Kino Führer spielenSeite 3/3

Das ist ein unter Vernunftfeinden beliebtes Motiv. Und findet sich auch in einem weiteren merkwürdigen Werk dieser poptotalitären Tage, Ingo Niermanns Buch Umbauland. Zehn deutsche Visionen, erschienen in der edition suhrkamp, Denkerstoff. Niermann versucht die seit einer Weile so nicht mehr gestellte Frage »Wer rettet Deutschland?« in zehn Kapiteln zu klären, die gute deutsche Titel tragen wie Heimweh, Handarbeit oder Demokratische Bombe. Er will eine neue Sprache schaffen, das Rededeutsch, radikal vereinfacht und ans Englische angelehnt; er stellt kurz die »Church of Euthanasia« vor, die sich des Problems der alternden Gesellschaft auf ihre Weise annimmt; und er will ein »deutsches Weltwunder« bauen, das größte Gebäude überhaupt, eine Pyramide, 1000 Meter hoch und 1400 Meter breit, für alle Toten dieser Erde. Denn darunter tun wir Deutschen es ja nicht.

Was nun auch an Niermanns Buch so besonders nervt, ist die augenzwinkernde Selbstverständlichkeit, ist die Harmlosigkeit, ja Nettigkeit im Ton, mit der er seine Visionen präsentiert. In Methan und auch in Umbauland behandelt er die Weltgeschichte wie einen gruseligen Comicstrip, wie eine absurde Science-Fiction-Story. Beyond Armageddon heißt eine Anthologie, die Niermann zitiert, es geht um die »Überlebenden des Megakrieges« – verbunden hat das Niermann mit dem Plädoyer für eine deutsche Atombombe, für eine Atombombe für jedes Land, besonders Libyen und Kuba, zur Sicherung des Weltfriedens.

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»Wir sind wenn, dann Propheten«, so sagt es Ingo Niermann, der sich zu seinen allumfassenden gesellschaftlichen Visionen in Peking inspirieren ließ. Man könnte das auch, mit Isaiah Berlin, die totalitäre Versuchung nennen, die Intellektuelle und Künstler immer dann ergreift, wenn die Ruhe um sie herum allzu dröhnend wird; oder wenn sie am Horizont etwas wittern, das spannender oder erhebender ist als das demokratische Einerlei. Dann kultivieren sie besonders gern diesen Ekel vor dem Individuum, dann ergehen sie sich in Reinigungs- und Revolutionsfantasien, die in der Vernichtung die Erlösung sehen.

In der Popmusik kennt man solche Phänomene, von Laibach und Rammstein bis zum französischen Dance-Hit der Saison der Band Justice, die besonders gern unter einem großen leuchtenden Kreuz tanzen lässt. Neu ist, dass sich Künstler aus dem kulturellen Mainstream in diese dunklen Regionen wagen, Künstler auch, die alle Ende dreißig sind und Teil einer Generation, die lange aus dem Schatten Hitlers und der totalitären Faszination getreten war. Politiker geraten zu Recht in Schwierigkeiten, wenn sie Unsinn über Herrn Filbinger erzählen. Künstler sind da deutlich freier. Sie spüren, könnte man sagen: Das Totalitäre liegt in der Luft, es weht uns etwa aus dem radikalen Islam an.

Die Dummheit der Politiker ist meistens reaktionär; die Dummheit der Künstler ist manchmal visionär.

 
Leser-Kommentare
  1. Wohl eher die Ignoranz des Feuilletons. Hier schreibt ein Autor über Künstler, der von Kunst offenbar keinen Schimmer hat. Dekonstruktion und Postmoderne sind die einzigen Begriffe die er auf aktuelle Kunst anzuwenden weiß. Er unterstellt Meese eine "antiautoritäre Geste", sieht eine Provokation missglückt, die gar keine sein will. Wenn er Methan als "Buch, das irgendwo zwischen Scherz und Schreck angesiedelt ist" vorstellt, geht ihm jedes Verständis ab. Meese - er verfolgt ein ganz simples Konzept, das er bei jedem Auftritt zu propagieren weiß, auch jenen, die es schon gar nicht mehr hören können.
    Es geht doch weder um die Renaissance einer Philosophie a la Rousseau noch um eine Auflösung des Individuums(?) in einer Totalität. Hitler und Totalitarismus werden doch nicht beschworen von den Künstlern, solche Unterstellungen sind doch ein alter Hut. Diese Prinzipien sind doch da, waren schon immer da, und werden immer da sein, völlig unabhängig eines Islam. Sie in der KUNST (nicht im Leben) zum Leitprinzip zu machen ist doch ein genialer Akt, der den Menschen als sich selbst symbolisch vorstellen will, als eine Utopie, eine anthropologische Aufklärung ("Kindchenschema"). Und das hat mit Lyotard oder Derrida ziemlich wenig zu tun.

    • SUBMAN
    • 17.07.2007 um 21:51 Uhr

    sehr peinliche recherche, herr diez. jonathan meese unterhaelt keinerlei internet accounts oder internet seiten (also auch nicht auf myspace.com). folglich sind die zitate, die sie ihm in den mund legen ganz einfache fakes von nachahmern. dass ein redakteur der zeit solche fakes benutzt und zu zitaten macht, ist nicht nur peinlich, sondern verantwortungslos. offenbar mussten sie aus mangel an sachlichem material passend machen, was nun mal nicht passend ist. sie sollten sich fuer diese verleumdung bei herrn meese entschuldigen. aber diesen schneid werden sie nicht aufbringen.
    ihr gesamter artikel ist die nostalgische leier jener meinungsterroristen der demokratie, die nicht muede werden zu behaupten, dass jeder radikale angriff auf die "langweilige demokratie" unabdingbar zum nationalsozialismus fuehrt. aber "demokraten ohne volk" wie sie werden die neue, radikale utopie von herrn meese nicht aufhalten koennen. die demokratie ist nur noch eine religion, eine glaubenssache. die diktatur der kunst hingegen ist die einzige politische alternative. auch wenn sie diesen ganz wesentlichen teil der arbeit des kuenstlers meese ignorieren oder - vielleicht noch schlimmer - nicht wahrnehmen, nuetzt es niemanden einfach so mal jemanden derart in die rechte ecke zu schieben und den kuenstlern abzusprechen, sich mit einem der unsaeglichsten resultate der demokratie kritisch auseinandersetzen zu duerfen: hitler ist vom volk und vom parlament - und letzteres trotz minderheit aus angst vor den kommunisten - DEMOKRATISCH gewaehlt worden.

    sie sollten mit gleicher intensitaet eine demokratie-debatte entfachen. das waere ein wirklich konstruktiver beitrag.

    ALWAYS ULTRA, SUBMAN

    • SFD
    • 20.07.2007 um 16:28 Uhr
    3. Metan

    Das Buch von Kracht und Niermann heisst Metan, es heisst ja auch Werther und nicht Wärter. Herr Tits.

  2. Es interessiert, ob user SUBMAN mit seiner Behauptung recht hat, dass Meese keinen eigenen Internetauftritt hat. Die Internetpräsenz in MySpace ist zwar namensgleich. Im dortigen Blog wird dem Inhaber der Präsenz aber heute zum Geburtstag gratuliert. Das paßt nicht zur sonstigen Biographie.
    Sollte der Artikelverfasser tatsächlich aufgesessen sein, so wird es ganz ganz schnell Zeit für eine Entschuldigung. Denn es war seinen Worten zufolge die Internetpräsenz, die den Artikel veranlaßt hat.

    • Fahad
    • 18.08.2007 um 19:00 Uhr

    Aufgesessen, nicht wahr?

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