah sei korrupt, begründen die beiden Abgeordneten ihr Misstrauen gegenüber dem Gesundheitsminister. Die Miene von »Madame Masouma« verdunkelt sich. Sie habe dem Kollegen nichts vorzuwerfen, verteidigt sie ihn, überhaupt wolle sie mit der Sache nichts zu tun haben. Bevor die beiden ihr Büro wieder verlassen, legt der eine noch die Bewerbung eines »Bekannten« auf den Schreibtisch und bittet, ihn doch bei der nächsten Stellenbesetzung im Ministerium zu berücksichtigen. Wasda nennt sich das in Kuwait. Vitamin B würde man auf Deutsch sagen. »Die sind doch selbst korrupt«, murmelt die Ministerin leise.
Manchmal fühle sie sich schon einsam, gibt die 55-jährige Mutter von vier Kindern und Oma eines Enkels zu. Sie zupft ihr Kopftuch zurecht, das alle Haare bedeckt. Nicht so sehr im Kabinett oder im Parlament, wo sie als einzige Frau unter Männern ihren Standpunkt vertreten muss, erlebe sie die Einsamkeit. Das sei sie schon von ihrer Arbeit an der Universität gewohnt. Als sie 1982 mit einem Doktortitel aus den USA nach Kuwait zurückkam, gab es an der Universität in Kuwait noch keine weiblichen Dozenten, schon gar nicht in Politikwissenschaften und Jura. An der Uni habe sie gelernt, sich durchzusetzen, sagt Masouma. Sie wurde die erste weibliche Professorin in Kuwait.
»Einsam fühle ich mich bei offiziellen Einladungen, bei Mittag- oder Abendessen mit Staatsgästen.« Delegationen aus arabischen Ländern hätten selten Frauen in ihren Reihen. Auch Ehefrauen würden, anders als in Amerika oder Europa, nicht auf Empfänge mitgenommen. Als der britische Thronfolger Prinz Charles Ende Februar Kuwait besuchte, gab es zwei Essensgesellschaften: eine für ihn und eine für seine Frau Camilla, nach Geschlechtern getrennt. Masouma entschied sich für die Frauenparty – und erntete Kritik von ihren Kabinettskollegen. »Bei Angela Merkel war das kein Problem«, erzählt die Ministerin über den Besuch der Bundeskanzlerin im vergangenen Winter. »Die kam mit einer gemischten Delegation.«
Neben Saudi-Arabien und Jemen gilt Kuwait als das traditionellste, konservativste arabische Land am Golf. Familiäre Verbindungen, alte Stammesstrukturen und ein streng ausgeübter Islam bestimmen den Alltag der insgesamt drei Millionen Einwohner, wovon allerdings nur knapp über eine Million Kuwaiter sind. Die anderen sind Gastarbeiter, zumeist aus asiatischen Ländern. Jeder Kuwaiter hat das Recht, drei Personen in einem Lehnsverhältnis ins Land zu holen und für sich arbeiten zu lassen. Kritiker nennen diese Praxis moderne Sklaverei.
Masoumas Miene erhellt sich, als der indische Ministeriumsbote ein Tablett mit kleinen, runden, am Rand verzierten Tassen hereinbringt und grünen Kaffee einschenkt: eine Willkommensgeste. Der nächste Besucher ist sogar sehr willkommen. Mit dem tunesischen Botschafter wollen die Ministerin und der Chef der zivilen Luftfahrt Kuwaits ein sogenanntes Open-Sky-Agreement verhandeln, ein Abkommen, das uneingeschränkten zivilen Luftverkehr zwischen beiden Ländern zulässt. Mit einigen Ländern besteht ein derartiges Abkommen bereits. Seit Kurzem fliegen die kuwaitischen Fluggesellschaften auch Washington D. C. direkt an. Mit Frankreich werde bereits seit einem Jahr verhandelt. »Doch die verschanzen sich hinter der EU, und dort wird zwar immer von Freiheit gesprochen, aber wenn es konkret wird, türmen sich die Hürden vor einem auf.« Ministerin für Kommunikation heißt in Kuwait zuständig für alles zu sein, was miteinander verbunden wird. Ein gesondertes Ministerium für Verkehr oder Transport leistet sich der kleine Wüstenstaat nicht.
Madame Masouma hat in nächster Zeit einiges vor. Sie will die Kommunikationsmöglichkeiten modernisieren, den Zugang zum Internet erleichtern, mehr drahtlose Verbindungen schaffen, Kuwait auf den neuesten Stand der Technik bringen, die Straßen erweitern und mehr Rasthäuser bauen. Das umfangreichste und bedeutendste Projekt für ihr Ressort aber ist der Bau des Großhafens auf der dem Land vorgelagerten Insel Bubiyan. Am Ausgang des Schatt al-Arab gelegen, soll Bubiyan einmal der größte Seehafen am Golf werden, neben dem Öl Kuwaits Einnahmequelle Nummer zwei werden. »Jetzt sehe ich, dass ich mit dem Ministeriumswechsel sogar mehr Kompetenz bekommen habe, Kompetenz für die Zukunft.«
Seit Kurzem hat die Kommunikationsministerin Masouma noch mehr Kompetenzen – denn der Putschversuch der Abgeordneten gegen den angeblich korrupten Gesundheitsminister blieb nicht ohne Folge. Um einem erneuten Misstrauensvotum des Parlaments zuvorzukommen, bildete der Emir die Regierung um und entließ den Gesundheitsminister. Seitdem leitet Masouma kommissarisch auch das Gesundheitsministerium. Außerdem holte der Emir zum Ärger konservativer Parlamentarier eine zweite Frau ins Kabinett. Nouria al-Sbeih ist die neue Erziehungsministerin. Als Nouria ihren Schwur vor dem Parlament aufsagte, trug sie eine geblümte Bluse, einen schwarzen Rock – und kein Kopftuch.
- Datum 14.07.2007 - 04:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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