Wahrscheinlich war es nie schwerer als heute, eine Hochschule zu leiten. Alles ist neu: Studiengebühren, Bachelor- und Masterprogramme, Wettbewerb und Globalisierung. Dazu kommen steigende Studentenzahlen und höhere Erwartungen an die Qualität der Lehre. Welche Möglichkeiten das Internet gerade in diesem Veränderungsprozess bieten kann, haben bisher nur wenige deutsche Hochschulen ausreichend erkannt.

Gerade bei der digitalen Lehre überwiegen Skepsis und Zurückhaltung. Nur fünf Prozent der Lehrveranstaltungen werden nach Schätzungen der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft hierzulande vollständig online durchgeführt. Neben der Virtuellen Fachhochschule Lübeck und den rund 170 Online-Kursen der Virtuellen Hochschule Bayern ist das, was deutsche Hochschulen im Netz haben, eher mager und wenig systematisch.

Dabei hat die webgestützte Lehre längst ihren Nutzen erwiesen – didaktisch wie wirtschaftlich. Das Internet selbst ist zu einer mächtigen Lernumgebung geworden. Seine Möglichkeiten zu nutzen, gehört zu den akademischen Kernkompetenzen unserer Tage. Nach einer Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) und des Multimedia Kontors Hamburg glauben zwar die meisten Hochschulen, dass die Studenten digitale Lehrangebote begrüßen. Wenn es aber um die Wirtschaftlichkeit geht, hat man Zweifel: Nur ein Drittel verspricht sich Einsparungen oder Einnahmen durch E-Learning.

In den Vereinigten Staaten hat das E-Learning längst einen ganz anderen Stellenwert erreicht. Zwei Drittel der großen US-Hochschulen verfügen über Online-Studienprogramme. Seit 2003 wächst dort die Zahl der Online-Studenten jährlich um fast 20 Prozent. Im Herbst 2006 studierten 3,2 Millionen Menschen in den USA ganz oder teilweise online.

Wie immer man diese Entwicklungen beurteilt: Unstrittig ist, dass die digitale Informationskultur in das traditionelle Hochschulsystem eingedrungen ist und deren »Autoritäten« immer stärker herausfordert. Ein Beispiel dafür ist www.MeinProf.de , eine aus den USA kopierte Meinungsseite zur Bewertung von Professoren. In Deutschland wurde eher ungemütlich darauf reagiert: Man befürchtete Rufschädigung und die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Doch es sind nicht die Macher von MeinProf.de, die an den Lehrstühlen sägen, sondern all die Studierendenkommentare zur Leistung ihrer Professoren.

MeinProf.de ist damit ein Teil jener neuen Medienkultur, in der Wissen auch jenseits der Institutionen entsteht. Die Nutzer produzieren es selbst, und es fließt verlinkt und kommentiert über unzählige Communitys, Web-Seiten, in Wikis, Blogs und Foren. Da kann es schon passieren, dass eine Studentin ihren Professor noch während der Vorlesung mit anderslautenden Informationen konfrontiert, die sie zum Beispiel dem Wiki eines Kommilitonen entnommen hat.