Als Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt die Pausenhalle betritt, ahnt er, dass die Abiturfeier in diesem Jahr etwas anders verlaufen könnte. Anfangs ist es wie immer und überall, wenn das Gymnasium kurz vor den Ferien noch einmal ganz zu sich selbst findet und den höchsten deutschen Schulabschluss vergibt. Der Schulleiter lobt den »unermüdlichen Einsatz der Lehrkräfte«, eine Kollegin zitiert Kästner, und zwei Schüler blicken auf gemeinsame neun »oder zehn« Schuljahre zurück, »augenzwinkernd«, wie die Lokalzeitung am nächsten Tag schreiben wird.

Erst als Jochen Hübener, der Elternvertreter, ans Mikrofon tritt, ist es mit der Idylle vorbei. Ihm könne niemand einen »Maulkorb« umhängen, er brauche sich anders als Lehrer und Schulleiter vor der Politik nicht zu fürchten. Mit der Qualität der Bildung sei es auf der Insel Fehmarn bald vorbei. Für die Fünftklässler, die nach den Ferien beginnen, werde nur der Realschulabschluss die Messlatte sein. Bereits der nächste Abiturjahrgang werde auf seinem Zeugnis nicht mehr Gymnasium stehen haben, sondern müsse sich mit dem Etikett »Gemeinschaftsschule« begnügen. »Fehmarn« ruft er, »ist aus der ersten Liga abgestiegen!«

Bürgermeister Schmiedt verkneift sich einen lauten Kommentar. Doch beim Rausgehen schäumt er: »So ein Blödsinn: nur Realschulabschluss. Unsere neue Schule wird ein Erfolg.« Falls noch im Amt, werde er persönlich in neun Jahren die Abiturzeugnisse übergeben. Und es werden mehr sein als die »dürftigen 21 Stück« des Gymnasiums. Sprach’s und rauschte durch den Sommerregen ins Rathaus.

Willkommen im Schulkrieg von Fehmarn! Zwei Jahre lang spaltete die Frage, wie die Kinder in Zukunft lernen sollen, die Ostsee-Insel. Die einen wollten die gegliederte Struktur bewahren, die anderen, dass alle Kinder unabhängig von ihrer Begabung in einer Gemeinschaftsschule unterrichtet werden. Der Riss ging mitten durch die 13000-Seelen-Insel, entzweite Nachbarn, Kollegien wie politische Fraktionen.

Über Monate lieferten sich die Streithähne Leserbriefschlachten in der Lokalzeitung, dem Fehmarnschen Tageblatt . Eine Elterninitiative sammelte Unterschriften für den Erhalt des Gymnasiums, eine andere trommelte für dessen Abschaffung. Und nicht immer zeugt der Kampfstil von guter Schule. Weil sie auf der falschen Seite der Barrikade stehen, wurde ein Lehrer als »der widerlichste Kollege« tituliert, ein anderer hat den Kontakt zu seinem Patenkind verloren. Befreundete Elternpaare, die einst Silvester zusammen feierten, meiden nun den Kontakt. Eine Mutter erhob offiziell Beschwerde gegen eine Lehrerin wegen einer vermeintlich ungerechtfertigten Benotung ihres Sohnes. Nicht die Leistung habe zur Zensur geführt, sondern die negative Einstellung der Eltern gegenüber der neuen Schule – während die Pädagogin dafür sei.

Politiker anderer Bundesländer blicken interessiert auf das Modell im Norden

»Wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht, reagieren die Leute sehr emotional«, sagt Bürgermeister Schmiedt. Die politische Auseinandersetzung ging vor zwei Wochen in die letzte Runde. Anderthalb Stunden lang stritt das Stadtparlament noch einmal über das Konzept des gemeinsamen Lernens. Am Ende sahen sich die Traditionalisten niedergerungen, und der Aufbruch ins pädagogische Neuland war frei. Diesen Donnerstag endet die Geschichte des Gymnasiums auf Fehmarn. Nach den Ferien öffnet die »Inselschule« ihre Tore – als erste Gemeinschaftsschule in Deutschland.

Sie wird nicht die einzige bleiben. Sechs weitere Gemeinschaftsschulen gehen in Schleswig-Holstein im August an den Start, anders als in Fehmarn jedoch ohne Oberstufe. Für das übernächste Jahr liegen bereits neun Anträge vor. Drei Dutzend Kommunen des Nordlandes liebäugeln mit dem Modell, heißt es im SPD-geführten Schulressort in Kiel. Die SPD betrachtet die Gemeinschaftsschule als das wichtigste Vorhaben der Großen Koalition. Mühsam hat Ute Erdsiek-Rave, Bildungsministerin und stellvertretende Regierungschefin, es der CDU abgerungen. Fehmarn ist ihr Testfall für die Idee einer Schule, die alle Kinder unterrichtet, egal ob sie eine Empfehlung für die Abiturlaufbahn haben oder besonderen Förderbedarf.

Auch aus anderen Bundesländern schaut man nach Norden. In Berlin plant der rot-rote Senat pro Bezirk mindestens eine Gemeinschaftsschule. Die neue Bremer Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und Grünen hat sich ebenso für ein stärkeres Verzahnen der Bildungsgänge ausgesprochen. In Hessen will SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti mit einem »Haus des Lernens« gegen Roland Koch in den Wahlkampf ziehen, in dem Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden. Und im CDU-regierten Hamburg hat der Senat Anfang dieses Jahres ein Zweisäulenmodell beschlossen: Neben dem Gymnasium soll eine Stadtteilschule alle übrigen Schulmodelle (Haupt-, Real- und alte Gesamtschulen) vereinen – und sogar den Weg bis zum Abitur eröffnen.

Noch zahlreicher als die Anhänger einer neuen Schulstruktur sind die Kritiker der alten. An Rügen aus dem Ausland haben sich deutsche Kultusminister gewöhnt. Zuletzt kritisierten die UN die fehlende Chancengleichheit im hiesigen Bildungswesen. Es verschenke große Lernpotenziale, schrieb Sonderberichterstatter Vernor Muñoz Villalobos im März.

Die Zweifler finden sich in Kreisen, in denen man sie früher nicht vermutet hätte. So moniert der Handwerkstag in Baden-Württemberg die »selektive Schulstruktur«, die sich um schwierige Kinder zu wenig kümmere. Vertreter der Katholischen Elternschaft erklären, es sei »mit dem christlichen Menschenbild nicht zu vereinbaren, Kinder in einem Alter von neun Jahren auf einen Bildungsgang festzulegen«. Das unternehmernahe ifo Institut für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Schluss: Eine Aufteilung der Schüler nach Klasse vier beeinträchtige das Lernniveau und fördere »systematisch die Ungleichheit«.

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