»Wir brauchen mehr Frauen in den Universitäten!«, forderte der Wissenschaftsrat in einer Empfehlung 1998. Knapp zehn Jahre später stellt das höchste Beratungsgremium in Wissenschaftsfragen fest: Von einer Chancengleichheit kann noch immer keine Rede sein. In der höchsten Professorenkategorie (C4/W3) machen Frauen nur neun Prozent aus.

In seinen neuen Empfehlungen bezeichnet der Rat die geringe Frauenpräsenz als eines der »gravierendsten Defizite des deutschen Wissenschaftssystems«. Unter anderem mahnt er an, Bewerbungsverfahren – ob für die Promotion oder die Professur – transparenter zu machen. Nicht durchringen konnte sich das Gremium zur Forderung einer Frauenquote in Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Davor leitete die 50-jährige Soziologin, die in Harvard promovierte, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.

Claudia Kemfert arbeitet als Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Gleichzeitig hat sie eine Professur für Umweltökonomie an der Humboldt-Uni inne. Die 38-Jährige war die erste Juniorprofessorin, die auf einen Lehrstuhl berufen wurde.

DIE ZEIT : Frau Allmendinger, der Wissenschaftsrat hat sich nicht auf die Forderung nach einer Quote einigen können. Hätten Sie sich persönlich deutlichere Worte gewünscht?

Jutta Allmendinger : Ja. Mittlerweile halte ich eine Quote für unabdingbar. Seit 1998 ist der Anteil der Frauen unter den deutschen C4- beziehungsweise W3-Professoren von 7 auf 9 Prozent gestiegen. Geht es in diesem Schneckentempo weiter, haben wir die Chancengleichheit nicht vor Ende des 21. Jahrhunderts. Wir brauchen klare Zielvorgaben: Welchen Prozentanteil Frauen möchte die Humboldt-Universität bis wann erreichen? Welchen die TU München? Welchen die Uni Bonn? Wenn diese poolbezogenen Vorgaben nicht erreicht werden, muss es Sanktionen geben, etwa in Form von Mittelabzügen durch die jeweilige Landesregierung oder den Bund – in einer Höhe, die wehtut. Sonst wird sich nichts ändern.

Claudia Kemfert : Die Frage ist nur, ob Quoten der richtige Weg sind. Aus der Ökonomie wissen wir, dass freiwillige Selbstverpflichtungen ohne Sanktionen nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Preismechanismen funktionieren besser als starre Quoten, finanzielle Anreize besser als Strafen. Wenn wir neue Technologien auf den Markt bringen wollen, fördern wir sie auch finanziell. Bezogen auf die Wissenschaft, heißt das: Wenn eine Fakultät eine Frau auf eine Professur beruft, bekommt sie mehr Geld als bei einem Mann, und zwar bei jeder Frau, nicht nur bei Erfüllung einer Quote.

DIE ZEIT : Aber die Hochschulen werben doch um mehr Frauen.

Kemfert : Bislang ist dies leider nicht ausreichend erfolgreich. Da steht in Ausschreibungen, man möchte den Frauenanteil erhöhen. Am Ende aber greifen doch die gleichen Umgehungsmechanismen. Wir benötigen eine kritische Masse an Frauen auf Professorenstellen, dann regelt sich der Rest von selbst. Dann können auch Frauen Netzwerke bilden, wie das heute die Männer tun.

DIE ZEIT : Sind Männernetzwerke der Grund, warum die deutsche Wissenschaft in Sachen Chancengleichheit so schlecht dasteht?

Allmendinger : Höchstwahrscheinlich. Je informeller Entscheidungen über Karrieren fallen, desto einflussreicher können Netzwerke sein. In Deutschland sind viele Spielregeln des wissenschaftlichen Betriebs noch immer schwer zu durchschauen. Die Chance zu promovieren etwa wird vielerorts noch per Schulterklopfen vergeben, nach dem Motto: Wollen Sie nicht bei mir promovieren? Der Professor schickt seinen Schüler auf internationale Konferenzen, hilft ihm, aus der Dissertation Aufsätze für renommierte Zeitschriften zu schreiben. Er weiß: Später bekommt er seinen Einsatz vergolten. Etwa indem der Schüler ihn einlädt, in einem Herausgeberband zu schreiben. Schon nach der statistischen Wahrscheinlichkeit lohnt es sich mehr, einen Mann zu fördern. Zudem machen es praktische Gründe Wissenschaftlerinnen hierzulande schwer.

DIE ZEIT : Welche sind das?

Allmendinger : In den USA bin ich schon vor 25 Jahren gefragt worden: Bringen Sie Ihren Partner mit? Was brauchen Sie für Ihr Kind? Das wird in Deutschland bis heute kaum in einem Einstellungsgespräch angesprochen.

DIE ZEIT : Hoffen Sie, dass die neuen Doktorandenprogramme mehr Chancengleichheit bringen?

Allmendinger : Ja. Für diese strukturierten Programme nach internationalem Vorbild bewirbt man sich selbst. Sie beenden die Abhängigkeit von einem Professor, der einem die Promotion anbietet oder gnädig gewährt. Zudem wird man systematisch von zwei Hochschullehrern betreut, nicht nur von einem einzigen Mentor. Dies wird denjenigen Frauen helfen, die bislang kaum Chancen sahen, sich auf intransparenten und zeitlich undefinierten Pfaden über Promotion und Habilitation einer Professur zu nähern.