»Wir gewinnen die Kontrolle«

DIE ZEIT: Schon 1971 rief US-Präsident Richard Nixon den Krieg gegen den Krebs aus. Ein hoffnungsloser Kampf?

John E. Niederhuber: Nein. Wir gewinnen jetzt in kleinen Schritten die Kontrolle. Unser Wissen mehrt sich mit immenser Geschwindigkeit.

ZEIT: In den USA und in einigen anderen westlichen Ländern sinkt die Zahl der Krebstoten zum ersten Mal seit Jahrzehnten.

Niederhuber: Ja, die Sterbezahlen sinken seit zwei Jahren, obwohl die Bevölkerung wächst und der Anteil Älterer zunimmt. Das zeigt: Wir haben den Gipfel überwunden. In Zukunft wird Vorbeugung noch mehr im Fokus stehen.

ZEIT: Indem man Zigaretten schärfer bekämpft?

Niederhuber: Ja. Das Gebot, nicht zu rauchen, gilt für alle. Ich selbst sollte mehr Sport treiben.

ZEIT: Auch die Therapien müssen besser werden.

Niederhuber: Sie werden besser. Als ich meine Karriere als Onkologe begann, konzentrierten wir uns nur auf die Krebszelle. Heute richtet sich der Blick auf das gesamte Tumorgewebe, dessen Gefäßbildung und die Wanderungsprozesse der Krebszellen. Auch die Rolle von Stammzellen wird untersucht. Damit bekommen wir eine Reihe von Möglichkeiten, die Wucherung zu unterbinden oder zu kontrollieren, zum Beispiel ihre Blutversorgung zu blockieren und die Bildung von Metastasen im Körper zu verhindern. Die machen Krebs zur tödlichen Erkrankung.

ZEIT: Sie verfügen über einen Milliardenetat. Trotzdem klagen Sie, das NCI erhalte zu wenig Forschungsmittel.

Niederhuber: Wir alle kennen den Grund für die Budgetprobleme der Regierung. Auch wir sind besorgt Bioterrorismus ist eine potenzielle Gefahr. Aber Krebs ist eine reale Bedrohung mit pandemischen Ausmaßen.

Allein in den USA sterben täglich mehr als 1500 Menschen an Krebs.

Doch unsere Mittel stagnieren, obwohl die Ausgaben für Personal und Laborausstattung steigen. Es wird schwierig, junge talentierte Wissenschaftler zu halten, die wir für dieses wichtige Forschungsfeld gewinnen konnten.

ZEIT: Ist es mit Grundlagenforschung getan?

Niederhuber: Nein, es ist eine große Herausforderung, unsere Forschungsergebnisse für Therapie und Prävention der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

ZEIT: Wie wollen Sie das erreichen?

Niederhuber: Das NCI hat ein Pilotprogramm speziell für kleine Kliniken gestartet. Die Fragen sind: Wie müssen wir künftig das Personal ausbilden, wie die Bevölkerung informieren über Früherkennung, Behandlung, gesunde Lebensgewohnheiten? Wie lässt sich die Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Kliniken und NCI herstellen?

Das kann gelingen, mit Telemedizin und Datenaustausch via Internet. So können ortsansässige Mediziner mit Krebsspezialisten kommunizieren und ihren Patienten ein ebenso hohes Behandlungsniveau bieten wie die großen Krebszentren.

ZEIT: Chirurgie und Strahlentherapie sind noch immer Säulen der Krebstherapie. Viele Patienten fürchten die Folgen dieser Behandlungen.

Niederhuber: Ich bin Chirurg. Unsere Arbeit wird immer gebraucht. Auch für Radiologen. Doch die Medizin verändert sich dramatisch.

ZEIT: Was erwartet uns denn?

Niederhuber: Wir werden die Krebsprozesse verstehen, die Wirkstoffe richtig einsetzen können. Künftige Mediziner kennen alle Eigenschaften und Erbinformationen der Patienten, samt der genetischen Besonderheiten des Tumors.

ZEIT: Werden Ärzte in Zukunft Krebs per Bluttest erkennen?

Niederhuber: Ja, in einigen Jahren. Wenige Tropfen Blut genügen, um ungewöhnliche Proteine oder mutierte Zellen zu erkennen. Der Krebs-Schnelltest gehört dann zum regelmäßigen Gesundheits-Check wie Blutdruckmessen und Abhören der Herztöne.

ZEIT: Für wen sind personalisierte Therapien gedacht? In Afrika wird man sie sich schwerlich leisten können.

Niederhuber: Für dieses Problem gibt es bis jetzt noch keine guten Lösungen. Zwar sterben im südlichen Afrika mehr Menschen an Infektionen, doch liegt die Zahl der Krebstoten nur wenige Prozent darunter. Krebs ist nicht allein ein Problem der Industrienationen.

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Entdeckungen den 60 Prozent der Weltbevölkerung nahebringen können, die nicht die entsprechenden Ressourcen haben. Das ist eine maßgebliche Aufgabe für uns alle.

Das Gespräch führte Sonja Kastilan

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.29 vom 12.07.2007, S.36
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  • Schlagworte Krankheit | Medizin
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