DIE ZEIT: Sie waren mit 27 Jahren der jüngste Professor des Weizmann-Instituts, des berühmtesten Forschungszentrums Israels, und 13 Jahre lang, bis 2001, sein Präsident. Warum haben Sie sich als Naturwissenschaftler stets für Bildung und Erziehung eingesetzt?

Haim Harari: Je schneller Wissenschaft und Technologie voranschreiten, desto wichtiger ist es, Mathematik und Naturwissenschaften zu lehren, in den Schulen und auch außerhalb.

ZEIT: Der mathematisch-naturwissenschaftliche Analphabetismus ist weiter verbreitet als der sprachliche. Kann man das ändern?

Harari: Wir haben zum Beispiel den Versuch gemacht, die Mathelehre schon für die Grundschule zu professionalisieren, aber die Psychologen und Pädagogen sagen, das funktioniere erst mit Kindern ab acht Jahren. In den ersten beiden Klassen brauchten die Kleinen eine Lehrerin für alle Fächer. Vielleicht stimmt es, vielleicht muss man aber solche Vorstellungen überdenken. Wandel ist sehr schwer im Schulbereich. Mathematik ist wie eine unabdingbare Fremdsprache, wie Englisch, so muss man sie auch behandeln.

ZEIT: Seit 2001 leiten Sie das Davidson Institute for Science Education. Wer ist Ihre Klientel?

Harari: Das sind alle Kinder, alle Lehrer und auch die Öffentlichkeit. Denn im Zeitalter von Naturwissenschaft und Technologie muss man ebenso die Leute bilden, die in der Schule keine Chance auf eine naturwissenschaftliche Bildung hatten, also Menschen zwischen vierzig und hundert.

ZEIT: Wieso die Öffentlichkeit?

Harari: Als ich aufwuchs, war es vollkommen normal für gebildete Leute, ihr Unwissen in Mathe und Naturwissenschaft zu zelebrieren. Wer aber heute mit dieser Haltung ein Kind aufzieht, beschädigt dessen Zukunft. Und die des Landes. Entscheidungen über Umwelt, Forschung, Energie und Industrie werden von Menschen gefällt, die keine Ahnung von den Naturwissenschaften haben. Das Weizmann-Institut kümmert sich um die Elite und das Davidson um jedermann.