Kirche Katholische Verschärfung
Die lateinische Messe
Nun hat der Papst ausdrücklich erlaubt, was zuletzt gar nicht mehr verboten war: Katholische Gemeinden dürfen wieder die Tridentinische Messe in lateinischer Sprache feiern, nach einem 450 Jahre alten Ritus, der bislang nur in Einzelfällen und nur mit Zustimmung des Ortsbischofs gestattet war.
Nach allem, was man von den liturgischen Passionen des Papstes wusste, konnte seine Entscheidung nicht überraschen. Überdies muss sich die katholische Kirche ihrer alten und neuen Fundamentalisten erwehren, vor allem der einflussreichen Priesterbruderschaft Pius X., die die Liturgiereform stets als eine Sünde bekämpft hat, die den Rauch des Satans in die Kirche habe eindringen lassen. Ganz und gar unerträglich ist den Pius-Brüdern aber die Tatsache, dass die Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) auch anderen Religionen einen Wahrheitsanspruch zugebilligt hat. So ist die Wiederzulassung der lateinischen Messe erst einmal ein päpstliches Zugeständnis an jene, die jedes Zugeständnis bekämpfen und nicht eher Ruhe geben, bis die römische Kirche wieder als Monument der Gegenmoderne erstrahlt – als Ecclesia triumphans, die keine Ansprüche mehr an die Welt stellt und im endlosen Zeremoniell katholisierender Selbsterbauung ihre eigenen Seelen erlöst bis zum Jüngsten Tage.
Der Papst will innerkirchlich versöhnen – und riskiert neue Verwerfungen. Zu Recht betrachtet Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Tridentinischen Ritus einen Affront, denn nun werde Karfreitag und Ostern in unseliger Tradition wieder für die »Bekehrung der Juden« gebetet, die in »Verblendung« und in »Finsternis leben«. Und als sei es der katholischen Verschärfung nicht genug, veröffentlicht die römische Glaubenskongregation dieser Tage ein Schreiben, wonach die Kirchen der Reformation keine »Kirchen im eigentlichen Sinne« seien. Was für ein Rückfall.
Als hinge daran das Überleben des Abendlandes, hat eine kleine Schar Intellektueller für die Wiedereinführung des alten Ritus geworben. Ihre Argumente waren ästhetischer Natur, eine Verteidigung der wunderbaren lateinischen Klarheit gegen die nachkonziliare »Häresie der Formlosigkeit« (Martin Mosebach). Doch Form ist nicht nur Form und das Ästhetische nicht nur ästhetisch. Es ist nämlich der Geist der Gegenreformation, der den Tridentinischen Ritus durchweht – der Versuch der Orthodoxie, das jüdische Erbe des Christentums abzuspalten und die Eucharistie – rein platonisch – auf eine Feier des »Ewigen« und »Immerwährenden« zu nivellieren. In der Messe sollte nicht länger die friedensstiftende Überwindung von Opfer und Gewalt gefeiert werden, sondern ausschließlich die Erlösung vom menschlichen Seinsgeschick, von seiner Sterblichkeit. Wer das heute wieder als einzige Botschaft predigen will, der verwechselt das Christentum mit einem Mythos. Darin käme es nur noch auf die Wahrheit der katholischen Autorität an – und nicht mehr auf die Autorität der Wahrheit. Thomas Assheuer
- Datum 12.07.2007 - 14:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Ich bin sehr enttäuscht - lange habe ich gehofft, dass ein intelligenter Papst alle Christen voranbringen könnte, doch das war wohl ein Irrtum. Das geht nicht gegen die Sprache - wir singen ja auch Messen auf Latein - aber die Sprache allein ist es nicht, man muss schon darauf hören, was inhaltlich im der Liturgie gesagt wird. Ich als evangelischer Christ fühle mich vor den Kopf gestoßen - Fundamentalisten haben wir doch schon genug, auch in anderen Religionen...
„...die Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie muß aufhören. Wer sich heute für den Fortbestand dieser Liturgie einsetzt oder an ihr teilnimmt, wird wie ein Aussätziger behandelt; hier endet jede Toleranz... Derlei hat es in der ganzen Geschichte nicht gegeben, man ächtet damit ja auch die ganze Vergangenheit der Kirche. Wie sollte man ihrer Gegenwart trauen, wenn es so ist? Ich verstehe, offen gestanden, auch nicht, warum so viele meiner bischöflichen Mitbrüder sich weitgehend diesem Intoleranzgebot unterwerfen, das den nötigen inneren Versöhnungen in der Kirche ohne einsichtigen Grund entgegensteht.“
Joseph Kardinal Ratzinger, Gott und die Welt - Glauben und Leben in unserer Zeit, Ein Gespräch mit Peter Seewald, 2. Aufl., München 2000, S.357
Ich kann "Verschärfung" nicht erkennen, wo liberale Handhabung angekündigt wird.
Katholiken können nun darauf hoffen, daß die alte Liturgie mehr zelebriert wird. Für jene, die beides (alte und neue) kennen, ist es wie eine Heimkehr nach langer Zeit. Die überlieferte Kirchenmusik, eine lateinische Messe von Schubert z.B., findet nun wieder ihren Kontext zum Gebet und Ablauf der Messe.
Es könnte jetzt auch wieder möglich sein, auch im Ausland eine Messe zu hören, ohne "Bahnhof" zu verstehen. Wohl dem, der noch sein altes Meßbuch im Schrank findet.
Erst mit dem Bekenntnis zu alten ehrwürdigen Formen, wird Neues überhaupt erst gerechtfertigt. Die mit Rom unierten Ost- und orientalischen Kirchen haben eh "neue Liturgien" noch nie eingeführt. Das galt allein für den lateinischen Kreis.
Hoffentlich wird nicht eines Tages die Hexenverbrennung wieder eingeführt und Sie erkennen auch dann keine "Verschärfung". Als Protestant ist mir die Liturgie allerdings "schnuppe". Haben Sie überlesen, daß die evangelische Kirche keine Kirche mehr ist. Also Heil der alleinseligmachenden römischen Kirche!
Eule16
Ihre Klage oder Aufregung ist mir wurscht. Wer sich darüber als andere Konfession aufregt, dem fehlt es an Selbstbewußtsein. Mit dem bohrenden Gefühl, daß die in Rom keine dummen Jungs sind.
Die Aufregung scheint mir übertrieben. Die Lateinische Messe im alten Ritus wird eine Minderheitenmesse bleiben. Aber die Maßnahme des Papstes wird die innere Einheit der Kirche stärken und das ist gut. Den Zentralrat der Juden kann man jedoch beruhigen. Es wird nicht für die Bekehrung der Juden gebetet werden. Der Papst hat in seinem Motu Proprio den Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern ausdrücklich von seiner Erlaubnis ausgenommen. Das hätten Herr Kramer und Herr Assheuer wissen können und müssen.
Der Beitrag in der Zeit ist ein Beispiel dafür, wie ein Autor zwar klug schreibt, aber zugleich nicht vollständig informiert ist. Oder unterschlägt er einfach die Tatsache, dass die lateinische Messe in der Karwoche nicht gefeiert werden darf, wegen der Bitte um Bekehrung der Juden am Karfreitag. Oder will er nicht für wahrhaben, dass die lateinische Messe nur ein weiteres Angebot unter vielen im Haus der katholischen Kirche ist, das viele Zimmer hat.
Niemand wird durch die Erlaubnis aus Rom etwas vorgeschrieben oder genommen. Es wird lediglich die Grausamkeit beendet, dass Anhänger dieser Form des Gottesdienstes sich in Abstellkammern treffen müssen und sich als Illegale fühlen müssen. Ich persönlich bin kein Lefebvrianer, aber ich freue mich auf den 14. September und über die neue Pluralität in meiner Kirche.
So,es wird wieder eine lateinische Messe abgehalten.Warum ist das Thema fuer Nicht-Katholiken? Es kann doch niemanden wirklich interessieren ausser katholischen Kirchgaengern.Bin zwar Protestant aber ich fand immer dass die gesungene Litanei eine gewisse Wuerde hatte und dem Kirchgang etwas besonderes verlieh.Wenn ich dagegen an die Haendehalterei und anderen Volklore Kram in der heutigen prostestantischen Kirchen denke dann koennte man die Katholiken um ihre wuerdevolle Messe in der alten Sprache fast beneiden.Moeglicher Weise wird das auch dazu anregen dass mehr Leute wieder Latein lernen.
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