Kino : Führer spielen

Warum deutsche Künstler die Finger von Hitler lassen sollten

Jonathan Meese spielt gern Hitler. Auf seiner MySpace-Seite war er bis vor Kurzem in der bekannten Pose zu sehen, der Kindskopf gab den Massenmörder, den rechten Arm hielt er steif gehoben, er schaute ernst und entschlossen und trug eine schwarze Trainingsjacke von adidas, schwarze Jeans und einen Cowboyhut, auf den er groß »ADOLF« geschrieben hatte. »Alles muss übel aufstoben!« stand neben diesem Bild.

»Hey funny guy, please quit with that nazi crap! YOU ARE PATHETIC!!!!!!!!«, diesen Kommentar hat Meese ein paar Tage später jemand geschickt, der wohl nicht weiß, dass es in Deutschland ein sehr beliebtes Spiel ist, so zu tun, als sei Hitler heute immer noch schrecklich faszinierend, ein Übervater, eine historische Dauerpräsenz – nur um sich mal wieder in Führerpose fotografieren zu lassen; nur um den ganzen Germanenmüll hervorzukramen, all die bösen Worte und Fahnen und Zeichen und Posen; nur um sich mit ein wenig Nazi-Onanie zu amüsieren.

32 1/2, kurz vor 33, so könnte man dieses beliebte Spiel nennen: der permanente Flirt mit dem Ausnahmezustand; die Faszination des Totalitären; der Spaß des Bösen.

Nun sind Faszination, Verschleierung und Aufklärung in der Figur Hitler immer eine seltsame Verbindung eingegangen. In manchen Fällen, gerade in letzter Zeit, etwa bei Eichinger, Bruno Ganz und dem parkinsonzuckenden Bunkerhitler, ist dabei überhaupt nicht mehr klar, wozu diese Geschichte noch einmal erzählt wird – außer vielleicht, um den Teufel wieder aus der Kiste zu holen, ihn zwei Millionen Deutschen im Kino zu zeigen und ihn damit am Leben zu halten. Der Schatten Hitlers ist lang; aber eben auch nur so lang, wie man ihn macht. Und selbst wenn über Sophie Scholl, die Rolle des Widerstandes oder, wie jetzt, Stauffenberg und Tom Cruise diskutiert wird – es wirkt sehr oft, als könnten, als wollten wir Deutschen einfach nicht von Hitler lassen.

»Bilder kann man nicht verbannen«, hat Jonathan Meese einmal gesagt und damit Hitler gemeint, »wenn man bestimmte Bilder nicht will, dann muss man ihnen die Chance geben, sich selbst zu bekämpfen.« Es wirkt bei Meese allerdings nicht so, als ob er Hitler bannen wollte; es wirkt eher wie eine Anrufung. Und merkwürdig ist nun, dass es gerade in einer Zeit, da die letzten Zeitzeugen sterben, und gerade bei einer Generation, die so frei schien von diesem Schatten, diesen Reiz gibt, sich der Energie des Bösen, des Verbotenen zu bedienen. In seiner großen Frankfurter Ausstellung hatte Meese schräg über sein Selbstporträt Hitlers Bild an die Wand geklebt; und darauf hatte er das Wort »Vater« geschrieben.

Aber Hitler ist eben immer noch eine beliebte Wichsvorlage für deutsche Künstler und Intellektuelle, da kann man im Ausland so viel staunen, wie man will. Meese inszeniert nun seine Online-Hitlerpose und sein ganzes Germanengehabe mit antiautoritärer Geste – die doch nicht den Spaß verkleiden kann, den ihm dieses autoritäre Auftreten bereitet. Postmodern ist das nicht, es geht nicht um Dekonstruktion, es geht darum, die Kraft Hitlers zu benutzen. Schmutzig ist gut, das ist der alte Kunstreflex dabei; schmutzig ist lustig, das ist die entschuldigende Logik.

Es ist aber nicht lustig. Es ist nicht lustig, wenn als Meeses MySpace-Freundin Eva Braun angegeben ist, ein Neonazi-Centerfold, in heiterer Obersalzbergpose und mit gepunktetem Rock. Und es ist auch nicht lustig, wenn neben Richard Wagner gleich Papst Pius XII. als weiterer Meese-Freund steht, Hochhuths Stellvertreter, der Papst, der zur Judenverfolgung geschwiegen hat, diese Figur der geschichtlichen Ambivalenz in all ihrer Heiligkeit – wobei sich hinter »Ambivalenz« leicht eine tatsächliche, eine originäre Faszination versteckt. Meese jedenfalls kommt mit seinem Hitlerismus in diesen runterdemokratisierten, großkoalitionären Tagen besonders gut an.

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