Cao Kefei
Ich habe lange in der Schweiz gelebt und dort, am Schauspielhaus Zürich, meine Theaterausbildung gemacht. In Bern habe ich dann auch inszeniert. Und seit zehn Jahren lebe ich mit meinen Kindern wieder in Peking. Ich habe hier als erste Regisseurin Thomas Bernhard gespielt, Die Macht der Gewohnheit, ich habe ein Stück meines Bruders, Endstation Peking, inszeniert, das sich sehr kritisch mit dem neuen, nach Geld und Erfolg gierenden Peking auseinandersetzt. Es heißt darin: »Der Sinn des Lebens wurde schon immer produziert, früher sagten uns Religionen, Ideale, Philosophen, wie man zu leben hatte, heute produzieren wir mit Hollywood, Gucci, Chanel und Ferrari den Sinn des Lebens.«
Das ist sehr gegen die chinesischen Konventionen. Hier wird sonst auf der Bühne nur »durch die Blume« erzählt. Im chinesischen Alltag werden so viele Spiele gespielt, Verhüllungsspiele, Verkleidungsspiele und wir spielten plötzlich ohne Verkleidungen. Das hat eine großes Freiheitsgefühl im Publikum ausgelöst. Die Leute von der Zensur waren in jeder Vorstellung, aber sie haben nichts gesagt. Ich habe auch ein Stück gemacht, in dem sechs Chinesinnen sehr frei und offen über ihr Leben reden, es heißt Together. Wir haben die Realität der Frauen auf die Bühne gebracht, wie es das bis dahin nicht gab: Es waren keine Schauspielerinnen, sondern Laien, die ihr eigenes Leben darstellten - sie sprachen von der Suche nach Liebe, von ihrer eigenen Sexualität, auch von Misshandlung.
Theaterpolitik ist in China eine Sache ohne Inhalt und Plan, die Zensur existiert, aber man entledigt sich ihrer, indem man vor der ersten Aufführung einen bestimmten Preis zahlt. Es ist alles sehr inhaltsleer.
Das chinesische Theater ist in einem tiefen Tal, nach einer experimentierfreudigen Phase in den achtziger Jahren war es der staatlichen Kontrolle und Propagandamaschinerie ausgesetzt, heute ist vor allem der kommerzielle Druck groß. Das Theater geht in Richtung Slapstick, Kabarett, Klamotte. Staatliche Behörden brauchen oft gar nicht mehr ideologisch einzugreifen, weil freie Theaterarbeit wegen fehlender öffentlicher Unterstützung ohnehin kaltgestellt ist. In dieser Zeit des wirtschaftlichen Wachstums und der großen Krise der innovativen Theaterszene floriert das seifenopernartige Unterhaltungstheater. Das ist nichts anderes als intellektuelles Fast Food, es dient den Konsumenten, die unter Leistungsdruck stehen, vor allem zur Zerstreuung, zur Flucht aus ihrem Alltag.
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- Quelle DIE ZEIT Nr.30 vom 19.07.2007, S.36
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