Es gibt kleine Alltagssituationen, in denen alles aufzufliegen droht. Ein kurzer Anruf, die Bitte um eine schnelle Presseerklärung – und Veranstaltungsmanager Joachim Trefel* verflucht sich selbst: »Man will, aber man kann es einfach nicht.« Nicht können heißt in Trefels Fall, nicht fehlerfrei schreiben und nur verlangsamt lesen zu können, denn Trefel ist Legastheniker. Seit 18 Jahren organisiert er Kunstausstellungen und kulturelle Veranstaltungen jeglicher Art, hält Vorträge und gibt deutschlandweit Seminare. Aber jeden Tag in kurzer Zeit viele E-Mails zu beantworten und Geschäftsbriefe aufzusetzen, das überfordert den 50-jährigen Berliner.

Trefel hat viel ausprobiert, um seine Schwäche auszugleichen. Computerprogramme mit Rechtschreibprüfung führten zu keinerlei Erfolg: »Ich wollte ›Einer‹ schreiben, und das Korrekturprogramm machte ›Eimer‹ daraus. Den Geschäftsbrief können Sie natürlich vergessen.« Vor sieben Jahren stellte er eine Sekretärin in seiner Firma in Berlin-Prenzlauer Berg ein, die er liebevoll »mein mitdenkendes Rechtschreibprogramm« nennt. Jede E-Mail, die an Trefel geht, wird automatisch an sie weitergeleitet. Ein kurzes Gespräch, notfalls auch zu später Stunde am Telefon, und die Sekretärin beantwortet Trefels E-Mails – mit seiner Unterschrift.

Dass Legastheniker es in der Schule schwer haben, ist bekannt. Es gibt Programme, die ihnen dabei helfen, dennoch den Abschluss zu schaffen. Aber wie geht es danach im Beruf weiter, wenn man nur auf dem Niveau von Grundschülern liest und schreibt? Etwa drei Millionen Menschen sind in Deutschland nach Schätzungen des Bundesverbands für Legasthenie und Dyskalkulie betroffen. Die Ursache für diese Schwäche liegt in einer sogenannten Teilleistungsstörung des Gehirns, die erblich ist. Die Areale, die für das Lesen und Schreiben benötigt werden, sind bei Legasthenikern weniger aktiv. Einzelne Silben werden nicht sofort erkannt, sondern erst mühsam zusammengesetzt.

»Konzentrier dich endlich« oder »Du bist so faul« hörte Joachim Trefel nicht nur von seinen Eltern, sondern auch von Lehrern und Mitschülern. Ein Kulturwissenschaftsstudium brach er ab. »Als Legastheniker ist es eine Qual, zur Schule und zur Uni zu gehen«, sagt er. Wissen wird selten in mündlichen Prüfungen abgefragt. Viele Legastheniker zerbrechen an dem Druck und werden depressiv. Oft sind sie gezwungen, Jobs anzunehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Joachim Trefel merkte irgendwann, dass seine große Stärke die Kreativität ist, und begann, Kulturveranstaltungen zu organisieren. »Die beste Strategie ist immer noch, sich in die Selbstständigkeit zu retten«, sagt er, »eine mitdenkende Mitarbeiterin löst die meisten Probleme.«

Bis dahin hatte Trefel seine Fehler, so gut es ging, versteckt. Wie es typisch ist für Legastheniker, vermied er es, viel zu schreiben. Seine Lebensgefährtin half ihm abends bei Seminararbeiten, schrieb Vorträge und Geschäftsbriefe, bis die Beziehung unter dem Druck zerbrach.

Erst vor einem halben Jahr ließ sich Trefel schließlich auf Legasthenie testen. Das Ergebnis war positiv, Trefel war schockiert und machte einen zweiten Test. Erst war er verzweifelt, dann wich die Verzweiflung einer Erleichterung. »Auf einmal hatte ich die Klarheit, dass ich nicht schlechter bin als andere, sondern etwas in mir anders funktioniert.«