Tom Cruise soll Stauffenberg retten

Darf der amerikanische Filmstar Tom Cruise den deutschen Widerständler Stauffenberg spielen? Die Proteste, die sich an dem Bekenntnis des Schauspielers zur Scientology-Sekte entzündeten, sind glücklicherweise bisher nicht recht über einige Politikerkreise, die Sektenbeauftragten der Kirchen und manche Hinterbliebene des Widerstandes, allen voran den Sohn des Attentäters, den Grafen Berthold von Stauffenberg, hinausgekommen. Nur der Bundesfinanzminister verweigert nach wie vor die Drehgenehmigung für den Bendlerblock, in dem der 20. Juli sein bitteres Ende nahm aus Sorge um die Würde des Ortes, wie es heißt.

Das mag zwar ein wenig kindisch sein, denn Dreharbeiten in ihrem unvermeidbaren Gewusel sind niemals geeignet, die Würde von was auch immer zu wahren. Aber niemand hat bisher ernsthaft die deutschen Fördergelder infrage gestellt, die in dem Projekt stecken, und auch die Kommentare der Medien beharrten zu Recht auf dem Unterschied zwischen der Schauspielerexistenz und dem Privatbekenntnis von Tom Cruise.

Und wenn Stauffenberg von Louis de Funès gespielt worden wäre?

Damit könnte der Streit sein Bewenden haben, wenn er nicht über alle Plausibilitäten hinaus so viel Ungereimtheiten ans Licht gebracht hätte, die unser Verhältnis zur Geschichte im Allgemeinen und zum Widerstand gegen Hitler im Besonderen betreffen. Nehmen wir einmal an, es handelte sich nicht um den Heldendarsteller Cruise, sondern um den Komiker Louis de Funès. Hätten wir die Überführung des Widerstandshelden in einen besinnungslos grimassierenden und komisch hin und her hastenden Maniac geduldet?

Möglich gewesen wäre eine solche Geschmacklosigkeit allemal: Die Ereignisse in der Wolfsschanze, das hektische Hantieren mit der Bombe, das Vergessen des zweiten Sprengsatzes, die fehlgeschlagene Explosion, danach das kopflose Telefonieren und Konferieren der Widerständler im Bendlerblock, der Versuch, das Überleben Hitlers zu vertuschen und das Unternehmen Walküre trotzdem durchzuführen, die operettenhafte Entmachtung des Generalobersten Fromm bis zum Zufallsverrat durch den dümmlichen Major Remer all dies hätte Stoff genug für eine Slapsticksatire, vorausgesetzt man hätte auch die Unverfrorenheit, den Hintergrund der NS-Verbrechen und den Märtyrertod der Widerständler auszublenden.

Diese Unverfrorenheit, wenn man bei dem Gedankenspiel bleiben wollte, hätte ohne Frage Proteste nach sich gezogen. Aber es hätte doch niemand verkannt, dass hier keine historische Wahrheit geboten, sondern eine wie geschmacklose auch immer Umwandlung in die Komödie versucht werden sollte. Die Aufregung über die Besetzung der Stauffenberg-Rolle durch Tom Cruise aber tut gerade umgekehrt, nämlich so, als würde hier keine Umwandlung in einen Filmstoff erfolgen, sondern eine legtime oder illegitime Wahrheit geboten, in der es um die Glaubwürdigkeit der Beteiligten ginge.

In der Verkennung dessen, was ein Film ist, treffen sich Verteidiger wie Kritiker von Tom Cruise gleichermaßen. Die Kritiker (wie Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand) sagen, dass der Anhänger einer totalitären Sekte nicht befugt sei, einen Kämpfer gegen den Totalitarismus darzustellen. Die Verteidiger (wie Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) sagen, dass er gerade deshalb so geeignet sei, weil Stauffenberg in seiner Jugend auch einem tendenziell totalitären Zirkel, nämlich dem Kreis um den Dichter Stefan George, angehört habe. Beide aber scheinen davon auszugehen, dass es sich bei der Verkörperung Stauffenbergs nicht um Schauspielerei, sondern um nachprüfbare biografische Nähe oder Ferne, also partielle Identität gehen müsse.

Noch merkwürdiger wird die Argumentation von Kritikern wie Verteidigern dort, wo es nicht um innere Wahrheit, sondern um die äußere Wirkung geht. Die Sektenexperten und manche Politiker befürchten, dass Tom Cruise eine heroische Aufwertung der Scientologen zu erschleichen suche, indem er die Sekte, die sich in der Bundesrepublik verfolgt fühlt, mit den Widerständlern gegen Hitler in eins setze. Die Bewunderer des Schauspielers wiederum, allen voran der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), erwarten von dem Filmstar eine spektakuläre Aufwertung des deutschen Widerstands, der dem ganzen Land in der Welt, vor allem aber in den USA einen Imagegewinn verschaffe.

Wenn man einmal von dieser bettelnden, recht eigentlich demütigenden Hingabe an den Starzirkus Hollywoods absieht, die den 20. Juli augenscheinlich nur noch als Verkaufargument in der Markenkonkurrenz der Nationen sieht dann bringt die Donnersmarcksche Einlassung den abergläubischen, geradezu animistischen Kern des Streites auf den Punkt. Er tut, als entscheide sich mit dieser Verfilmung das historische Erbe des deutschen Widerstands ob es angenommen oder verschmäht werde, ob es im Weltgedächtnis leben könne oder in seine Vergeblichkeit zurücksinken müsse.

Was an der Debatte um Tom Cruise so schockiert, ist dieser Aberglaube an die Macht der medialen Verbreitung, als sei die Kenntnis der Geschichte nichts und ihr massenkompatibles Abbild alles: Wir werden Stauffenberg als Helden haben, wenn wir Tom Cruise als Stauffenberg haben. Das ist der Animismus Stauffenberg muss durch einen Star verkörpert werden, damit er weiterleben kann. Deswegen kreist die Debatte auch so verzweifelt um das Ansehen von Tom Cruise ist der Star glaubwürdig, dann wird auch Stauffenberg glaubwürdig wiederbelebt. Ist der Star nichtswürdig, dann verlieren wir Stauffenberg.

Es geht nicht um Wahrheit oder Lüge, sondern um den Starkult

Deswegen verfehlt Berthold von Stauffenbergs nur allzu nachvollziehbare Befürchtung, es werde bei der Verfilmung am Ende nur Kitsch produziert werden, die Ohren der Streitenden. Es geht nicht um Kitsch oder Geschichte, weil es auch nicht um Wahrheit oder Lüge geht.

Schon hat Donnersmarck vorsorglich gesagt, dass an der historischen Wahrheit nichts hängt, weil sich die poetische Wahrheit in jedem Fall durchsetzen werde. Und wie auch nicht? Poetische Wahrheit in diesem Sinne stellt sich zuverlässig und von selber ein, wenn Tom Cruise als Stauffenberg hinreichend bewundert werden darf. Es geht um den Image-Transfer vom Star zum Widerständler und vom Widerständler zum Star, um sonst nichts.

Geht es auch um den 20. Juli? Ja, leider geht es am Rande auch um den 20. Juli. Es ist nun einmal so, dass er nicht nur in der Welt, sondern auch bei den Deutschen nie populär geworden ist. Die Mehrheit war nicht aufseiten der Hitler-Attentäter. Deswegen liegt dann doch eine, aber weniger poetische als schweflige Wahrheit in Donnermarcks Hollywoodversprechen. Nur ein Star, den die Massen verehren, könnte die Verehrung zu Stauffenberg bringen. Wo einsame Offiziere waren, sollen umjubelte Hollywoodstars werden. Auch das ist eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, die der Film leisten kann. Sein Preis ist allerdings hoch oder auch sehr niedrig, je nachdem , aber für etwas Schwermut reicht er allemal.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.46
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