Kuwait Madame und die MännerSeite 2/2
Manchmal fühle sie sich schon einsam, gibt die 55-jährige Mutter von vier Kindern und Oma eines Enkels zu. Sie zupft ihr Kopftuch zurecht, das alle Haare bedeckt. Nicht so sehr im Kabinett oder im Parlament, wo sie als einzige Frau unter Männern ihren Standpunkt vertreten muss, erlebe sie die Einsamkeit. Das sei sie schon von ihrer Arbeit an der Universität gewohnt. Als sie 1982 mit einem Doktortitel aus den USA nach Kuwait zurückkam, gab es an der Universität in Kuwait noch keine weiblichen Dozenten, schon gar nicht in Politikwissenschaften und Jura. An der Uni habe sie gelernt, sich durchzusetzen, sagt Masouma. Sie wurde die erste weibliche Professorin in Kuwait.
»Einsam fühle ich mich bei offiziellen Einladungen, bei Mittag- oder Abendessen mit Staatsgästen.« Delegationen aus arabischen Ländern hätten selten Frauen in ihren Reihen. Auch Ehefrauen würden, anders als in Amerika oder Europa, nicht auf Empfänge mitgenommen. Als der britische Thronfolger Prinz Charles Ende Februar Kuwait besuchte, gab es zwei Essensgesellschaften: eine für ihn und eine für seine Frau Camilla, nach Geschlechtern getrennt. Masouma entschied sich für die Frauenparty – und erntete Kritik von ihren Kabinettskollegen. »Bei Angela Merkel war das kein Problem«, erzählt die Ministerin über den Besuch der Bundeskanzlerin im vergangenen Winter. »Die kam mit einer gemischten Delegation.«
Neben Saudi-Arabien und Jemen gilt Kuwait als das traditionellste, konservativste arabische Land am Golf. Familiäre Verbindungen, alte Stammesstrukturen und ein streng ausgeübter Islam bestimmen den Alltag der insgesamt drei Millionen Einwohner, wovon allerdings nur knapp über eine Million Kuwaiter sind. Die anderen sind Gastarbeiter, zumeist aus asiatischen Ländern. Jeder Kuwaiter hat das Recht, drei Personen in einem Lehnsverhältnis ins Land zu holen und für sich arbeiten zu lassen. Kritiker nennen diese Praxis moderne Sklaverei.
Masoumas Miene erhellt sich, als der indische Ministeriumsbote ein Tablett mit kleinen, runden, am Rand verzierten Tassen hereinbringt und grünen Kaffee einschenkt: eine Willkommensgeste. Der nächste Besucher ist sogar sehr willkommen. Mit dem tunesischen Botschafter wollen die Ministerin und der Chef der zivilen Luftfahrt Kuwaits ein sogenanntes Open-Sky-Agreement verhandeln, ein Abkommen, das uneingeschränkten zivilen Luftverkehr zwischen beiden Ländern zulässt. Mit einigen Ländern besteht ein derartiges Abkommen bereits. Seit Kurzem fliegen die kuwaitischen Fluggesellschaften auch Washington D. C. direkt an. Mit Frankreich werde bereits seit einem Jahr verhandelt. »Doch die verschanzen sich hinter der EU, und dort wird zwar immer von Freiheit gesprochen, aber wenn es konkret wird, türmen sich die Hürden vor einem auf.« Ministerin für Kommunikation heißt in Kuwait zuständig für alles zu sein, was miteinander verbunden wird. Ein gesondertes Ministerium für Verkehr oder Transport leistet sich der kleine Wüstenstaat nicht.
Madame Masouma hat in nächster Zeit einiges vor. Sie will die Kommunikationsmöglichkeiten modernisieren, den Zugang zum Internet erleichtern, mehr drahtlose Verbindungen schaffen, Kuwait auf den neuesten Stand der Technik bringen, die Straßen erweitern und mehr Rasthäuser bauen. Das umfangreichste und bedeutendste Projekt für ihr Ressort aber ist der Bau des Großhafens auf der dem Land vorgelagerten Insel Bubiyan. Am Ausgang des Schatt al-Arab gelegen, soll Bubiyan einmal der größte Seehafen am Golf werden, neben dem Öl Kuwaits Einnahmequelle Nummer zwei werden. »Jetzt sehe ich, dass ich mit dem Ministeriumswechsel sogar mehr Kompetenz bekommen habe, Kompetenz für die Zukunft.«
Seit Kurzem hat die Kommunikationsministerin Masouma noch mehr Kompetenzen – denn der Putschversuch der Abgeordneten gegen den angeblich korrupten Gesundheitsminister blieb nicht ohne Folge. Um einem erneuten Misstrauensvotum des Parlaments zuvorzukommen, bildete der Emir die Regierung um und entließ den Gesundheitsminister. Seitdem leitet Masouma kommissarisch auch das Gesundheitsministerium. Außerdem holte der Emir zum Ärger konservativer Parlamentarier eine zweite Frau ins Kabinett. Nouria al-Sbeih ist die neue Erziehungsministerin. Als Nouria ihren Schwur vor dem Parlament aufsagte, trug sie eine geblümte Bluse, einen schwarzen Rock – und kein Kopftuch.
- Datum 14.07.2007 - 04:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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