Als Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt die Pausenhalle betritt, ahnt er, dass die Abiturfeier in diesem Jahr etwas anders verlaufen könnte. Anfangs ist es wie immer und überall, wenn das Gymnasium kurz vor den Ferien noch einmal ganz zu sich selbst findet und den höchsten deutschen Schulabschluss vergibt. Der Schulleiter lobt den »unermüdlichen Einsatz der Lehrkräfte«, eine Kollegin zitiert Kästner, und zwei Schüler blicken auf gemeinsame neun »oder zehn« Schuljahre zurück, »augenzwinkernd«, wie die Lokalzeitung am nächsten Tag schreiben wird.

Erst als Jochen Hübener, der Elternvertreter, ans Mikrofon tritt, ist es mit der Idylle vorbei. Ihm könne niemand einen »Maulkorb« umhängen, er brauche sich anders als Lehrer und Schulleiter vor der Politik nicht zu fürchten. Mit der Qualität der Bildung sei es auf der Insel Fehmarn bald vorbei. Für die Fünftklässler, die nach den Ferien beginnen, werde nur der Realschulabschluss die Messlatte sein. Bereits der nächste Abiturjahrgang werde auf seinem Zeugnis nicht mehr Gymnasium stehen haben, sondern müsse sich mit dem Etikett »Gemeinschaftsschule« begnügen. »Fehmarn« ruft er, »ist aus der ersten Liga abgestiegen!«

Bürgermeister Schmiedt verkneift sich einen lauten Kommentar. Doch beim Rausgehen schäumt er: »So ein Blödsinn: nur Realschulabschluss. Unsere neue Schule wird ein Erfolg.« Falls noch im Amt, werde er persönlich in neun Jahren die Abiturzeugnisse übergeben. Und es werden mehr sein als die »dürftigen 21 Stück« des Gymnasiums. Sprach’s und rauschte durch den Sommerregen ins Rathaus.

Willkommen im Schulkrieg von Fehmarn! Zwei Jahre lang spaltete die Frage, wie die Kinder in Zukunft lernen sollen, die Ostsee-Insel. Die einen wollten die gegliederte Struktur bewahren, die anderen, dass alle Kinder unabhängig von ihrer Begabung in einer Gemeinschaftsschule unterrichtet werden. Der Riss ging mitten durch die 13000-Seelen-Insel, entzweite Nachbarn, Kollegien wie politische Fraktionen.

Über Monate lieferten sich die Streithähne Leserbriefschlachten in der Lokalzeitung, dem Fehmarnschen Tageblatt . Eine Elterninitiative sammelte Unterschriften für den Erhalt des Gymnasiums, eine andere trommelte für dessen Abschaffung. Und nicht immer zeugt der Kampfstil von guter Schule. Weil sie auf der falschen Seite der Barrikade stehen, wurde ein Lehrer als »der widerlichste Kollege« tituliert, ein anderer hat den Kontakt zu seinem Patenkind verloren. Befreundete Elternpaare, die einst Silvester zusammen feierten, meiden nun den Kontakt. Eine Mutter erhob offiziell Beschwerde gegen eine Lehrerin wegen einer vermeintlich ungerechtfertigten Benotung ihres Sohnes. Nicht die Leistung habe zur Zensur geführt, sondern die negative Einstellung der Eltern gegenüber der neuen Schule – während die Pädagogin dafür sei.

Politiker anderer Bundesländer blicken interessiert auf das Modell im Norden

»Wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht, reagieren die Leute sehr emotional«, sagt Bürgermeister Schmiedt. Die politische Auseinandersetzung ging vor zwei Wochen in die letzte Runde. Anderthalb Stunden lang stritt das Stadtparlament noch einmal über das Konzept des gemeinsamen Lernens. Am Ende sahen sich die Traditionalisten niedergerungen, und der Aufbruch ins pädagogische Neuland war frei. Diesen Donnerstag endet die Geschichte des Gymnasiums auf Fehmarn. Nach den Ferien öffnet die »Inselschule« ihre Tore – als erste Gemeinschaftsschule in Deutschland.

Sie wird nicht die einzige bleiben. Sechs weitere Gemeinschaftsschulen gehen in Schleswig-Holstein im August an den Start, anders als in Fehmarn jedoch ohne Oberstufe. Für das übernächste Jahr liegen bereits neun Anträge vor. Drei Dutzend Kommunen des Nordlandes liebäugeln mit dem Modell, heißt es im SPD-geführten Schulressort in Kiel. Die SPD betrachtet die Gemeinschaftsschule als das wichtigste Vorhaben der Großen Koalition. Mühsam hat Ute Erdsiek-Rave, Bildungsministerin und stellvertretende Regierungschefin, es der CDU abgerungen. Fehmarn ist ihr Testfall für die Idee einer Schule, die alle Kinder unterrichtet, egal ob sie eine Empfehlung für die Abiturlaufbahn haben oder besonderen Förderbedarf.

Auch aus anderen Bundesländern schaut man nach Norden. In Berlin plant der rot-rote Senat pro Bezirk mindestens eine Gemeinschaftsschule. Die neue Bremer Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und Grünen hat sich ebenso für ein stärkeres Verzahnen der Bildungsgänge ausgesprochen. In Hessen will SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti mit einem »Haus des Lernens« gegen Roland Koch in den Wahlkampf ziehen, in dem Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden. Und im CDU-regierten Hamburg hat der Senat Anfang dieses Jahres ein Zweisäulenmodell beschlossen: Neben dem Gymnasium soll eine Stadtteilschule alle übrigen Schulmodelle (Haupt-, Real- und alte Gesamtschulen) vereinen – und sogar den Weg bis zum Abitur eröffnen.

Noch zahlreicher als die Anhänger einer neuen Schulstruktur sind die Kritiker der alten. An Rügen aus dem Ausland haben sich deutsche Kultusminister gewöhnt. Zuletzt kritisierten die UN die fehlende Chancengleichheit im hiesigen Bildungswesen. Es verschenke große Lernpotenziale, schrieb Sonderberichterstatter Vernor Muñoz Villalobos im März.

Die Zweifler finden sich in Kreisen, in denen man sie früher nicht vermutet hätte. So moniert der Handwerkstag in Baden-Württemberg die »selektive Schulstruktur«, die sich um schwierige Kinder zu wenig kümmere. Vertreter der Katholischen Elternschaft erklären, es sei »mit dem christlichen Menschenbild nicht zu vereinbaren, Kinder in einem Alter von neun Jahren auf einen Bildungsgang festzulegen«. Das unternehmernahe ifo Institut für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Schluss: Eine Aufteilung der Schüler nach Klasse vier beeinträchtige das Lernniveau und fördere »systematisch die Ungleichheit«.

Die Pisa-Studie erschüttert den Glauben an das dreigliedrige Schulsystem

Unter den Bürgern hat das international einzigartige Gebilde aus Haupt-, Realschule und Gymnasium die Mehrheit seit einigen Jahren verloren. Laut der jüngsten Umfrage von Infratest dimap zum Thema sprechen sich 56 Prozent der Befragten für die Einführung von Gemeinschaftsschulen aus. Mehr als 30 Jahre nach den erbitterten Auseinandersetzungen um die Gesamtschule steht das deutsche Bildungswesen wieder vor der Systemfrage.

»Ich hätte diese Entwicklung niemals für möglich gehalten«, jubelt Ernst Rösner. Seit 30 Jahren forscht der Mitarbeiter am Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung über das gemeinsame Lernen. Schon seine Doktorarbeit schrieb er darüber. Eine Wissenschaft des Scheiterns. 1993 versuchte er das letzte Mal erfolglos, eine Kommune von den Nachteilen der frühen Schülertrennung zu überzeugen. Vergeblich. »Danach hatte ich die Faxen dicke.«

Erst die Pisa-Studie erschütterte den Glauben, man werde Kindern am besten gerecht, wenn man sie möglichst früh nach ihren Begabungen in verschiedene Schulformen einteilt. Denn nirgendwo hängt der Schulerfolg so stark vom familiären Hintergrund ab wie in Deutschland, befindet die internationale Vergleichsstudie. Herkunft bestimmt hierzulande Zukunft. Auch das Leistungsniveau deutscher Schüler erweist sich als erschreckend niedrig.

Pisa brachte dem vermeintlich überlegenen deutschen Schulsystem nur einen Platz im hinteren Mittelfeld ein – und Ernst Rösner einen Auftrag aus Kiel. Eine neue Schule für alle möge er entwerfen, doch unter zwei Bedingungen: Sie solle anders sein als die bisherige Gesamtschule und dürfe in keinem Fall so heißen. Rösner: »Der Begriff ist verbrannt.«

Der Wissenschaftler entwickelte eine pragmatische Baukastenversion der alten Gesamtschule. Wie lange die Kinder gemeinsam unterrichtet werden, wann die Einteilung nach Leistung erfolgt, dies bleibt jetzt den Lehrern und dem lokalen Schulträger überlassen. Ebenso, ob das Angebot eine Oberstufe einschließt.

Von den möglichen Namen – kooperative Schule (»zu technisch«), Verbundschule (»blass«), Einheitsschule (»Vorsicht, Sozialismus«) – blieb die Gemeinschaftsschule übrig. In den Ohren der Auftraggeber klingt der Begriff »emotional, warm, aber nicht erdrückend«. Die Marktforschung bestätigt dies. Die Testpersonen finden den Namen gut. »Seitdem ist das Wort ein Selbstläufer«, sagt Rösner.

Der Koalitionspartner schluckt bis heute schwer an der Kröte. Eine Wiederauferstehung der doch längst zu Grabe getragenen Gesamtschulidee unter einer CDU-Regierung! Auf die Schnelle erfindet die Union eine Alternative: die sogenannte Regionalschule. Sie soll nur die Haupt- und Realschulen zusammenfassen. Zwar gibt auch die Nord-CDU damit das traditionelle Dreisäulengefüge auf. Das Gymnasium aber bleibt unangetastet. Im schleswig-holsteinischen Schulgesetz stehen nun zwei neue Schulen. Beide Parteien versuchen in den Kommunen, ihre Anhänger auf das jeweilige Modell einzuschwören. Die Basis jedoch zeigt sich zunehmend störrisch.

Auch der örtliche CDU-Mann begann sich mit dem Unerhörten anzufreunden

Vor zwei Jahren noch kämpfte Werner Ehlers für den Erhalt der traditionellen Ordnung. Im Wahlkampf sammelte der Fraktionssprecher der CDU auf Fehmarn Unterschriften gegen die Schulpläne der SPD. Schließlich geht auch sein Sohn auf das Gymnasium der Insel, besuchte er einst die Realschule. Heute weiß der 55-Jährige: Er sammelte Unterschriften gegen sich selbst. Denn neben dem Bürgermeister verteidigt kaum ein Politiker der Insel die neue Gemeinschaftsschule so überzeugt wie Polizeikommissar Ehlers.

Ehlers’ Dienstsitz ist die »Kleinstdienststelle Puttgarden«, wo er als einziger Beamter das Gesetz hütet. Wie meist ist es ruhig auf der Urlaubsinsel, kein Unfall, kein Einbruch in einen Wohnwagen. In anderthalb Stunden klingelt einmal das Telefon. Zeit, über seine schulpolitische Wende nachzudenken.

Nein, sagt Ehlers, die Sehnsucht nach mehr sozialer Gerechtigkeit auf Fehmarn habe seinen Sinneswandel nicht motiviert. »Es war die Realität.« Und die sieht seit Jahren so aus, dass der Insel aufgrund niedriger Geburtenraten die Schüler ausgehen. Zuerst machte sich der Kindermangel in den Grundschulen bemerkbar. Zwei von ihnen stehen vor der Schließung. Dann stellt der Landesrechnungshof die Zukunft des Gymnasiums infrage.

87 Viertklässler – ein Drittel weniger als heute – wird es in zehn Jahren auf Fehmarn noch geben. Eine viel zu geringe Zahl, um neben Förder-, Haupt- und Real- auch noch eine Oberschule zu halten. Das nächste Gymnasium liegt auf dem Festland in der Kreisstadt Oldenburg. Wohnt man am Rand der Insel, kann die Fahrt dorthin bis zu zwei Stunden dauern. Das wollen wir nicht, rufen viele Eltern. Das kann es nicht sein, sagt der parteilose Bürgermeister. Und Polizeikommissar Ehlers beginnt sich mit dem Unerhörten anzufreunden: Wir legen unsere Schulen zu einer Gemeinschaftsschule zusammen, wir geben das Gymnasium auf.

Gab es Druck aus der Partei? Ehlers nestelt an seiner Uniform, streicht sich über den Schnauzbart. »Recht massiv«, antwortet er. Landtagsabgeordnete meldeten sich, die schulpolitische Sprecherin der CDU reiste aus Kiel an, um den Parteifreund ins Gebet zu nehmen. Besonders in den Wochen vor der entscheidenden Stadtvertretersitzung am 22. Februar häuften sich Anrufe mit dringlichen Ratschlägen. Ehlers blieb ungerührt. Mit vier Stimmen aus der CDU wurde das Konzept beschlossen.

Die Bürger von Fehmarn hatten ihn mit 58 Prozent gewählt, »das beste Ergebnis meiner Partei auf der Insel«, sagt er stolz. Ihnen sei er in erster Linie verpflichtet. Ehlers ist nun ganz Politiker, spricht von der Globalisierung, den »ungeheuren Veränderungen, denen wir alle ausgesetzt sind«. Warum soll da das dreigliedrige Schulsystem für alle Ewigkeiten gelten? »Das besteht doch schon seit Kaisers Zeiten.«

Tatsächlich haben die drei Säulen aus Volksschule, Mittelschule und Oberschule alle Versuche, sie zu schleifen, unbeschadet überstanden: das Bestreben der Sozialdemokraten in der Weimarer Republik, dass alle »Stände und Bildungskreise die gleiche Schulbank« teilen. Die Bemühungen der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Einheitsschule nach amerikanischem Vorbild einzuführen. Den Kampf der 68er für die Gesamtschule. »Das deutsche Bürgertum verstand Bildung schon immer stärker als in anderen Ländern als Privileg und Besitz, den es zu verteidigen galt«, erklärt der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth.

Nur die DDR setzte die Idee vom gemeinsamen Unterricht um

Nur die DDR etablierte den gemeinsamen Unterricht – das beste Argument im Westen, nicht dasselbe zu tun. So haben sich Lehrpläne, Erziehungsstile, Unterrichtsmethoden in den vergangenen 100 Jahren nachhaltig verändert. Die äußere Struktur aber blieb bestehen. Die letzte durchgreifende Reform war die Einführung der verpflichtenden vierjährigen Grundschule 1920.

Nun erfährt das einstige Hätschelkind linker Bildungspolitik eine Renaissance. Doch anders als in früheren Zeiten steht keine Utopie hinter der neuen Bewegung für ein längeres gemeinsames Lernen, sondern Pragmatismus. Bis 2020 werden die Schülerzahlen laut Kultusministerkonferenz um 20 Prozent zurückgehen. Einige Tausend Schulen stehen damit vor dem Aus.

In ländlichen Gebieten ist die Auszehrung bereits zu bemerken, sie zwingt Kommunalpolitiker zu kreativen Lösungen. Als Bildungsforscher Ernst Rösner in Nürnberg einen Vortrag über die Gemeinschaftsschule hielt, saßen im Publikum 220 Bürgermeister. »Die hatten alle Angst um ihre Schule«, sagt Rösner. Denn wer will, dass sich Unternehmen ansiedeln, dass Arbeitskräfte kommen, muss deren Kindern eine Ausbildungsstätte bieten. »Jede Schule ist ein Standortfaktor«, sagt Fehmarns Bürgermeister Schmiedt.

Doch die Einsicht, dass das Alte nicht zu halten ist, entfacht noch keine Fantasie für das Neue. Drei Schulen zu einer zu verschmelzen, Kinder unterschiedlicher Begabungen in einer Klasse gemeinsam zu unterrichten, das konnte sich kaum jemand auf der Insel vorstellen. Dass dies heute anders ist, sagen viele, dafür tragen Eltern wie Katrin Halfmann die Verantwortung.

Seit zehn Jahren lebt die Mutter zweier Kinder auf der Insel, ganz im Westen, mitten im Vogelschutzgebiet, wo ihr Mann als Biologe arbeitet. Auf der einen Seite des Hauses beginnt die Weite der Ostsee, auf der anderen erstrecken sich die endlosen Felder eines der fruchtbarsten Gebiete Deutschlands. Heimisch sei sie auf Fehmarn nie geworden, meint Katrin Halfmann.

Als eigenbrötlerisch und wortkarg gelten die Einheimischen, Nachkommen freier Bauernfamilien, die seit Jahrhunderten auf der Insel das Sagen haben. Noch heute begegnen einem überall die traditionellen Namen, die Mackeprangs, Wittes und Witts. Diese Traditionsverbundenheit erklärt wohl auch die Schärfe des Konflikts. Hinzu kommt die Enge einer Insel, auf der sich Freunde und Feinde der Gemeinschaftsschule in der Arztpraxis oder über den Gartenzaun begrüßen (oder auch nicht) und deren Tageszeitung jeden Leserbrief in voller Länge abdruckt. »Ein Interessenkonflikt wird auf Fehmarn schnell auf die private Ebene gezogen«, sagt Katrin Halfmann. Und das Neue mit Argwohn betrachtet.

Als ihre Tochter Julia in die Schule kam, fand die Mutter ihr Bild bestätigt. Fürsorglich seien die Lehrer gewesen, ihr Unterricht jedoch sei nach Schema F verlaufen. »Sind die Zahlen eins bis zwanzig dran, müssen alle Schüler das Gleiche machen – egal, ob sie schon rechnen können oder nicht«, erinnert sie sich. Innerhalb weniger Monate verlor das Kind den Spaß am Lernen, hatte keine Lust mehr, Hausaufgaben zu machen. In vielen deutschen Grundschulen ist so ein Stil längst Vergangenheit. Bis Fehmarn jedoch waren die Veränderungen nicht vorgedrungen.

Das änderte sich, als die Aufnahmezahlen der ersten Klasse unter die Mindestmarke rutschten. Um die Schule zu erhalten, entwickelte Halfmann mit anderen Eltern ein Konzept, das den Standort retten und den Lehrbetrieb umkrempeln sollte. Statt in einem Jahrgang im Gleichschritt den Stoff abzuarbeiten, unterrichten die Lehrer jetzt die Klassen eins bis vier im Verbund. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten heute nach dem Prinzip Dorfschule, in sogenannten jahrgangsgemischten Gruppen. Es ermöglicht den leistungsstarken Schülern vorzupreschen und gibt den schwächeren mehr Zeit.

Bis dahin hatte Katrin Halfmann Schule immer als Schicksalsinstitution empfunden, nicht schön, aber unabänderlich. Plötzlich zeigten sich Risse in der Struktur, nicht nur in der Grundschule, auch im Gymnasium. Und mit den Spielräumen, etwas zu bewegen, kamen die Fragen: Wenn das individuelle Lernen in den ersten Klassen möglich ist, warum soll es nicht auch in höheren Stufen funktionieren? Lässt sich tatsächlich im Alter von zehn Jahren vorhersagen, ob ein Mensch Maurer, Bankangestellter oder Arzt wird? Wieso trennt nur Deutschland (neben Österreich) seine Kinder nach Klasse vier und sonst kein anderes Land auf der Welt?

Mit ihren Zweifeln steht Halfmann nicht allein. Eltern, die Kinder auf dem Gymnasium haben, klagen über mangelnde Förderung und hohen Leistungsdruck. Nur jedes fünfte Kind auf der Insel macht Abitur. Den 21 Abgängern des Inselgymnasiums stehen in diesem Jahr 49 gegenüber, die es nicht geschafft haben. Extreme Zahlen selbst für Deutschland, das im internationalen Vergleich eine niedrige Abiturquote aufweist. Was für viele Eltern normal war, erscheint plötzlich falsch. Doch wie soll es anders gehen?

Die Antwort ließ sich auf Fehmarn nicht finden. Also machte sich Katrin Halfmann mit anderen Eltern auf zu einer Bildungsreise. Sie besuchten die Laborschule in Bielefeld und die Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona, informierten sich über das Förderkonzept der Reformschule Hamburg-Winterhude und hospitierten in Lübeck und auf Sylt. Mit Hilfe der Stadt ließen die Eltern Reformpädagogen aus ganz Deutschland ihre Konzepte vorstellen. Selbst aus dem Pisa-Siegerland Finnland reisten Experten an.

Am wirkungsvollsten war jedoch, die Politiker zu den Schulinspektionen mitzunehmen. Das reformpädagogische Virus erwies sich als ansteckend. Als die Bürgervorsteherin Margrit Maaß, ebenfalls CDU, von der Laborschule aus Bielefeld zurückkehrte, wusste sie, wie sie im Stadtrat abstimmen würde: »Solch eine Schule wünsche ich unseren Kindern.«

Auch in Fehmarn gibt es diese Schule jetzt. Und sie sieht fast noch schöner aus als all die anderen Vorzeigeanstalten. Kein Sitzenbleiben und kein Abschieben nach unten kennt sie mehr. Alle Schüler lernen unabhängig von ihrer Begabung im Klassenverband bis zur Klasse zehn gemeinsam – und zwar »auf einem hohen Niveau«. Die Klassentüren stehen offen, der 45-MinutenRhythmus ist abgeschafft, die Lehrer arbeiten im Team, Eltern sind stets willkommen. All das verspricht die neue Inselschule – auf dem Papier.

Dieser Samstagvormittag dient dazu, die Theorie mit Leben zu füllen. 20 Lehrer haben sich in der Aula der Realschule versammelt und warten auf einen Pädagogik-Professor aus Lüneburg. Er kommt zu spät, draußen regnet es in Strömen. Um die Zeit zu überbrücken, legt jemand ein Video ein. Treibhäuser der Zukunft von Reinhard Kahl, ein filmischer Ausflug ins pädagogische Wunderland zu den besten Schulen Deutschlands. »Leider wird der Alltag komplizierter«, weiß Hauptschullehrer Stefan Kühn.

Er gehört wie die anderen Pädagogen zum »Team 1«. Sie sollen den ersten Schülerjahrgang unterrichten. »Der Anfang muss klappen, darauf schauen alle«, sagt Religionslehrer Heinz-Jürgen Fendt. Eltern und Politiker haben die Revolution in die Fehmarner Schulen gebracht, nicht die Lehrer. Sie mussten, bis auf einige Ausnahmen, erst überzeugt werden. Besonders im Gymnasium stößt die Idee der Gemeinschaftsschule auf Ablehnung. Personalrat Knut Volkens spricht für viele, wenn er sagt: »Das Niveau wird sinken.«

Team 1 kennt seine Verantwortung. Ein- bis zweimal die Woche treffen sie sich, für die Workshops mit auswärtigen Experten auch am Wochenende. Der reguläre Schulbetrieb läuft nebenher. Das Mittagessen bezahlt jeder selbst. Meist geht es um den zukünftigen Unterricht. Heute hat Professor Matthias von Saldern Filmausschnitte mitgebracht mit Lehrbeispielen aus Japan und Baden-Württemberg. Die Botschaft an diesem Samstag: Frontalunterricht, nach Pisa zum Grundübel des deutschen Lernbetriebs erklärt, kann auch sinnvoll sein – wenn er sich mit anderen Methoden abwechselt. Team 1 nimmt die Nachricht mit Erleichterung auf. Das Versorgen der Schüler mit Stoff ist für viele Lehrer die Lieblingsart zu arbeiten.

Beim Kampf um die Klassen hallt noch ein Rest Klassenkampf nach

In der Pause fragt von Saldern einen Lehrer nach der Toilette. Vergeblich, der Lehrer war zuvor noch nie in der Realschule. Obwohl die drei Lehranstalten nicht weit voneinander entfernt liegen, hatten sie bis vor Kurzem kaum Kontakt. Selbst wenn Schüler von der einen zur anderen Stufe wechselten, tauschten sich die Pädagogen kaum über ihre Schützlinge aus.

Die Isolation ist typisch. Nicht nur Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten trennen in Deutschland Welten, auch ihre jeweiligen Lehrer. Sie durchlaufen eine eigene Ausbildung, praktizieren andere Lehrstile, gehören unterschiedlichen Standesorganisationen an – und pflegen nicht selten eine gewachsene Abneigung gegeneinander. Die Gymnasialen verstehen sich als Mathematiker, Philologen oder Chemiker, die Hauptschullehrer schlichter als Pädagogen.

Die Schulpolitik verstärkt die Standesunterschiede. Gymnasiallehrer müssen weniger unterrichten, verdienen aber mehr als ihre Kollegen. Daran wird sich auch in der neuen Gemeinschaftsschule nichts ändern. »Motivierend ist das nicht. Wir tun doch alle die gleiche Arbeit«, kritisiert Hauptschullehrer Kühn.

Wirklich betrübt wirkt er dennoch nicht. Denn Stefan Kühn und seine Kollegen empfinden die neue Schule als Befreiung von der alten. Seit 30 Jahren unterrichtet er Hauptschüler, mittlerweile fühlt er sich »wie Sisyphos«. Jede Woche hievt er das Wissensniveau seiner Schüler etwas höher und fängt nach dem Wochenende wieder unten an. Früher gelang es ihm noch, den einen oder anderen Schüler auf die Realschule zu bringen. Heute gibt er allenfalls Schüler nach unten ab, auf die Förderstufe – und bekommt die Aussortierten von oben.

Mit 20 Kindern beginnt Kühn in der Fünf, von Halbjahr zu Halbjahr wächst die Klasse. Im neunten Jahrgang sind es weit über 30, heruntergestuft von der Realschule oder vom Gymnasium. Manch einer, der einst auf einer höheren Stufe startete, schafft am Ende noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss. »Wir sind die Abschiebeschule«, sagt Kühn. Die Fehmarner Hauptschule ist nicht Rütli. Migranten gibt es hier wenige. Mal taucht ein Messer auf, aber von einem Gewaltproblem will niemand sprechen. »Wir können geregelten Unterricht machen«, sagt Kühn. Rund ein Drittel seiner Schützlinge bekommt noch einen Ausbildungsplatz. In Metropolen wie Hamburg oder Berlin ist all dies Illusion.

Doch auch in Kühns Klasse sammeln sich die Leistungsschwachen, die Gescheiterten, die Kinder der Arbeitslosen, deren Eltern man in der Schule niemals sieht. Rüdiger Ehler, ein Kollege, berichtet von Elternabenden zu Beginn des Schuljahres, bei denen zehn Lehrer zwei Müttern und einem Vater gegenübersitzen. »Man hat das Gefühl, dass die Eltern ihre Kinder aufgegeben haben«, sagt Ehler. Fest steht, dass viele Hauptschullehrer und Rektoren ihre Schule nicht mehr wollen. Selbst in Regionen, in denen die Welt bis vor Kurzem noch in Ordnung schien. In Baden-Württemberg haben 300 Hauptschulleiter einen offenen Brief an Kultusminister Helmut Rau unterschrieben, in dem sie für ein längeres gemeinsames Lernen plädieren – und damit für ein Ende ihrer Schulform.

In der neuen Gemeinschaftsschule, das weiß auch Kühn, werden die Hauptschüler nicht verschwinden. Aber sie werden nicht mehr unter sich sein. Leistungsstärkere werden sie mitziehen, hofft er, Kinder aus besseren Familien das soziale Gleichgewicht stabilisieren.

Simone Kaps kennt diese Kinder. Es sind ihre eigenen. Deshalb hat sie Leserbriefe geschrieben, Unterschriften gesammelt und ITZE gegründet, die Interessengemeinschaft zielgerichteter Eltern. Nicht, dass sie etwas gegen Hauptschüler hätte, sagt Kaps: »Mein Sohn spielt Fußball mit Hauptschülern.« Aber dass »der schwächste Schüler mit dem Hochbegabten in einer Klasse lernt, das kann nicht gehen«, sagt sie und lacht, als habe jemand gerade angedeutet, man könne die Naturgesetze aufheben.

Die Familie Kaps lebt schon lange auf der Insel. Jürgen Kaps ist Arzt, wie sein Vater und seine Mutter es waren. Sie haben einst gekämpft, das Gymnasium nach Burg zu holen, in den Hauptort der Insel. Alle Kinder sind Burg-Gymnasiasten, eine Schwester von Jürgen Kaps absolvierte gar das bislang beste Abitur auf der Insel. Heute ist Vater Kaps Elternvertreter.

Die traditionelle Inselelite war stolz auf ihr Gymnasium, die Gemeinschaftsschule wird allen gehören. Und so hallt im Kampf um die Klassen auf Fehmarn ein bisschen noch der alte Klassenkampf nach, der den Streit um die höchste deutsche Schulform schon immer bestimmte. Fragt man Simone Kaps nach den Motiven der Gegner, sagt sie: »Das ist der Zeitgeist: Schluss mit den Akademikern, jetzt sind mal die Handwerker dran.«

Vielleicht wäre sie für die Gemeinschaftsschule, sagt Kaps, hätte sie ein Hauptschulkind. Hat sie aber nicht, ihr 13-jähriger Sohn ist hochbegabt – »früher eingeschult, IQ 138«. Dennoch macht sie sich gerade um ihn Sorgen. Nicht allein, dass auf seinem Abiturzeugnis das Wort Gymnasium fehlen wird. Er wird den Abschluss auch erst nach 13 Jahren erhalten, ein Jahr später als viele andere Gymnasiasten. Denn wie fast alle Bundesländer hat auch Schleswig-Holstein seine Schulzeit auf 12 Jahre verkürzt. Für Gemeinschaftsschulen indes gilt die alte Regelung.

Bis zuletzt haben Lehrer und Eltern vom Gymnasium deshalb versucht, die 12 Jahre auch in der neuen Schule zu ermöglichen. Sie erfanden Schnellläuferklassen, in denen die besten Schüler an den Schwächeren vorbeiziehen können. Das Modell – eine Art Gymnasium in der Gesamtschule – wurde in Kiel abgelehnt. »Jetzt hat Fehmarn eine ganz normale Gemeinschaftsschule«, sagt Kaps resigniert, und ihr Sohn habe einen Wettbewerbsnachteil. »Wenn Personalchefs Fehmarn auf dem Absender lesen, landet die Bewerbung ganz unten.«

In Zukunft wird auf dem Abiturzeugnis das Wort Gymnasium fehlen

Zumindest ihrer Tochter will sie dieses Schicksal ersparen. Wenn die heute Fünfjährige später einmal auf das Gymnasium kommt, will sie das Mädchen in Oldenburg auf dem Festland anmelden. Viele Eltern sind es bislang nicht, die es ihr gleichtun. Kaps versteht das sogar: kein Sitzenbleiben, Lernen mit Spaß, die große Gemeinschaft. »Das klingt doch verlockend«, sagt sie. Doch die Eltern würden sich noch wundern: »Wenn jeder Morgen mit einem Stuhlkreis beginnt, ist eben nichts mit Mathe.«

Montagmorgen in der Offenen Schule Hessen-Waldau. Die Mathestunde in der Klasse 7c beginnt mit einem – Stuhlkreis. Die Kinder berichten vom Kinobesuch und von Pizzaessen, Zahnschmerzen und dem großen Gewitter. Als die Wochenenderlebnisse erzählt sind, reicht Elena – sie ist heute »die Präsidentin« – das Wort an zwei Schüler weiter. Sie halten einen Kurzvortrag über die Documenta. Der eine spricht sehr gewählt, der andere sucht nach den richtigen Worten. Nach herkömmlichen Begriffen ist der eine ein Gymnasiast, der andere Hauptschüler. Doch Lehrerin Gisela Kurzawa will davon nichts hören: »Die Kinder sind doch erst in der siebten Klasse.« Nach 25 Minuten löst sich die Runde auf. Einige Schüler üben ein Rollenspiel für die nächste Religionsstunde, andere lösen Matheaufgaben. Als ein Junge mit einer Frage zu Kurzawa kommt, sagt sie: »Lass dir bitte von Matthias helfen.«

Herkömmlicher Unterricht sieht anders aus, das gilt für vieles in der Gesamtschule am Rande Kassels. Es beginnt mit den Zeiten. Offiziell fängt der Unterricht um 8.45 Uhr an, doch viele Kinder sind lange vorher da. Einige spielen Karten, andere üben für das Schulkonzert. Ein Transparent mit dem Slogan der Schule hängt über den Köpfen: »Langsam, leise, friedlich, freundlich«. Kuschelpädagogik? Gewiss, sagt Rolf Otto, bis zum letzten Jahr stellvertretender Schulleiter von Kassel-Waldau: »Hochleistungs-Kuschelpädagogik«.

Im vergangenen Dezember hat die Offene Schule Kassel-Waldau den Deutschen Schulpreis erhalten. Eine Pilgerstätte für Eltern, Referendare, Pädagogen aus ganz Deutschland war sie da schon längst. Auch Lehrer aus Fehmarn fuhren nach Kassel. Sie besuchten Klassen, in denen Lernbehinderte neben Oberschülern sitzen und beide profitieren. Hörten von Abiturquoten bis zu 60 Prozent, obwohl in der fünften Klasse zu gleichen Teilen Schüler mit Empfehlungen für alle Schularten beginnen. Sahen eine Schule, in der man fast nicht merkt, ob gerade Unterricht oder Pause ist. Zurück auf Fehmarn, schwärmten sie wie Zweifler, die das Paradies sehen durften: »Diese Ruhe überall, diese selbstbewussten Kinder!«

Es ist möglich, anders zu lernen, ohne auf Leistung zu verzichten

Als Rolf Otto selbst nach Fehmarn reist und berichtet, dass seine Schüler stets zu den besten Abiturienten Kassels gehören, beeindruckt dies sogar die anwesenden Gymnasiallehrer. Zumal der Mann einer von ihnen ist, einer mit »Befähigung für das höhere Lehramt«. Nun wissen auch sie: Ein anderes Lernen ist tatsächlich möglich – ohne auf Leistung zu verzichten. Aber gilt das auch für Fehmarn? Lehrer, Politiker und Eltern der Insel haben die Musterbeispiele gelungener Gesamtschulen gesehen, die vielen gescheiterten nicht. In Kassel-Waldau haben Lehrer und Leitung zwei Jahrzehnte lang das Erfolgskonzept immer wieder verfeinert. Die Schule unterrichtet im Ganztagsbetrieb, genießt die Unterstützung der Eltern und eines potenten Fördervereins.

All dies fehlt auf Fehmarn. Bislang steht nur rund die Hälfte der drei Kollegien hinter der Philosophie der Inselschule. Besondere Unterstützung aus Kiel – zusätzliche Lehrer, kleinere Klassen – wird es nicht geben. Der Koalitionsfriede in der Landeshauptstadt verbietet, die Gemeinschaftsschule zu bevorzugen.

Die größte Unbekannte aber ist der Unterricht. Zwar gibt es wenige Bildungsforscher, die das dreigliedrige Schulsystem noch verteidigen. Aber sie zweifeln ebenso an der Alternative, die Gesamt- oder nun Gemeinschaftsschule heißt. Ihre Hauptskepsis betrifft die Lehrer. Den einen mangele es oft an Fachkenntnissen, den anderen an didaktischen Fähigkeiten, beiden an dem Vermögen, die gesamte Bandbreite an Begabungen zu unterrichten, sagt Olaf Köller, Leiter des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin.

In der fünften Klasse, mit der die Gemeinschaftsschule beginnt, sind die Leistungsdifferenzen noch nicht allzu groß. Sie wachsen erst mit dem Alter. Wie die Lehrer ihnen begegnen, ob und wann sie die Schüler nach Lernniveaus in unterschiedliche Gruppen einteilen, weiß Team 1 selbst noch nicht genau. Die neue Schulleiterin zumindest steht hinter ihnen und ist »wild entschlossen, dass das Experiment gelingt«. Der Direktor des Gymnasiums, einer der wichtigsten Gegner der Gemeinschaftsschule, hat sich aufs Festland versetzen lassen.

Der größte Verbündete der Inselschule jedoch ist die Insel. Anders als bestehende Gesamtschulen braucht die neue Gemeinschaftsschule nicht die unmittelbare Konkurrenz eines Gymnasiums zu fürchten, das die guten Schüler abschöpft.

Die Bildungsflucht von der Insel ist ausgeblieben. Von 131 Fehmarner Viertklässlern werden 124 nach den Ferien in der Gemeinschaftsschule anfangen. Am 29. August stehen sie vor ihren Klassentüren.