DIE ZEIT: Olympia 2008 in Peking wird das größte Sportereignis aller Zeiten sein. Was bedeutet es für China? Ein Fest oder nur eine riesige Propagandaveranstaltung für die Kommunistische Partei?

Feng Ling: Es ist sicher mehr als bloß Propaganda! Es ist für jeden von uns ein großer Moment.

Wang Hui: Olympia bietet vor allem für den Rest der Welt die Chance, zu begreifen, was in China wirklich vor sich geht. Natürlich wird die Regierung versuchen, das Ereignis für sich zu nutzen. Aber die meisten Leute sind einfach glücklich, so etwas Großes erleben zu dürfen.

ZEIT: Wir Deutschen haben schon unsere Erfahrungen mit Olympischen Spielen in einer Diktatur. Auch 1936 war die Welt in Berlin zu Gast, am Ende waren diese Spiele aber ein Triumph der nationalsozialistischen Propaganda.

Feng: Aber China ist etwas ganz anderes als Deutschland 1936! In Peking spürt man nichts von einer Diktatur.

Wang: Natürlich, gibt es immer Momente, die uns daran erinnern, dass wir in einem autoritären Regime leben. Aber die Begriffe Diktatur oder Totalitarismus beschreiben die komplizierten Prozesse nicht, die hier im Moment vor sich gehen.

ZEIT: Wo würden Sie denn einen ausländischen Besucher zuerst hinbringen, um ihm zu zeigen, wie und was China heute ist?

Feng: Vielleicht hierher, in dieses Künstlerviertel 798, wo ich mein Studio habe. Es ist wie eine Art Showroom für Chinas Avantgardekunst. Hier kann man sogar erleben, wie die Regierung die Künstler unterstützt. Die lokale Verwaltung hat eigens ein Komitee gegründet, denn natürlich kann so ein Platz ohne staatliche Akzeptanz nicht existieren. Unsere Regierung hat gesehen, wie etwa in Frankreich die Kunst unterstützt wird, und so macht sie das jetzt auch.

Wang: Es kommt natürlich sehr darauf an, wem man China zeigen will. Gästen, die schon Peking oder die großen Städte an der Küste besucht haben, würde ich die entlegenen, armen Gegenden zeigen, um ihnen die Komplexität der Verhältnisse vorzuführen. Und demjenigen, der nur negativ über China denkt, würde ich etwas wie 798 zeigen, um deutlich zu machen, dass es mehr gibt als Umweltverschmutzung und Parteiwillkür.

ZEIT: Aber wird nicht gerade Olympia ein gewinnendes, glamouröses Bild von China zeichnen, das mit der Realität wenig zu tun hat?

Wang: Es gibt zwei Bilder von China: Das eine werden wir im Fernsehen zu sehen bekommen. Wir müssen auf das andere hinweisen, auf die Situation auf dem Land zum Beispiel. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht: Immer wenn wir China als großes, widersprüchliches Land zeigen, beginnt sich das Ausland zu fürchten.

Feng: Das ist doch normal. China wird immer mächtiger, kulturell, wirtschaftlich, in der Wissenschaft. Das wirkt bedrohlich, aber wir waren auch immer ein gastfreundliches Land und nie so aggressiv und expansiv wie etwa die USA.

ZEIT: Ist das Peking des Jahres 2007 wirklich eine so weltoffene Stadt, wie es zunächst erscheint?

Feng: Peking ist, wie es aussieht. Das Künstlerviertel 798 ist ein globalisiertes Dorf. Wir treffen hier Menschen aus aller Welt. Insbesondere nach 2003 gab es einen unglaublichen Schub, inzwischen sind wir weltweit vernetzt.

Wang: Nehmen Sie nur das Essen. Als ich vor zehn Jahren nach Peking kam, gab es nur die lokale Küche. Inzwischen gibt es hier mexikanische, indische, russische Restaurants. Und an meiner Universität habe ich Studenten aus den USA, aus Italien, Korea, Taiwan. Das ist die gute Seite. Die Kehrseite ist der mangelnde Schutz der alten Architektur. Und nicht nur der Architektur, sondern der ganzen traditionellen Art, in Gemeinschaften zu leben. Das heißt ja nicht, sich in seinem überkommenen Lebensstil abzuschotten. Man kann traditionell und offen zugleich sein.

ZEIT: Haben Sie manchmal Angst vor der Geschwindigkeit, mit der sich alles verändert?

Feng: Im Moment brauchen wir dieses Tempo. Früher oder später wird es auch wieder langsamer zugehen, so wie in Europa.

Wang: Das Tempo ist weit jenseits meiner Erwartungen, ich komme da kaum mit. Auch das ist ein dialektischer Prozess: In manchem sind wir noch zu langsam, bei anderem haben wir bereits die Kontrolle verloren, etwa in Peking, wo ganze Stadtviertel zerstört werden. Das sind Folgen der rasanten Entwicklung in den letzten 20, 30 Jahren. Aber diese Entwicklung hat auch dazu geführt, dass die Armut dramatisch zurückgegangen ist.