An der Börse blinken die Alarmzeichen, doch die Anleger schauen nicht hin. Sie feiern lieber neue Rekorde. Sowohl der Deutsche Aktienindex Dax als auch der breite amerikanische Standard & Poors 500 haben ihre alten Höchststände aus dem Jahr 2000 übersprungen . Eine Mischung aus Ignoranz, Selbstgefälligkeit und Gier überlagert das Risikobewusstsein der Investoren und treibt die Kurse höher. BILD

Wer diesen Leichtsinn verstehen möchte, muss sich die Dauer des Kursaufschwungs vor Augen halten: Er befindet sich im 18. Quartal. Im März 2003 ging es bei einem Dax-Stand von 2.200 Zählern los, inzwischen haben sich die Kurse fast vervierfacht. Korrekturen, die diesen Namen verdient hätten, blieben aus. Immer wenn es in den vergangenen Jahren gescheppert hat, ergaben sich Einstiegschancen für all jene, die bislang noch nicht mit von der Partie gewesen waren. Und jedes Mal verkürzte sich die Phase der Unsicherheit. Krass war es Mitte vergangener Woche. Dem Crash am Markt für riskante Anleihen zollten die Börsianer weniger als 48 Stunden Aufmerksamkeit, um danach die Aktienkurse über die alten Rekordstände zu hieven. Sie ignorieren, dass sich die Bedingungen ringsum verschlechtern.

Parallel zu den neuen Höchstständen an der Börse sprang der Wechselkurs des Euro erstmals über 1,38 Dollar. Und gegenüber der anderen Weltwährung, dem japanischen Yen , gab es ein Allzeithoch von fast 170 Yen je Euro. Abgesehen davon, dass der Euro eindeutig überbewertet ist, sind steigende Euro-Kurse normalerweise Gift für Aktien – zumal wenn es sich um einen so stark exportabhängigen Markt wie den deutschen handelt. Denn sie verteuern deutsche Waren im Ausland und verringern auf diese Weise die Unternehmensgewinne.

Nicht nur die Warnzeichen des Devisenmarktes wurden übersehen, auch die des Ölmarktes. Denn hier ist ebenfalls ein Rekordpreis in Sichtweite. Weil teures Öl die Kaufkraft dämmt, ist es eher ein seltenes Spektakel, dass sein Preis gleichlaufend mit den Aktienkursen steigt.

Wenn das alles wäre! Im Juni stiegen die langfristigen Zinsen binnen wenigen Tage rasant an. In Europa, Amerika und Japan erreichten die Renditen für zehnjährige Anleihen ihr höchstes Niveaus seit fünf Jahren. Analysten sprechen von »Normalisierung«.

Lange Zeit arbeiteten sich die Finanzmärkte an der größten Rettungsaktion seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ab. Aus berechtigter Sorge vor einer Deflation, die in ihrer schlimmsten Gestalt die Depression nach sich zieht, haben die großen Notenbanken in den Jahren 2002 und 2003 die Leitzinsen so weit wie nie gesenkt, um die Wirtschaft zu stimulieren. Die amerikanische Notenbank verringerte ihren Zins damals auf ein Prozent, die Europäische Zentralbank auf zwei Prozent. Die Medizin wirkte, die Deflationsgefahren verschwanden. Doch an den Kapitalmärkten wirkten die extrem niedrigen Leitzinsen lange nach. Eine Folge waren die ungewöhnlich niedrigen Langfristzinsen, die einfach nicht auf »normales« Niveau anziehen wollten – selbst dann nicht, als die Notenbanken die Leitzinsen wieder anhoben.

Das wenigstens ist nun geschafft. Da Anleihen die Alternative zu Aktien sind, wirken steigende Zinsen in der Regel kursdämpfend, fallende kurstreibend. Doch nicht so im Juni. Die Aktien kletterten munter weiter.

Vollends absurd wirkt die Hausse am Aktienmarkt angesichts der Tatsache, dass sich die Bedingungen für riskante Schuldner verschlechtern. Der Crash Mitte vergangener Woche war ein echter Wendepunkt. In einem bislang nicht gekannten Ausmaß hatten sich die Risikoprämien für wackelige Schuldner, seien es Unternehmen oder Staaten, in den vergangenen Jahren verbilligt. Und das nicht zuletzt, weil sich Staatsanleihen kaum rentierten. Denn Versicherer oder Pensionsfonds, die ihren Anlegern feste Renditezusagen gemacht hatten, waren gezwungen, riskantere Titel zu kaufen, um die Versprechen einhalten zu können. Doch dieser Druck ist nun weg, weil die Renditen der Staatsanleihen gestiegen sind.