Als Friedrich Merz noch Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag war, konnte es Journalisten, die in ihren Artikeln die Union mit dem Begriff »konservativ« belegt hatten, passieren, dass sie einen Anruf aus dem Büro des Vorsitzenden bekamen: Das Etikett sei zum Kampfbegriff des politischen Gegners geworden, mit dem die Union als reformorientierte Partei verunglimpft werden solle. Die Zuschreibung »konservativ« wurde seinerzeit als unpassend, ja gefährlich empfunden. Umso verwunderlicher, dass der wirtschaftsliberale Reformer Friedrich Merz es später dann doch noch bis zur Symbolfigur der Konservativen in der Union gebracht hat. Er avancierte zum Aushängeschild einer Gruppe, die sich in der Union seit Jahren in der Defensive befindet.

Und diese Defensive hat es in sich. Mittlerweile fällt es schon schwer, in der CDU Politiker aufzuspüren, die sich zu ihren konservativen Neigungen offen bekennen. Bedeutendere Figuren aus der Partei, wie etwa Roland Koch oder Volker Kauder, denen man durchaus einen Hang zum Konservativen zutraut, wollen sich ausdrücklich nicht dort verortet sehen. Die Folge: kaum mehr eine Stellungnahme aus der konservativen Ecke der Partei ohne die selbstquälerische Feststellung, es fehlten die herausragenden Köpfe, es fehlte gar die »Leitfigur«. Ja, Strauß, Dregger, Kanther, das waren noch Zeiten! Aber nun illustriert die Ahnenreihe nur noch den Niedergang.

Aus der personellen Krise des Konservatismus ergibt sich fast zwangsläufig die inhaltliche. Wie heute eine zeitgemäße und doch dezidiert konservative Politik aussehen könnte, haben bislang auch diejenigen nicht formuliert, die sie immer wieder fordern – allen voran der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm, CSU-Generalsekretär Markus Söder oder in jüngster Zeit der CDU-Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag, Stefan Mappus. Bis heute gibt es einen deutlichen Widerspruch zwischen den Klagen über das fehlende Profil der Partei und der Unfähigkeit der Kläger, das Defizit auch nur etwas genauer zu umreißen. Wo immer derzeit konservativ gestimmte Unionisten ihre Gesinnung formulieren, dominieren deshalb vor allem die Metaphern: Da muss das »Tafelsilber gepflegt«, das »Profil geschärft«, die »konservative Grundierung betont« werden. Es gibt offenbar ein Bedürfnis, nur noch keine Politik, die dazu passt.

Ihre Vorstellungen artikulieren diejenigen, die der Union wieder eine konservativere Orientierung geben wollen, fast ausschließlich in der Kritik am derzeitigen Kurs von Partei und Regierung. Einfluss auf beide haben sie kaum. Irgendwann zwischen dem Machtverlust der Union 1998 und der Bildung der Großen Koalition 2005 ist den einst mächtigen Konservativen in der Union etwas Schlimmes widerfahren. Vielleicht war die Übernahme der Führung durch Angela Merkel für die westdeutsch geprägte Männerpartei CDU wirklich die entscheidende Zäsur, als die sie schon damals empfunden wurde. Jedenfalls zeichnete sich seinerzeit bereits die Kurskorrektur ab, unter deren Auswirkung die Konservativen in der Partei erst jetzt richtig leiden. Denn heute ist der Flügel, mit dessen Namen man die Union jahrzehntelang identifiziert hatte, schlichtweg marginalisiert.

In den Jahren der Opposition ließen sich der Merkel-Modernismus, die gesellschaftliche Öffnung, die Ansätze für eine neue Familien- und Ausländerpolitik noch halbwegs ignorieren. An der Basis kam wenig an von den programmatischen Debatten über Familie und Ausländer. Und zudem bot Rot-Grün genug Angriffsfläche für die polarisierende Kampfrhetorik, in der sich die alte Union noch erkannte. Das war die Zeit, als der polemische Intellekt eines Roland Koch oder die versierte Reformeuphorie eines Friedrich Merz noch als Alternative zur Merkel-CDU daherkamen. Die CDU hatte deutliche Schattierungen – also auch unterschiedliche Entwicklungsperspektiven. Nichts schien entschieden. Und mit der CSU gab es auch noch die Schwesterpartei, die ihr urkonservatives Selbstverständnis problemlos mit den Erfordernissen pragmatisch-aufgeschlossener Alltagspolitik kombinierte. Wäre Stoiber 2002 Kanzler geworden, der kulturelle Konservatismus in der Union hätte wohl auf Jahre hinaus seine Bastion gehalten. So aber zog Angela Merkel ins Kanzleramt. Ihr Kurs ist seither unangefochten, er wirkt fast hegemonial. Deshalb müssen die Konservativen ganz unten anfangen, ihren Flügel und ihren Einfluss neu aufzubauen.

Kürzlich haben sich in Berlin vier jüngere Unionspolitiker getroffen, um dem Konservatismus in der Union wieder etwas auf die Beine zu helfen. In anderen Zeiten wäre es niemandem aufgefallen, wenn sich Markus Söder, Stefan Mappus, der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, und der nordrhein-westfälische CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst im Café Einstein Unter den Linden getroffen hätten. Zumal von dem Treffen, außer seiner Intention, nichts bekannt wurde, was als politisch aufregend gelten kann. Klar, die Gruppe will zusammen mit anderen aus der Union »das konservative Profil schärfen« – wieder einmal. Söder und Mappus wollen ein Manifest verfassen. Okay. Dennoch fand das Treffen sein Echo, in den Medien und in der Partei. Das konservative Vakuum in der Union ist inzwischen so stark, dass schon die bloße Ankündigung, es auffüllen zu wollen, Neugier weckt.