Vattenfall, bitte melden!
Das gab es in Deutschland noch nicht. Niemals zuvor hat die Atomaufsicht dem Betreiber eines Kernkraftwerks die Lizenz entzogen obwohl die Liste der meldepflichtigen Störfälle von Jahr zu Jahr wächst. Der Grund dafür ist simpel: Bisher kam jeder Betreiber, dem Unbill schwante, dem zuständigen Ministerium zuvor. Entweder tauschten die Unternehmen kurzerhand das Personal aus. Oder sie verkauften die betroffene Anlage.
Dieses Mal könnte alles anders laufen. Die Kieler Sozialministerin lässt prüfen, ob der Energiekonzern Vattenfall noch die notwendige Zuverlässigkeit besitzt, Kernkraftwerke zu betreiben. Der Grund? Die von der Atomlobby neuerdings bundesweit als »Klimaschützer der Woche« plakatierten »sichersten Atomkraftwerke der Welt« sind seit einigen Tagen für besonders schlechte Nachrichten gut. Maßgeblich daran beteiligt ist Vattenfalls Kernkraftwerk Brunsbüttel. Deutschlands dienstältester Siedewasserreaktor trägt seit zehn Jahren den Titel »Pannenkönig«, gemessen an defekt- und nachrüstungsbedingten Stillstandszeiten. Besonders Dramatisches passierte im Dezember 2001: Eine Wasserstoffexplosion sprengte mehrere Meter einer Leitung weg, die zum Sprühsystem des Reaktorkerns gehörte. Splitter flogen durch die Sicherheitszone des Meilers. Instrumente und Rechner signalisierten steigenden Druck, das Ultraschall-Überwachungssystem schlug an. Die Schichtmannschaft diagnostizierte eine unbedeutende »Leckage« und ließ das Kraftwerk unter Volllast weiterlaufen. Ein schwerwiegender Fehler. Das »Vorkommnis mit Abriss einer Kühlleitung im Atomkraftwerk Brunsbüttel« hätte sich sogar zum größtmöglichen Unfall auswachsen können: zur Kernschmelze mit radioaktiver Verstrahlung, bestätigt ein Bericht der obersten Aufsichtsbehörde für deutsche Kernkraftwerke, des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.
Eine öffentliche Debatte wäre schlimmer als ein Unfall im Reaktor
Knapp sechs Jahre später, der gleiche Ort. Ein Kurzschluss im vorgelagerten Stromnetz verursacht einen Schwelbrand und führt zur Schnellabschaltung des Reaktors. Als der Reaktor wieder in Betrieb genommen werden soll, passieren weitere Pannen. Und: Beinahe zeitgleich brennt ganz in der Nähe das nächste Kernkraftwerk. Ein Kurzschluss löst einen Brand in einem Transformator des AKW Krümmel aus. Auch der zweite Transformator schaltet sich außerplanmäßig ab, der Brand breitet sich aus, Rauch zieht in die Schaltwarte, in der sich Mitarbeiter mit Gasmasken hektisch um die Schnellabschaltung des Kraftwerkes bemühen und dabei »mögliche, aber nicht sinnvolle Handlungen ausführen«, wie Bruno Thomauske Tage später einräumt.
Der Kernkraftvorstand von Vattenfall Europe ist im Erklärungsnotstand, ebenso wie sein Chef Klaus Rauscher. Mehrere Unfälle in wenigen Tagen eilig haben die Manager eine Aufklärungstruppe (»Task-Force«) gegründet. » Wir müssen uns fragen, ob wir alles richtig gemacht haben«, räumt Rauscher ein. Der Vorstandschef will sich sogar einen externen Gutachter als persönlichen Berater engagieren, zusätzlich zu weiteren Experten, die die staatliche Atomaufsicht »unterstützen« sollen. Allerdings: Die betroffenen Schichtleiter und Reaktorfahrer dürfen von der Atomaufsicht nicht persönlich befragt werden. » Nicht nachkommen« werde Thomauske der »entsprechenden Bitte« des amtierenden Umweltministers Sigmar Gabriel, dem Oberaufseher über Deutschlands Kernkraftwerke.
Erklärungsnotstand hin oder her die Deutungshoheit über die Unglücksfälle will sich Vattenfall nicht nehmen lassen. Der »sensible Umgang« mit Informationen berechtige nicht dazu, an der Zuverlässigkeit zu zweifeln, moniert Rauscher. Und auch nicht dazu, dass »bestimmte politische Kräfte« eine Kampagne gegen Kernkraftwerke führen. » Die Konzerne machen sich mehr Sorgen um eine öffentliche Sicherheitsdebatte als um einen Unfall im Reaktor«, resümiert Rainer Baake, einst Staatssekretär im Umweltministerium unter Jürgen Trittin und heute im Dienst der Deutschen Umwelthilfe (DUH).
Vattenfall Europe, Deutschlands drittgrößter Stromerzeuger, gehört zum schwedischen Staatskonzern Vattenfall AB. Dieser betreibt in Deutschland und Schweden insgesamt vier Kernkraftwerke und ist an zwei weiteren Reaktoren beteiligt. Vattenfalls Präsident Lars Göran Josefsson ist hierzulande beliebt, tritt er doch anders als einheimische Konzernchefs meist zurückhaltend und diplomatisch auf.
Bundeskanzlerin Angela Merkel erkor ihn Ende des vergangenen Jahres sogar zu ihrem Klimaschutzberater. Mit dem »Sachverstand aus der Wirtschaft« wolle Merkel ihre Ideen für eine sichere und klimafreundliche Energieversorgung verwirklichen, begründete das Kanzleramt Josefssons Berufung.
Merkel und Josefsson eint nicht nur das Bekenntnis zum Schutz des Klimas, sondern auch das zur nuklearen Stromversorgung. Genau das könnte gefährdet werden, wenn sich solche Pannen wie in den vergangenen Tagen häufen. Und wenn die Bevölkerung kaum über die Gefahren informiert wird. Denn wie seriös kann der Manager eines Stromversorgers die deutsche Regierungschefin beraten, wenn die eigenen Atomreaktoren sich als störanfällig erweisen? Auf das Konto des in Stockholm ansässigen Stromversorgers geht nämlich auch der zweitschwerste, jemals in Europa registrierte Reaktorunfall. Zwanzig Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl setzte im Juli 2006 ein Kurzschluss das Sicherheitssystem des schwedischen Kraftwerks Forsmark teilweise außer Kraft zwei von vier Notaggregate zur Kühlung sprangen erst mit Verzögerung an. » Gravierende Mängel« analysierte daraufhin die schwedische Atomaufsichtsbehörde SKI.
Brunsbüttel, Forsmark, Krümmel kann eine solche Unglücksserie noch Zufall sein? » Nein«, sagt DUH-Chef Baake. » Offenkundig funktionieren die Sicherheitssysteme nicht mehr ausreichend.« Bedenken existieren auch unter Fachleuten. Jeder Reaktor sei »im Prinzip immer ein katastrophenträchtiges Gebilde«, sagt Klaus Traube, der einst die ersten deutschen Kernkraftwerke mit in Betrieb nahm und später die Seite wechselte. Nachrüstungen garantierten längst nicht den neuesten Stand der Technik, im Zweifel steige durch das Verbinden alter und neuer Teile sogar die Unfallgefahr. Und: Trotz aller Sicherheitsmechanismen »geschehen Unfälle immer dort, wo sie nicht erwartet werden«.
»Hunderte offener Punkte« einer Mängelliste wurden nicht bearbeitet
Tatsächlich werden in jedem der 16 hiesigen Kernkraftwerke, die zusammen rund 12 Prozent des deutschen Energieverbrauchs decken, fast jeden zweiten Tag »meldepflichtige Vorfälle« registriert bestes Bürokratendeutsch für Störungen, die schlimme Ausmaße annehmen können.
Ob im AKW Brunsbüttel ähnliche Desaster wie im etwa baugleichen schwedischen AKW Forsmark auftreten könnten, wollte die DUH im Sommer vergangenen Jahres wissen. Vattenfall wies die Anfrage zurück.
Allerdings räumte die zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht kleinlaut ein, dass Vattenfall »Hunderte offener Punkte« der im Jahr 2001 bei der gesetzlich verpflichtenden Sicherheitsprüfung des Kraftwerkes zusammengetragenen Mängelliste noch nicht abgearbeitet habe. » Skandalös« findet Baake zudem, dass Vattenfall die brisanten Daten nicht öffentlich macht. Das entspräche einem »enteignungsgleichen Eingriff«, argumentiert der Konzern schriftlich vor dem Bundesverwaltungsgericht.
Solche Argumente gehören zum täglichen Geschäft. Doch immer öfter hat Vattenfall damit in der Öffentlichkeit keinen Erfolg mehr. Beispiel Strompreise: Jüngst versteckte das Unternehmen stark steigende Tarife hinter der Einführung neuer Produkte und verlor prompt Tausende Kunden. Beispiel Energiegipfel: Obwohl die Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel wenige Tage vor dem Energiegipfel im Kanzleramt abgeschaltet wurden, sickerten die Informationen über das Ausmaß der Gefahr erst viel später durch und Sozialministerin Trauernicht empörte sich über »mangelhafte Informationspolitik«. Und verkündete eben: Die Lizenz zum weiteren Betrieb sei in Gefahr. Eine ernste Drohung aber dabei wird es wohl bleiben. Schließlich sichert das Atomgesetz dem Betreiber zu, vor einem Lizenzentzug »Zweifel an der Zuverlässigkeit« ausräumen zu dürfen. Personelle Konsequenzen seien nicht geplant, sagt Vorstandschef Rauscher bisher. Tatsächlich entpuppt sich die Meldung, wonach der Kommunikationschef für die deutschen Kernkraftwerke den Arbeitsplatz wechseln wird, als Kommunikationsfehler: Die Sekretärin hatte die lang vorbereitete Meldung verschickt, ohne sich angesichts der Störfälle noch einmal des Termins zu versichern.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.26
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