ATELIERBESUCH THOMAS DEMAND
Er hat ein wenig aufgeräumt in seinem Atelier, einen Besen genommen und die Spuren seiner Arbeit einfach weggefegt. Die Spuren, das sind vor allem bunte Schnipsel aus Papier. Thomas Demand, Jahrgang 1964, hat an der Düsseldorfer Akademie Bildhauerei gelernt. Schon während des Studiums hat er historische Orte und Szenen aus Papier nachgebaut und fotografiert. Die Papierskulpturen selbst vernichtet er hinterher. Was übrig bleibt, sind seine Fotos, die auf dem Kunstmarkt für sechsstellige Euro-Beträge gehandelt werden. Vor zwei Jahren widmete ihm das MoMA in New York eine große Retrospektive.
Mit seinen wachen Augen hinter dem dicken, dunklen Brillengestell erinnert Thomas Demand an einen neugierigen Maulwurf, und in gewisser Weise ist er genau das, ein Archäologe der Gegenwart: Er gräbt sich durch den großen Berg der öffentlich kursierenden Bilder und versucht die Tatorte freizulegen, an denen Geschichte gemacht wurde. Wie entstehen Mythen? das ist die Frage, die Thomas Demand beschäftigt.
Er rekonstruiert menschenleere Architekturen, um die sich gesellschaftliche Erinnerungen ranken. So hat er etwa die Badewanne nachgebaut, in der 1987 der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel starb, und auch die kleine Küche, die Saddam Hussein in seinem Versteck benutzte.
Seine Bildmanufaktur hat Demand in Berlin-Mitte, in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs, in einer alten Lagerhalle aus Backstein. Der hintere, größere Teil dieser endlos wirkenden Halle beherbergt zurzeit die Sammlung Flick, den vorderen teilt sich Demand mit zwei anderen Künstlern. Einer davon ist Olafur Eliasson, den Demand schon vom Studium kennt.
Wie Filmkulissen sind in Demands Atelier vier neue Motive aufgebaut, die den hohen Raum fast vollständig ausfüllen: Ein Zugang zu einem Fahrstuhl, ein Hauseingang, ein Büroflur mit Fahne und ein recht chaotisch eingerichtetes Büro stehen da herum. Die Wände sind aus Pappe, das Mobiliar ebenfalls. Das Faxgerät, das Telefon, die Stifte und die Bücher in der Kulisse sind aus buntem Papier ausgeschnitten und zusammengeklebt, im Format 1:1.
Hat er all das tatsächlich selbst so fein säuberlich mit der Schere bearbeitet? Ja, denn sonst wäre das Werk nicht mehr seines, sagt er.
Nur bei den groben Arbeiten helfen ihm zwei, drei Assistenten. Einmal aber mussten sie zu Dutzenden Tag und Nacht durcharbeiten, als sie eine Grotte aus mehr als dreißig Tonnen Papier bauten. Jeder einzelne Stalaktit wurde aus Hunderten von Papierschichten zusammengeklebt, Demand hatte für das Ausschneiden extra eine computergesteuerte Industrieschneidemaschine angeschafft. Nun ruht die graue Maschine unter einer Plane in einer Ecke des Ateliers, daneben steht ein Karton mit extragroßen Klebstofftuben, wie man sie aus Kindergärten kennt.
Ich habe über die Jahre alle Klebersorten ausprobiert, sagt der Mythenforscher, der in der gelben Tube ist der beste.
Sein Papierlager hat Demand in einem kleinen Nebenraum, in dem sich die verschiedenfarbigen Bögen in tiefen Regalen stapeln. Den Bestand hat er sich auf der ganzen Welt zusammengekauft, etwa auf einer Reise nach Shanghai. Da bekommt man die schönsten Farbpapiere, die werden im Westen gar nicht mehr produziert, gedeckt leuchtende Orange- und Grüntöne. Wahrscheinlich sind die Farben hochgiftig, sagt er.
Und was sind das für Räume, die da jetzt gerade in seinem Atelier stehen und schon langsam wieder auseinanderfallen, deren Papier sich zu wellen beginnt, obwohl sie gerade erst fotografiert wurden? Es ist der Tatort eines Diebstahls. In dem Originalhaus wurde 2001 Papier gestohlen. Das Briefpapier der Botschaft von Niger in Rom, die Thomas Demand nun sorgfältig nachgebaut hat. Das entwendete Briefpapier wurde später dazu benutzt, Beweise für einen angeblichen Uranschmuggel in den Irak zu fingieren. Und dieser angebliche Uranschmuggel diente wiederum der Regierung Bush als Argument für den Irakkrieg.
Demand wollte mit seiner neuesten Arbeit Yellow Cake so nennen Experten pulverförmiges Uran der Erste sein. Er wollte diesmal sein Verfahren umkehren und eine Geschichte illustrieren, von der es bisher noch kein Bild gab. Über zwei Jahre hat Demand für dieses Projekt recherchiert, er hat Journalisten getroffen, Bücher gewälzt und es schließlich in die abgeschottete Botschaft in Rom geschafft. Die Diplomaten haben zwar nicht genau verstanden, was Demand wollte, auch der mitgebrachte MoMA-Katalog hat sie nicht gleich überzeugt. Nach langem Hin und Her durfte der Künstler aber doch ein paar Filme verknipsen mit seinem Handy hatte er vorher schon heimlich Fotos gemacht. Die stecken jetzt mit Skizzen und anderem Recherchematerial in einem dicken Ordner, der in seinem Atelier auf einem hohen Tisch liegt, umgeben von Stiften, Messern und Scheren.
An diesem Tisch arbeitet Demand jeden Tag, oft im Stehen. Morgens fängt er gegen halb elf an und bleibt bis ein Uhr nachts. Am späten Nachmittag geht er kurz schwimmen, das hält ihn wach. Für die eigentliche künstlerische Arbeit nutzt er Abende und Wochenenden, den Rest der Zeit frisst die Organisation. Zurzeit produziert er mit zwei Büroassistentinnen Kataloge und plant die nächsten Ausstellungen.
In Venedig hat Demand parallel zur Eröffnung der Biennale seine Fotos aus der Reihe Yellow Cake vorgestellt. Zum ersten Mal präsentierte er dort auch den Produktionsprozess seiner Fotos am Beispiel der Grotte: Im ersten Raum sah man die fertigen Fotos, das künstlerische Endprodukt. Der zweite Raum zeigte Bildvorlagen und Recherchematerialien. Im dritten stand das Modell selbst, die gut dreißig Tonnen schwere Skulptur. Demand hatte die Grotte nach dem Fotografieren nicht so einfach wegwerfen können. Sie war zu massiv.
Eine Sammlung hat sie jetzt erworben ein einmaliger Bruch in Demands künstlerischer Praxis. Die Papierräume der nigerischen Botschaft hingegen werden zerstört, die Reste ins Berliner Altpapier gefegt. Die Zerstörung ist auch ein Akt der Befreiung, im Atelier gibt es dann endlich wieder Platz. Platz für eine neue Arbeit.
Nächste Woche zu Besuch bei
Florian Süssmayr
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.M46
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