Österreich Raus aus der dämonisierten Zone
Die Koalition ist zerrüttet. Kann die Konfliktforschung einen Weg aus der Krise der Regierungspartner weisen?
Nur kurz währte die Phase relativer Harmonie, die von der Großen Koalition noch zu Beginn dieser Woche öffentlich zur Schau gestellt wurde. Kaum hatte ÖVP-Vizekanzler Wilhelm Molterer beschwichtigt, nun, nachdem die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse ein jähes Ende gefunden hatten, sei auch der »Schutt der Vergangenheit« weggeräumt, feuerte SPÖ-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina schon wieder eine Salve auf den Regierungspartner. »Wenn der Beton bei der ÖVP bröckelt, dann fällt logischerweise Schutt an«, spottete der rote Stratege am Vorabend der letzten Regierungsklausur vor dem Sommer.
Auch der jüngste Schlagabtausch folgte einem mittlerweile vertrauten Muster. Seitdem die beiden Regierungsparteien, letztlich nur aufgrund des Drängens des Staatsoberhauptes, widerstrebend in ein Koalitionsabkommen eingewilligt haben, liefern sie der Öffentlichkeit fortwährend Beweise dafür, dass sie diese Zusammenarbeit in einer »Vernunftehe« eigentlich nicht gewollt haben. Fast täglich wird durch kleinere und größere Episoden die Spannung in der rot-schwarzen Koalition eskaliert.
Als Konfliktforscher und Mediator kann ich die Mechanismen und den jeweiligen Grad einer Eskalation anhand der neunstufigen Skala, die ich in meiner Untersuchung über Konfliktmanagement aufgestellt habe, gut einschätzen. Prinzipiell läuft die Eskalation einer Auseinandersetzung stets nach diesem Muster ab.
In der ersten Stufe der Verhärtung prallen Standpunkte aufeinander, versteifen zeitweise und führen zu emotionalen Ausrutschern. Noch überwiegt aber die Bereitschaft zur Kooperation. In Stufe 2 (Debatte, Polemik) zeichnet sich bereits eine deutliche Polarisation im Denken, Fühlen und Handeln ab. Nun bestimmen rhetorische Taktiken die Auseinandersetzung. In der folgenden Stufe 3 (Taten statt Worten) zielen die Strategien darauf, vollendete Tatsachen zu schaffen, anstatt miteinander zu verhandeln. Innerhalb der Konfliktparteien entsteht ein starkes Wir-Gefühl. Auf diesen ersten drei Stufen der Eskalation könnten beide Kontrahenten noch erfolgreich aus einem Konflikt hervorgehen. Es besteht eine Win-win-Situation.
Auf den nächsten Stufen ist das nicht mehr möglich: Es wird einen Sieger und einen Verlierer geben. In Stufe 4 (Koalitionen) verdichten sich die bisherigen Erfahrungen zu stereotypen Bildern der negativen Eigenschaften des jeweiligen Gegenübers. Die Parteien werfen einander mangelnde Fach- und Führungskompetenz vor und werben um Bündnispartner. In Stufe 5 (Gesichtsverlust) wird der Gegner dämonisiert: Seine moralischen Qualitäten werden in Abrede gestellt, seine Ehre wird besudelt. In der Regel endet diese Phase in dramatischen Verdammungsaktionen. In Stufe 6 (Drohung und Erpressung) wird das weitere Geschehen von ultimativen Forderungen und der Androhung von Sanktionen beherrscht. Dabei manövrieren sich die Parteien immer weiter in eine Sackgasse.
Wenn ein Konflikt nun auf die nächsten Stufen eskaliert, so wird es nur Verlierer geben. In Stufe 7 (Begrenzte Vernichtungsschläge) fügen die Gegner einander bereits gezielt Schaden zu und lösen entsprechende Gegenschläge aus. Vergleichsweise geringere eigene Verluste werden in dieser Phase als Erfolg betrachtet. In Stufe 8 (Zersplitterung) zielen alle Aktionen darauf, den Gegner körperlich, psychisch oder wirtschaftlich zu zerstören. In Stufe 9 (Gemeinsam in den Abgrund) wird schließlich sogar der eigene Untergang bewusst in Kauf genommen, wenn nur der Gegner definitiv vernichtet werden kann.
- Datum 12.07.2007 - 03:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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