Die vielen Fragezeichen haben Anne Melzer keine Ruhe gelassen. Soll sie Biologie studieren? Oder Psychologie? Oder doch Sport? Der Göttinger Spitzenabiturientin standen alle Wege offen – umso schwerer fiel ihr die Entscheidung. »Ich wusste ja nicht einmal, wie so ein Studium funktioniert«, sagt Anne Melzer, »wie hätte ich mich denn da für ein konkretes Fach entscheiden können?«

Unschlüssige Abiturienten wie Anne Melzer sind für deutsche Universitäten zur Zielgruppe geworden. Sie entdecken das Studium generale als Marktlücke – eine Art Schnupperstudium, das in mehreren Semestern einen weit gespannten Überblick über die unterschiedlichsten Disziplinen und Fachrichtungen vermittelt. »Häufig ist es gerade für die besten Abiturienten nicht leicht, sich nach der Schule zu orientieren«, sagt Amrei Scheller von der Universität Hamburg. »Wenn jemand von Physik über Erdkunde bis hin zu Französisch in allen Fächern die volle Punktzahl hatte, weiß er oft nicht, was er danach studieren soll.«

Amrei Scheller leitet das UniversitätsColleg in Hamburg, das sich an diese unschlüssigen Studenten richtet. Das Konzept: Zwei Semester lang gehen die Teilnehmer in Seminare von bis zu sechs verschiedenen Disziplinen – und entdecken dabei schnell, was sie am meisten fasziniert. Wenn sich die Studenten dann nach den beiden Semestern für ein Fach entschieden haben, können sie sich die Seminare aus dem Schnupperstudium gleich anerkennen lassen – so verlieren sie keine Zeit.

Persönlichkeitsbildung ist das Schlagwort, mit dem die Hochschulen bei ihren neuen Studiengängen punkten wollen. Die Lüneburger Leuphana-Universität baut dafür sogar ihr ganzes Konzept um. Ab dem Wintersemester gibt es dort keine klassischen Bachelorstudiengänge mehr, sondern den sogenannten Leuphana-Bachelor. Darin stellen sich die Studenten nach ihren eigenen Wünschen eine Reihe von Haupt- und Nebenfächern zusammen. 12 Schwerpunkt- und mehr als 20 Zweitdisziplinen stehen zur Auswahl. »Dieser Abschluss ist mehr als eine Berufsbefähigung«, heißt es an der Lüneburger Universität, »er befähigt zum Leben und Lernen.«

Andere Hochschulen setzen auf ein weniger radikales Programm, um ihren Studenten einen Blick über das eigene Fachgebiet hinaus zu ermöglichen. Beispiel Dresden: Dort organisiert ein studentisches Institut regelmäßige offene Vorlesungen aus den verschiedensten Disziplinen – manchmal geht es um Raketentechnik, in anderen Veranstaltungen um die Geschichte des Kinofilms.