Weltkulturerbe Wir sind wieder wer
Das Unesco-Komitee will Dresden wegen des geplanten Brückenbaus die Daumenschrauben anlegen. Darf es das überhaupt?
Es gibt eine neue nationale Melodie, und sie klingt ungefähr so: Nach langen Jahren falscher Bescheidenheit macht Deutschland wieder »Weltpolitik«. Das Land blüht, wächst und gedeiht und erntet den verdienten Beifall der Nationen. Leider gibt es einen Neider und Nörgler: das Unesco-Welterbe-Komitee. Anstatt vor Deutschland artig den Hut zu ziehen, setzt es die Daumenschrauben an und droht Dresden mit dem Verlust des Welterbe-Status. Sachsens Ministerpräsident Milbradt (CDU) spricht von »Erpressung«; Holger Zastrow, der Vorsitzende der sächsischen FDP, pfeift im Ton der geistig Besserverdienenden gleich ganz auf die Unesco. »Für den Titel kann sich Dresden nichts kaufen.« Der Tenor ihrer Reden: Deutschland ist wieder groß und stark und darf selbst entscheiden, welche Denkmäler zur Weltkultur gehört. Schließlich hat Deutschland sie selbst geschaffen.
Das sind keine Einzelstimmen. Solange Deutschland vom Unesco-Komitee mit Adelsprädikaten verwöhnt wurde – 32 sind es mittlerweile –, war die Welt noch in Ordnung. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Viele betrachten das Welterbe-Komitee als exotische Versammlung von weidlich Unbefugten, die sich in unserem Kulturkreis nicht auskennen und eine naturbelassene Heidelberger Butzenscheibe nicht von japanischem Plexiglas unterscheiden können. Die aktuellen Mitglieder des Komitees, so wird moniert, stammten aus Hunger- und Schwellenländern wie Tunesien, Kenia, Madagaskar und Kuba, tagten auf der anderen Seite des Planeten, wie unlängst im neuseeländischen Christchurch, und befänden in säkularer Ahnungslosigkeit über das heilige Schicksal deutscher Kultur. Schon beschwert sich die Welt, die Internationale der Denkmalschützer habe die »abendländische Perspektive« geopfert und gegen eine »globale Sicht« eingetauscht. Was uns diese Sentenz sagen soll? Anstatt sich wehrhaft zur Überlegenheit westlicher Kultur zu bekennen, adelt die Unesco gottverlassene Weltflecken wie Gabun und Gobustan zum Welterbe. Kein Tourist gelangt dorthin, und morgen regieren dort die Islamisten. Hilfe, wir kapitulieren!
Lassen wir die Kirche im Dorf. Das Welterbe-Komitee der Unesco ist eine Art Sicherheitsrat für Kultur- und Naturdenkmäler und wurde 1972 in Stockholm gegründet. Inzwischen sind 184 Länder dem »Internationalen Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt« beigetreten und erkennen damit an, dass nationale Kultur- und Naturschätze der – wie es schön pathetisch heißt – »ganzen Menschheit« gehören. Was als »Meisterwerk der menschlichen Schöpfungskraft« oder als einzigartiger Landschaftsraum in die Liste aufgenommen wird und den Titel »Weltkulturerbe« erhält, darüber befindet ein Komitee aus 21 Mitgliedsstaaten, von denen ein Drittel alle zwei Jahre neu gewählt wird. Dafür verpflichten sich die Titelträger zu einem strikten »Veränderungsverbot«. Halten sie sich nicht daran, dann droht ihnen der Verlust des Welterbe-Status – so wie nun der Stadt Dresden, die den Scheitel des Elbbogens durch ein vierspuriges Brückenmonstrum zersägen will.
Gern verbreiten Unesco-Kritiker den Eindruck, das Komitee sei keine Fachjury, sondern eine Laienspielschar aus Juristen, Diplomaten oder Berufsdilettanten. Das ist Unfug. Ausdrücklich sind nur Kultur- oder Naturschutzexperten erwünscht, und so war es in Christchurch die Denkmalschützerin und Kunsthistorikerin Brigitte Ringbeck, die die deutschen Bundesländer vertrat. Geurteilt wird auch nicht frei nach Gusto und Gemütslage, sondern auf Grundlage von Gutachten. Diese werden vor Ort von den nationalen Komitees von ICOMOS erstellt, der Internationalen Organisation für Denkmalpflege, der 8000 Denkmalschützer angehören.
Was ist daran auszusetzen? Gar nichts, höchstens der bürokratische Aufwand. Und weil das Komitee nicht vor Irrtümern, nicht vor Naivität, Fehlentscheidungen und Nachlässigkeit gefeit ist, reagiert es hellhörig auf Kritik und bleibt empfänglich für Argumente. Und im Übrigen: Wem der Welterbe-Titel entgangen ist, so wie jüngst dem adretten Kulissenstädtchen Heidelberg, der sollte nicht jammern, sondern in Ruhe die Statuten lesen. Denn der Umstand, dass ein berühmter Flecken noch nicht in die Liste aufgenommen wurde, bedeutet keineswegs, er sei für die Menschheit von geringerem Wert.
Das Welterbe-Komitee ist vielleicht die erfolgreichste Unterorganisation der Unesco, und sein Gründungsmotiv ist auch heute noch Musik in abendländischen Ohren: Zu oft habe sich die Moderne als verlässliche Fachkraft im Abschleifen, Abräumen und Abreißen erwiesen. Weniger Verlass sei dagegen auf ihren Natur- und Traditionssinn, die Achtung vor dem, was frühere Generationen in Schönheit erbaut und den Nachkommen zur Pflege hinterlassen haben. Deshalb, so forderten die Initiatoren damals, müsse man der Moderne ins Handwerk pfuschen und ihrer närrischen Liebe zum Bagger Zügel anlegen. Nicht jeder allein, sondern alle zusammen, die ganze Völkergemeinschaft. Souverän sollten sich die Nationen Regeln geben, um dann einen Teil ihrer Souveränität an das Welterbe-Komitee abzutreten.
- Datum 16.07.2007 - 03:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.07.2007 Nr. 29
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Davon ist wirklich nix zu halten. Ich war noch nie in Dresden darum mag ich dazu auch nix sagen es wäre nur geschwätz.
Jedoch kann man grundsätzlich festhalten das z.B. auch für das Welterbe Dresden einmal andere Bebauung, davor eine intakte Flußlandschaft weichen mußte. Und um nicht wenige Bauten die wir heute bewundern für ihre schönheit und kühnheit waren bei der erbauung höchst umstritten. Darum, nur auf einen Expertenzirkel zu vertrauen ist falsch. Nicht weil man sie für unfähig hält sondern weils einseitig ist. Wenn sich in einem jahrelangen Prozess voller pressebegleitung und unzähligen diskussionen diese Brücke nun durchsetzt dann ist das weder ein "schnellschuß" gewesen noch unüberlegt und dann muß man es akzeptieren. Denkmalschutz um den preis von stillstand, vorschriften bis hin zur unbenutzbarkeit und verhinderung neuer kreativität dient auch keinem kulturellen Erbe, es ist ein konserviertes Puppenstübchen aber spiegelt nicht mehr den Zeitenwandel wieder. Ja, selbst die häßliche Nachkriegsarchitektur unserer Innenstädte ist kulturelles Erbe jener Zeit.
Der ganze kontext in den der Artikel das Thema zu setzen versucht von wegen das hätte was mit Nationalstolz zu tun ist aber gehörig affig. Dieses Spannungsfeld Denkmalschutz-Nutzbarkeit ist so alt wie das Thema Denkmalschutz an sich und was schon immer mit großen Emotionen begleitet.
Für den Status als Kulturdenkdenkmal kann man sich nichts kaufen: Ein weiterer zivilisatorischer Offenbarungseid aus der Partei der Plutokratenknechte und Bürgerfeinde. Mir ist rätselhaft, wo Beck Gemeinsamkeiten in der Bildungspolitik sehen kann mit dieser FDP...
Die wahren Künstler halten sich nicht an den Zeitgeist. Ein Architekt ist ein Künstler, und sollte er sich der gängigen (Welt-Kultur) widersetzten, wird er von späteren Generationen sicher als Vorreiter und als Revolutionär gefeiert. Gäbe es einen Titel (Welt-Kultur-Erbe-Musik) würden Ihn die Beatles und die Rolling Stones sicherlich erhalten, aber vor 30 Jahren sicherlich nicht.
Deshalb Dresdner baut eure Brücke, in 30 Jahren werdet Ihr dafür gefeiert als Menschen die sich nicht durch eine "Welt-Kultur-Meinung" vorschreiben liessen, wie sich sich zu verhalten hätten. Dann ist die neue Brücke das Symbol für Selbstbestimmung und sicherlich bis 2030 ein neues Denkmal. So wie aus der Dimitroff Brücke, die "die-mit-drauf-Brücke" den König August zurück holte, so wird aus der Waldschlösschenbrücke bestimmt bald eine Dresdner Welt-Entschlossheits-Brücke. Es gibt zu jedem Thema und zu jeder Stadt verschiedene Ansichten, vorschreiben lasse ich mir keine.
Das Thema ist ja nun schon in einigen Versionen durch die Medien gegangen. Keiner der Akteure hat sich dabei mit Ruhm bekleckert. Die Waldschlösschenbrücke wurde so oft, so einseitig und vor allem so unsachlich thematisiert, dass einem mittlerweile schon bei der bloßen Erwähnung des Wortes übel werden kann. Ein derart tendenziöser Beitrag allerdings ist dann doch immer noch eine Ausnahme. Ich habe zwar nicht den blassesten Schimmer, wie und vor allem wo Thomas Assheuer recherchiert hat, dass er dabei allerdings nicht wirklich sorgsam vorgegangen sein kann, scheint mir gewiss. Der Text ist kaum mehr als einer Ansammlung verbaler Breitseiten gegen alle und jeden, das UNESCO-Welterbe-Komitee eingeschlossen. Welchen Informationsgehalt er haben soll, müsste man mir erklären.
Wenn ich mich recht erinnere (man möge mich gern korrigieren, falls ich mich irre), ist das Welterbe-Komitee auf den Fall der Dresdner Elbschlösschenbrücke überhaupt erst durch den um sie geführten Glaubensstreit aufmerksam geworden. Die Gegner des Bauwerkes, hörte und las man, hätten nämlich die deutsche Vertreterin des Gremiums (war das damals bereits die Kunsthistorikerin Brigitte Ringbeck?) just in dem Moment um Schützenhilfe ersucht, in dem sie ihre eigene Niederlage im erbittert geführten Disput um die Schönheit und ihr Gegenteil absehen konnten. Wären die Welterbe-Retter nicht mit der Nase auf den Fall gestoßen worden, hätten sie den angeblichen Skandal womöglich komplett verschlafen. Einmal geweckt, wollten sie allerdings Politik machen. Große Politik. Und wer kann es ihnen auch verübeln? Es gehört zu den ausgemachten Spieregeln dieser Gesellschaft, dass man jede sich bietende Gelegenheit nutzet auf sich und sein Schaffen aufmerksam zu machen. Wer hat, der kann – in dem Fall eine Drohung in den Ring werfen. Eine Drohung, bei der es um etwas geht, was in der modernen Gesellschaft sehr viel mehr zählt als jedes kulturelle Erbe: ein Image nämlich.
Das schöne an einem Image, das scheint auch Herr Assheuer erkannt zu haben, ist, dass man es weder sehen, noch hören oder schmecken kann. Man kann es nicht riechen und man kann es nicht berühren. Man muss es sich einbilden. Und also sprach Herr Assheuer von Dresden als der Stadt, in der die Spatzen eine „neue nationale Melodie“ von den Dächern pfeifen. Die Dresdner, zumindest diejenigen, die es nicht mit dem Welterbe-Komitee halten, sind, folgt man dem Tenor seines Textes, allesamt extrem ignorante, dumpf nationalistische Kulturbanausen, die ihre kultivierten Gegner in grenzenloser Selbstüberschätzung für einen unzivilisierten Haufen dahergelaufener „Neider und Nörgler“ halten und trotz erwiesener Unfähigkeit im Kleinen das geistige Klima in ganz Deutschland bestimmen. Diese Behauptung kann man glauben, oder nicht. Be- oder wiederlegen lässt sie sich schon deswegen nicht, weil es DIE Brückenbefürworter ebenso wenig gibt, wie DIE Brückengegner existieren. Allein: Es zählt der Glaube.
Tja, das hat uns gerade noch gefehlt! Eine Debatte zu einem Schachverhalt, über den kaum jemand umfassend informiert ist, wird geführt von Menschen, die einander von Grund auf misstrauen und aus ihrer pauschalierten Ablehnung der jeweils anderen Seite keine Sekunde lang einen Hehl machen mögen. Und kommentiert wird das Ganze von „Journalisten“, die Sachlichkeit offenbar für ein verzichtbares Relikt aus grauer Vorzeit und Polemik für eine umsatzfördernde Maßnahme halten. Echte Kultur geht, wir ahnen es, vollkommen anders. Und wenn ich nicht den global-unbegründeten Kulturpessimismus vom Schlage Assheuer abgrundtief verabscheuen würde, könnte ich womöglich nicht umhin zu denken: Es wäre gut, wenn wir allesamt in eine kollektive Angst vor der Zukunft verfielen. Schließlich: Wir werden sie mit uns verbringen müssen. Aber wer weiß, wenn wir jetzt in Panik geraten, ist ja vielleicht noch was zu retten...
...wie der Artikel es darstellt, wird die Diskussion zur Rolle der UNESCO in Dresden nicht geführt, auch wenn dies Äußerungen mancher Politiker vermuten lassen. Es wäre schön, wenn der Autor auch einmal auf die Ursachen eingegangen wäre, die zu der unbestreitbar kritischen Auseinandersetzung mit der UNESCO geführt haben. Der Artikel spricht es ja ansatzweise an. Die Entscheidungen der UNESCO werden auf Grundlage von ICOMOS-Gutachten getroffen. Ein solches existierte im Dresdner Fall im Vorfeld der Entscheidung zur Aufnahme des Elbtales in die Welterbeliste und bewertete die geplante Brücke ausdrücklich nicht als Problem! Die Gutachter waren nachweislich auch vor Ort und haben sich mit Standort und geplanter Brücke auseinandergesetzt. Zugegeben wurde dieses Gutachten mit einer falschen Ortsangabe der Brücke versehen, aber nach allem was die Beteiligten bisher dazu geäußert haben, war dies für die UNESCO-Entscheidung nicht von Belang.
Der Autor betrachtet auch das eigentliche Thema nicht als diskussionswürdig. Stattdessen wird es wiedereinmal als eine unbestreitbare und objektive Kausalität dargestellt, dass diese Brücke die Kulturlandschaft zerstört. Nur zur Erinnerung, das Elbtal hat den Titel nicht allein aufgrund landschaftlicher Belange erhalten, sondern als eine sich entwickelnde Kulturlandschaft!
Zudem verschweigt der Autor wesentliche Aussagen der Entscheidung des Bundesverfassungsgericht. Die Frage, ob ein Bürgerentscheid einer Entscheidung des Welterbekomitees unterzuordnen ist, lässt sich nicht auf eine notwendige Umsetzung der Welterbekonvention in nationales Recht reduzieren! Die Welterbekonvention räumt dem Welterbe-Komitee derartige Befugnisse gar nicht ein, sondern sieht die Verantwortung vorrangig bei den Nationalstaaten! Die UNESCO darf letztlich "nur" eine Welterbeliste führen, deren Bedeutung sich auf das Symbolische beschränkt. Es wäre insofern absurd, dem Welterbe-Komitee durch innerstaatliches Recht direkte rechtlich bindende Entscheidungsbefugnisse einzuräumen!
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