Weltereignisse spielen sich gewöhnlich nicht in Buchläden ab. Sie kommen überraschend – und sind entsetzlich, wie der 11. September 2001, oder fantastisch, wie der Mauerfall. Menschen rufen dann ihre Freunde und Verwandten an und fordern sie auf, schnell das Fernsehgerät einzuschalten.

Das Weltereignis des kommenden Wochenendes wird diesen Effekt nicht haben, weil es lange vorauszusehen war – und es wird in Buchläden beginnen, um später auf Sofas, in Strandkörben oder Liegestühlen seinen Lauf zu nehmen. Das Ereignis wird fantastisch sein, nicht entsetzlich: Die Rede ist vom Erscheinen des siebten und wohl letzten Harry Potter- Romans aus der Feder der britischen Autorin Joanne K. Rowling.

Die Geschichte des ungeliebten Waisenjungen, der plötzlich entdeckt, dass er gar nicht in die öde Realität eines spießigen Londoner Vororts gehört, sondern in die schillernde Welt der Zauberer, Hexen, Kobolde und Hauselfen, hat ungezählte Leser begeistert. 325 Millionen Exemplare der ersten sechs Bände sind weltweit bisher verkauft worden (in Deutschland allein 25 Millionen); in mehr als 60 Sprachen wurden die Bücher übersetzt.

Eine ganze Generation junger Europäer und Amerikaner, Chinesen und Inder hat buchstäblich mit Harry das ernsthafte Lesen gelernt. Sie hat entdeckt, dass es ein anderes Leben geben kann, eine Alternative zu Alltag, Sachzwang, Heranwachsendenschmerz, Langeweile, Überdruss, Kommerz-Freizeit. Millionen jüngerer und älterer Leser sind Harry Potter durch eine Tür gefolgt, über der in großen Lettern »Literatur« geschrieben steht. Und sie sind nicht enttäuscht worden.

Ist da nicht ein bisschen Genugtuung erlaubt, Freude darüber, dass wir dem Triumphzug eines Buches beiwohnen? Unsere Zeit ist so ideologiegesättigt in ihrer Begeisterung für die elektronischen Medien. Die Propheten des Fortschritts sind sich so sicher gewesen, dass »die Jugendlichen« nur noch chatten und downloaden wollen, dass sie schnelle Informationen (über was auch immer) aus dem Netz begehren, dass sie heiß sind auf Computerspiele, Handykameras und Google Earth. Wer all dies um des Lesens willen ein wenig bedauerte, galt als hoffnungsloser Kulturpessimist. Und wer Ende der neunziger Jahre, zu den Hoch-Zeiten der New Economy, einem Kinderbuch massenhaften Erfolg vorausgesagt hätte, wäre leicht als Spinner verlacht worden.

Und doch ist es so gekommen. Man sollte sich freilich hüten, diesen Erfolg romantisch zu verklären: Für kein Buch auf der Welt dürfte es einen solchen Medienrummel gegeben haben, ein (aus Verlegersicht) so glückliches Zusammenspiel von Mundpropaganda und Merchandising, Vertonung, Verfilmung und enthusiastischer Berichterstattung.

Doch all das Getrommel, selbst die rührende Lebensgeschichte der Autorin, die ihre Armut hinter sich gelassen hat und über das Schreiben eine reiche Frau geworden ist, hätten den Erfolg nicht erzwingen können, wenn das Buch nichts getaugt hätte.