Das hatte den Händlern großer Automarken hierzulande gerade noch gefehlt. Mitte Juni startete die Autoteilekette A.T.U in allen deutschen Filialen des Discounters Lidl eine Schnäppchenaktion: Für schlappe 49,99 Euro wurden Gutscheine für eine große Kfz-Inspektion verscherbelt – für alle Modelle und Marken. Dieser Angriff an der Servicefront trifft die Handelsbetriebe in einer ohnehin prekären Situation. Im Vorjahr gingen schon 1.100 Betriebe in Konkurs. Und der Neu-und Gebrauchtwagenhandel kommt auch 2007 nicht in Gang.

Schon ruft der Verband der Autoimporteure VDIK nach einer »Verschrottungsprämie« für alte Stinker, und der neue Präsident des Verbands der Automobilindustrie VDA, Matthias Wissmann, mahnt die Politik, endlich »die Verunsicherung der Verbraucher« von wegen CO₂-Steuer zu beenden. In der Tat ist im ersten Halbjahr die Zahl der Pkw-Neuzulassungen regelrecht eingebrochen. Nur 1,576 Millionen Fahrzeuge wurden nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg insgesamt neu registriert – das sind beinahe 150.000 oder gut 9 Prozent weniger als Vorjahr. Bei näherem Hinschauen ist die Situation sogar noch um einiges schlimmer. Während sich etwa Flotteneinkäufer oder Mietwagenfirmen häufig direkt beim Hersteller oder Importeur bedienen, sind die Markenhändler auf private Autokäufer angewiesen, und bei den von der höheren Mehrwertsteuer gepeinigten Bürgern grassiert die Unlust, sich einen Neuwagen zuzulegen. Gut 27 Prozent weniger Privatzulassungen hat das Kraftfahrt-Bundesamt in den ersten fünf Monaten 2007 im Vergleich zu 2006 errechnet. Damit lag der Anteil der Privatkäufer bei den Pkw-Zulassungen insgesamt nach Einschätzung des Center of Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen nur noch bei 37 Prozent gegenüber 46 Prozent im Vorjahr.

Doch nicht allein die Mehrwertsteuererhöhung sorgt bei den Privatleuten für Kaufzurückhaltung. Professor Wolfgang Meinig, Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW) an der Universität Bamberg, kennt weitere Ursachen. »Mobilität wird generell immer teurer, zum Beispiel durch steigende Preise für Treibstoff, für Reparaturen und Wartung«, sagt er. Im Übrigen, so Meinig, zögerten viele potenzielle Autokäufer in Erwartung einer möglichen CO₂-Steuer und beobachteten zunächst noch die Entwicklungen bei neuen Antriebskonzepten.

Rabatte bis zu 6000 Euro sollen die Käufer locken

Ebenso wie Händler peppen die Hersteller die schlechten Verkaufszahlen einstweilen durch zusätzliche Tages- oder Kurzzulassungen auf, die in den ersten fünf Monaten 2007 folglich um 10,5 Prozent auf knapp 400000 Fahrzeuge anstiegen. Die Zahlenkosmetik hilft dem Kraftfahrzeuggewerbe freilich nicht wirklich aus der Bredouille. Robert Rademacher, der Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), glaubt, dass in diesem Jahr insgesamt rund 250.000 Fahrzeuge weniger neu zugelassen werden als noch im vergangenen (3,47 Millionen). Bei einem angenommenen durchschnittlichen Verkaufspreis von 25.000 Euro ergibt sich 2007 ein Umsatzschwund von etwa 6,25 Milliarden Euro – ein großer Teil davon bleibt bei den Händlern hängen. Die 131 Milliarden Euro, die im vergangenen Jahr vom Kfz-Gewerbe erwirtschaftet wurden, sind in diesem Jahr jedenfalls nicht mehr zu schaffen. Und eine echte Trendwende sieht Rademacher frühestens »im zweiten Quartal 2008«. Zu allem Überfluß sank auch noch die Zahl der Gebrauchtwagenverkäufe deutlich.

Bei den Neuwagen behelfen sich die Händler mit üppigen Preisnachlässen, um ihre Autohalden halbwegs abzubauen. Einer CAR-Analyse zufolge bildet Citroën die Spitze der Herstelleraktionen mit 30 Prozent Bar-Rabatt auf die Modelle Berlingo und Picasso. Der Listenpreis wird damit um bis zu 6.000 Euro unterschritten. Auch Renault lockt laut CAR mit Preisvorteilen von bis zu 22 Prozent, etwa für den Familienvan Scénic. In ihrer Not greifen die Händler immer öfter zu Tageszulassungsquoten und schönen so die Zahlen. In den ersten fünf Monaten 2007 sind durchschnittlich 10,5 Prozent aller Neuzulassungen auf die Autohäuser gelaufen. Dieser Kniff verstärkt allerdings den Preisdruck auf dem Markt noch weiter, weil so die Autos gegenüber »echten« Neufahrzeugen oft zu Nachlässen von weit über 20 Prozent vertickt werden. So offerierte etwa Ende Juni ein Zwickauer Peugeot-Händler einen Mittelklassewagen Peugeot 407 HDi 135 Tendance mit Tageszulassung und null Kilometern für 19.990 Euro. Regulär kostet das Modell 25.800 Euro.

Die Verantwortung am Rabattkrieg tragen aber auch die Hersteller selbst mit ihren Überkapazitäten. Meinig erklärt dazu: »Die Hersteller drücken Fahrzeuge, die nicht direkt nachfragedeckend produziert wurden, über den Handel in den Markt.« Die sichtbare Folge für zahlreiche Autohäuser: Ihre Höfe sind voll, die Neuwagen müssten auch zulasten der Händlermarge verkauft werden, so Meinig. Und die Kunden, die aufs Geld schauen, nehmen die Rabatte gerne mit.

Die Krise im Kfz-Gewerbe könnte 50.000 Arbeitsplätze kosten

Ohnehin, so betont der FAW-Leiter, erwirtschafteten die Händler im Neuwagengeschäft kaum noch eine positive Rendite. Umso wichtiger ist es, dass im Service samt Ersatzteil- und Zubehörverkauf noch Geld verdient wird. In diesem Bereich ergab sich 2006 ein Plus von 5,2 Prozent auf über 27 Milliarden Euro Marktumsatz. Allerdings zeigt der aktuelle DAT-Report, der jährlich die Trends im Kfz-Gewerbe untersucht, ein geteiltes Bild. Die Gesamtzahl der Wartungsarbeiten und Verschleißreparaturen sinkt kontinuierlich, trotz des weiter gestiegenen Pkw-Bestands, und erreichte 2006 einen neuen Tiefststand. Dass der Handel seinen Umsatz hier dennoch steigern konnte, hat einen einzigen Grund: Weil die Fahrzeugtechnik vor allem durch den immer stärkeren Einsatz von Elektronik immer komplizierter wird, steigen die Serviceumsätze pro Werkstattbesuch. Die Fahrzeughalter können immer seltener bei der Wartung selbst Hand anlegen, sondern müssen die Hilfe einer teuren Fachwerkstatt in Anspruch nehmen.

Und auch das steigende Umweltbewusstsein könnte helfen. Zusätzliche Einnahmen erwartet sich ZDK-Chef Rademacher bei Nachrüstungen für Rußpartikelfilter für Dieselfahrzeuge. Rund 200 Millionen Euro Umsatz sollen 2007 damit zusammenkommen. Wachstumsträchtig sind seiner Auffassung nach zudem die Bereiche Oldtimer und Tuning.

Doch wenn die Supermarktaktion von A.T.U Schule macht, könnte auch das Servicegeschäft für viele Markenhändler gefährdet sein. Schließlich versucht der Filialist, nach dem Vorbild von Bahn und Fluggesellschaften die Autofahrer bei der Schnäppchenmentalität zu packen. Der Kunde erwirbt den Gutschein an der Lidl-Kasse und vereinbart anschließend einen Termin bei einer A.T.U-Filiale seiner Wahl, wo er den Gutschein einlöst. Der Termin wird innerhalb von 14 Tagen garantiert. A.T.U verspricht, dass die Inspektion streng nach Herstellervorgaben durchgeführt wird. »Dadurch bleibt die Herstellergarantie für das Fahrzeug in vollem Umfang erhalten«, so Thomas Michalzik, Leiter Dienstleistungen bei A.T.U.

Von den Markenhändlern werden solche Aktivitäten allerdings größtenteils argwöhnisch beobachtet. Zumal der Automobilhandel ohnedies in einem schmerzhaften Konzentrationsprozess steckt. Die Studie Entwicklungen und Erfolgsfaktoren im Automobilvertrieb, die von CAR und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG erstellt wurde, prognostiziert beispielsweise, dass bis 2015 rund 27 Prozent der unabhängigen Markenhändler aufgeben oder von Wettbewerbern übernommen werden. Demnach dürften nur noch rund 8.800 eigenständige Handelsunternehmen übrig bleiben. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren waren es noch etwa 12.000. Die Zahl der Betriebe soll danach von etwa 18.000 auf 14.700 sinken. Das kostet am Ende auch Arbeitsplätze. Nach ZDK-Schätzungen werden von derzeit etwa 473.000 weitere 50.000 verschwinden. Vor zehn Jahren gab es im Kfz-Gewerbe noch 538.000 Beschäftigte.