Ich habe einen Traum Die perfekte Probe

Früher hat sich Jürgen Flimm, Intendant der Salzburger Festspiele, im Traum oft verliebt. Heute träumt er eher von unangenehmen Dingen. Zum Beispiel, dass er sein Mathe-Abi nicht besteht.

Als kleiner Junge habe ich oft bei meiner Großmutter gewohnt. Gerade aufgewacht, haben wir uns morgens zugerufen: „Was hast du geträumt?“ Die Träume habe ich nun alle vergessen. Manchmal habe ich ihr zuliebe Träume erfunden. Heute kann ich nur mit schweren Träumen aufwarten. Keine Albträume, aber nah dran. Oft träume ich von einem Hundertmeterlauf. Alle anderen sausen an mir vorbei, und mir werden die Beine immer schwerer. Japsend laufe ich als Letzter durchs Ziel. Ich möchte diesen Traum anders träumen können, aber das habe ich bis heute nicht geschafft.

Natürlich habe ich auch so einen blöden Abitur-Angsttraum. Ich sitze wieder in meiner Schule in Köln-Deutz. In der Prüfung stellt sich heraus, dass ich seit zwei Jahren nicht am Matheunterricht teilgenommen habe und völlig ahnungslos bin. Ich muss irgendetwas an der Tafel rechnen und bin aufgeschmissen. Das endet nur deshalb glimpflich, weil ich mir im Traum gut zurede: „Du bist doch jetzt schon ein alter Herr, du musst diesen Traum nicht mehr träumen, du hast das Abitur längst geschafft.“ Das ist ein wiederkehrender Traum, weil die Mathematik mir eine furchtbare Last war; ich bin eben anders begabt.

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Dann der Theatertraum, den auch viele Kollegen haben: Völlig unvorbereitet muss ich eine Rolle übernehmen. In einer richtigen Aufführung, vor zahlendem Publikum, Jürgen muss einspringen und blamiert sich bis auf die Knochen und hat auch keine Socken und Schuhe an. Das treibt den Schweiß: keinen Text im Kopf, leer. Die Kulisse ist meistens das Hamburger Thalia Theater, weil ich dort 15 Jahre lang war. Die Schauspieler stehen neugierig im Kreis. Ich bin zwar Schauspieler, war aber immer ein miserabler Textlerner. Ich hatte vor Premieren immer Textangst. Das ist der schlimmste Traum: auf der Bühne stehen und nicht weiterwissen.

Wenn ich an den Sprintertraum denke, glaube ich, dass ich als Kind gerne ein schneller Läufer gewesen wäre. Lauer, Hary, Fütterer, Germar, die habe ich bewundert: auch einmal so durch die Kurven zu zischen und so spielerisch den Stab zu übergeben! Doch im Traum hatte ich immer Probleme mit den Schuhen. Die Sohlen waren zu glatt, ohne Spikes. Solche Sohlen stellte nach dem Krieg eine Gummifabrik in unserem Kölner Vorort aus abgefahrenen Autoreifen her, deshalb waren die so glatt. Das waren meine ersten Sportschuhe. Vielleicht hat dieser Traum auch mit meinem Bruder zu tun. Der sah toll aus, war intelligent und konnte vier Sprachen. Mein Bruder hatte die schönen Mädchen. Er war zweieinhalb Jahre älter, ein Platzvorteil. Als wir diese Schuhe zum ersten Mal anzogen, braunes Leinen und schwarze Sohlen, liefen wir sie auf unserem Balkon ein, der war drei Meter lang.

Als ich viele Jahre später das erste Mal nach New York kam, hatte ich zwei Träume, an die ich mich bis heute erinnere. Ich habe mich in dieser Stadt damals ziemlich gefürchtet. Um diese Furcht zu bekämpfen, bin ich ins Kino gegangen und habe mir Filme angesehen, Der Exorzist und Spielbergs Der Weiße Hai. Das hat die Angst natürlich nicht gerade vermindert.

In einem meiner Träume in dieser Zeit habe ich meine geliebte Großmutter, die damals schon seit vier Jahren tot war, auf den Armen getragen, eine schmale, zerbrechliche Frau. Ich bin mit ihr durch New York gezogen und habe immer wiederholt: „Ich muss sie doch beerdigen“, und habe kein Grab gefunden. Ich habe dies Babel anfangs nicht verstanden. Das hat sich später geändert, drei Mal habe ich dort inszeniert, in der vielleicht tollsten Stadt der Welt.

Im zweiten Traum schaue ich aus dem Fenster meines Zimmers im 23. Stock in die Straßenschluchten, und es kommt eine SA-Formation vorbei, mit Adolf von Thadden an der Spitze, mit Stechschritt und Klingklang. Thadden, der NPD-Boss, in New York, wie blödsinnig!

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