Tennis Sätze für die Ewigkeit
Der Schweizer Roger Federer hat zum fünften Mal in Wimbledon gewonnen. Hommage eines Landsmannes.
Am Tag nachdem in Lissabon die sieben neuen Weltwunder verkündet worden waren, gewann Roger Federer zum fünften Mal hintereinander das Tennisturnier in Wimbledon. Das tröstete uns Schweizer locker darüber hinweg, dass bei der weltweiten Abstimmung weder die Kapellbrücke noch das Matterhorn, noch das Bankensystem in die engere Wahl gekommen waren. Wir haben Roger Federer, den ersten Magier des Welttennis, seit 54 Spielen ungeschlagen auf Rasen, Besitzer von elf Grand-Slam-Titeln, für viele Experten der beste Tennisspieler, den es je gab.
477000 Menschen sahen im Schweizer Fernsehen, wie Roger Federer der wilden Angriffswut von Rafael Nadal trotzte, dem spanischen Stier, ein Marktanteil von 41,1 Prozent, 200000 Zuschauer mehr als beim Sieg der Alinghi über die Segler Neuseelands. »Tennisgott«, rief der Boulevard, »Ein Sieg für die Geschichtsbücher«, kommentierten die seriösen Zeitungen, »Fünf Sätze für die Ewigkeit«. Der Sieger aber sagte, nachdem er sich die Tränen getrocknet hatte, er werde nun eine Woche Ferien machen und sich danach in Dubai auf die Hartplatzsaison vorbereiten.
Und wir Schweizer, die mit ihm gezittert haben, dass ein weiteres Mal die Eleganz über die rohe Kraft obsiegen möge, die Leichtigkeit der Improvisation über die Hammerschläge von der Grundlinie, wir erahnen, dass uns der Tennisgott umso weiter entrückt, je näher wir ihm uns fühlen. Der Junge ist einfach zu gut für uns. Er gehört uns nicht mehr. Er beschämt uns mit zu vielen Tugenden, die wir nicht besitzen.
Der Sieg der Alinghi im America’s Cup war ein bisschen unschweizerisch, weil die Schweiz kein Meer hat und weil die Mannschaft bis auf den Besitzer Ernesto Bertarelli aus dem Ausland kam. Die Siege von Federer sind ein bisschen unschweizerisch, weil sie auf einem einzigartigen Talent beruhen, das sich in nichts auf unsere kollektiven Ideale beruft.
Als Roger Federer in der Schule war, bekam er immer Kopfweh, wenn er ein Buch lesen sollte. Viel lieber war er draußen und spielte Tennis, Fußball, Basketball, und mit 14 Jahren ging er ins Tennisinternat, die Qualifikationsspiele für die Junioren-WM gewann er alle mit 6:0, 6:0. Aber wenn er schlecht spielte, weinte er über sich, er sah den Ball nicht mehr vor lauter Tränen. Er zertrümmerte den Schläger, und irgendwann merkte er, dass es danach schwierig war, die Konzentration zu finden. Also ließ er es bleiben und zwang sich zur Ruhe.
So lernte Roger Federer, spielend und spielerisch, und wenn ein Trainer ihn stundenlang den Ball in die gleiche Ecke setzen ließ, suchte er sich einen neuen. Er wollte keine Lebensversicherung. Er wollte spielen.
- Datum 11.07.2007 - 09:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Man kann es diesem Ausnahmesportler nur wünschen, in 2008 den Grand Slam zu schaffen. Er hat es verdient. Und es wäre ein würdiger Höhepunkt... denn es scheint schon als wenn der Zenit, zumindest beinahe, erreicht wäre.
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