LÄNDERSPIEGEL Umweg über Berlin

Trier

Ruckelnd passiert der Triebwagen die Brücke, quietschend erreicht er das andere Moselufer. Kaum in Fahrt, muss der Regionalexpress wieder abbremsen. Ein Güterzug verbaut ihm jetzt den Weg, die Geduld der Fahrgäste wird erneut strapaziert. Knapp 20 Minuten sind die Pendler nun schon unterwegs, doch die deutsch-luxemburgische Grenze ist noch immer nicht in Sicht. Dabei liegt sie gerade mal 17 Kilometer vom Trierer Hauptbahnhof entfernt.

Wenige Hundert deutsche Arbeitnehmer fahren täglich mit dem Zug von Trier nach Luxemburg. Es könnten Tausende sein, doch das wissen Bahn und Politik bislang zu verhindern. Denn wer einen der fast stündlich verkehrenden Triebwagen besteigt, der muss sich auf eine quälend langsame Reise gefasst machen. Seit mehr als zehn Jahren werden deshalb der Ausbau und die Sanierung der Gleise sowie einer Moselbrücke diskutiert.

Jenseits der Grenze, im Großherzogtum Luxemburg, hat der Staat bereits mehr als 30 Millionen Euro investiert. Und das ist erst der Anfang.

250 Millionen Euro soll der Ausbau der Strecke auf Luxemburger Seite bis 2015 kosten. Die Deutschen aber tun sich schwer mit ihrem Teil der Strecke. Auf knapp 40 Millionen Euro ist der Ausbau veranschlagt. Wann er beginnen soll, das steht nach zahlreichen Gesprächen auf höchster Ebene noch immer nicht fest.

Allmählich schwindet jenseits der Grenze das Verständnis für die Endlosdebatten der »Preißen«, wie die Deutschen hier noch immer genannt werden. Und darum hat das reiche kleine Großherzogtum die Regierung des armen großen Nachbarn nun mit einem verlockenden Angebot gehörig unter Zugzwang gesetzt. » Wir sind bereit, uns finanziell am Ausbau des deutschen Streckenabschnitts zu beteiligen«, bestätigt Luxemburgs Transportminister Lucien Lux. Bedingungslos sei ein solcher Zuschuss, über dessen Höhe sich der Minister noch ausschweigt, natürlich nicht zu haben. » Es muss schon zu einer wesentlichen Beschleunigung der Arbeiten kommen.«

In Berlin und Mainz freute man sich über das generöse Angebot, doch der Spott über die »Entwicklungshilfe« aus dem »Ländchen« ließ nicht lange auf sich warten. Bis auf die Knochen blamiert habe man sich, sagen Insider. Dass man hierzulande auf ausländische Finanzhilfe angewiesen zu sein scheint, um eigene Schienenwege in Ordnung zu bringen, sorgt für Unverständnis diesseits und jenseits der Grenze.

Luxemburgische Abgeordnete warnten ihren Minister bereits, sich nicht weiter hinhalten zu lassen.

Die Verärgerung ist nur zu verständlich. Denn es sind vor allem die Deutschen, die aus dem kleinen Grenzverkehr Nutzen ziehen. Mehr als 20000 Rheinland-Pfälzer pendeln täglich ins gelobte Nachbarland.

Luxemburg lockt mit attraktiven Stellen, hohen Sozialstandards und niedrigen Abgaben und Steuern. Grenzgänger erhalten für dieselbe Arbeit netto oft ein Drittel mehr als die Kollegen in der Heimat. Wer kann, arbeitet deshalb »drüben«, weshalb mancherorts in Eifel und Hunsrück Vollbeschäftigung herrscht. Dabei galt die Region Trier bis in die 1990er Jahre hinein als Armenhaus der Republik.

Doch solche Fakten spielen in der Diskussion kaum eine Rolle. Zwar steht das Vorhaben im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans, doch noch immer ist die Finanzierung nicht gesichert. Die Bahn AG wartet auf ein »politisches Signal« für den Ausbau der Strecke, und vielleicht könnte dieses ja an diesem Freitag kommen. Dann treffen sich auf Initiative des Trierer Oberbürgermeisters Klaus Jensen die Verkehrsminister aus Mainz und Berlin, Hendrik Hering und Wolfgang Tiefensee, mit Ministerpräsident Kurt Beck.

Sollten die drei Genossen sich auch dieses Mal nicht auf einen konkreten Fahrplan für das Projekt verständigen, müssten sie womöglich fürchten, dass die Luxemburger sich in Deutschland andere Partner suchen. Nebenan, im Saarland, hat Peter Müllers CDU-Regierung eine komplett neue Bahnstrecke vom saarländischen Merzig ins Großherzogtum Luxemburg ins Gespräch gebracht. Dort wiederum wird schon geprüft, ob man den Saarländern nicht unter die Arme greifen könnte. Am Ende wird freilich auch für dieses Projekt gelten, dass jeder Einfall auf dem Weg von hüben nach drüben einen zeitraubenden Umweg über Berlin zu nehmen hat.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.13
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