Deutsche Dörfer und Kleinstädte tragen anheimelnde Namen. Zwei kennt jeder, Krümmel und Brunsbüttel. Nicht dass die dortigen Atomkraftwerke ihre Umwelt ernstlich gefährdet hätten, aber in ihnen scheint jüngst mehr als eine Schraube locker gewesen zu sein. Das ist keine Kleinigkeit, denn Atommeiler der heutigen Generation sind so konstruiert, dass Fehlerketten in Strahlungsschäden enden können. Selbst die Meldung, es stimme etwas nicht mit den Dübeln zur Befestigung von Arbeitsbühnen, weckt Befürchtungen.

In Atomkraftwerken ist Energietechnik zu einer hochkomplexen Maschinerie verdichtet. Unausweichlich daher, dass Fehler auftreten. Die Kunst besteht darin, mit ihnen angemessen umzugehen. Eine Kunst, die nicht nur Techniker beherrschen müssen, sondern auch Politiker und Journalisten, besonders aber die Betreiber der Anlagen. Sie müssen der Kommunikation im Unternehmen und mit der Öffentlichkeit große Sorgfalt widmen; daran hat Vattenfall es fehlen lassen.

Warum nur tritt immer wieder das gleiche Muster auf, diese Salamitaktik und Intransparenz, nach schweren Störfällen oder unbedeutenden Ereignissen, von Harrisburg bis Tschernobyl, in Nord und Süd, Ost und West? Liegt der Fehler im System?

Die derzeitige Kerntechnik kann ihre militärische Herkunft nicht leugnen. Derartige Anlagen müssen pausenlos überwacht und gesteuert werden, Nachlässigkeiten sind nicht zu dulden. Kraftwerkschefs sind Kommandeure, entsprechend ist ihr Kommunikationsstil. Zwischen der Atomindustrie und dem Staat besteht ein historisches Verhältnis, formiert im Kalten Krieg, gehärtet im kerndeutschen AKW-Kampf. Das Personal des Atomkomplexes blickte bald nur noch durch Schießscharten in die Gesellschaft. Diese Kultur wirkt leider fort. Das muss sich ändern, weshalb nun auch über neue Regeln zu sprechen sein wird, wie sich Transparenz herstellen lässt, ohne dass Sicherheits- und Geschäftsinteressen beeinträchtigt werden. Vattenfall hat jetzt zugestimmt, dass der jüngste, umfangreiche Prüfbericht veröffentlicht wird. Gut so.

Auf die Atomindustrie trifft zu, was Walter Benjamin einst an der Sozialdemokratie kritisierte: Diese sei »korrumpiert« durch die »Meinung, sie schwimme mit dem Strom«, und die »technische Entwicklung« gelte ihr als dessen Gefälle. So ein Bewusstsein der Unaufhaltsamkeit macht nachlässig und überheblich. Am liebsten würde die Atomindustrie die Konflikte aussitzen. Abwarten und den Ausstieg hinauszögern, bis die politischen Umstände andere sind. Und deshalb ihre alten Meiler so lange laufen lassen, wie es geht, die neueren hingegen für bessere Zeiten einmotten; immerhin, sie kann nachweisen, dass auch die Altanlagen den Anforderungen des Atomgesetzes genügen.